Der Klimawandel ist am Baikalsee deutlich messbar. Die Luft über dem See wurde im 20. Jahrhundert um rund 1,2 °C wärmer, doppelt so stark wie im globalen Mittel, das Oberflächenwasser vor Bolschije Koty seit 1946 um 1,21 °C. Die Eisdecke im Süden hält heute rund drei Wochen kürzer als im 19. Jahrhundert. Austrocknen wird der See dadurch nicht.
Wie stark hat sich die Luft am Baikalsee erwärmt?
Deutlich stärker als im Weltmittel. Nach Auswertungen des Limnologischen Instituts in Irkutsk stieg die mittlere Jahrestemperatur der Luft am Baikal im 20. Jahrhundert um rund 1,2 °C, während die Erde im selben Zeitraum um rund 0,6 °C wärmer wurde. Am stärksten erwärmten sich die Winter mit rund 2 °C, die Sommer dagegen nur um rund 0,8 °C. Das passt zu einem bekannten Muster: Die Erwärmung nimmt von den niederen zu den hohen Breiten zu, und kontinentale Winter reagieren besonders empfindlich.
Die einzelnen Wetterstationen zeigen das gleiche Bild, mit lokalen Unterschieden. In Ulan-Ude stieg die Jahresmitteltemperatur über gut 100 Jahre um rund 2,5 °C, in Nowoselenginsk um 1,8 °C und in Kjachta um 1,6 °C. Für die Station Ulan-Ude berechneten burjatische Geografen einen Trend von 0,23 °C pro Jahrzehnt für 1900 bis 2011, seit den 1970er-Jahren von 0,36 °C pro Jahrzehnt. Für das gesamte Transbaikalien geben sie zwischen 1885 und 2012 eine Erwärmung von rund 2 °C an. Im Einzugsgebiet in der Mongolei wurde es in rund 70 Jahren um 2,14 °C wärmer.
| Messgröße | Erwärmung | Zeitraum | Quelle |
|---|---|---|---|
| Luft am Baikal, Jahresmittel | +1,2 °C | 20. Jahrhundert | Schimarajew u. a. 2002 |
| Luft am Baikal, Winter / Sommer | +2,0 °C / +0,8 °C | 20. Jahrhundert | Schimarajew u. a. 2002 |
| Winterluft der Region (50–60° N) | 0,3 °C pro Jahrzehnt; seit 1970 1,1 °C pro Jahrzehnt | 1892–1996 | Todd und Mackay 2003 |
| Ulan-Ude, Jahresmittel | 0,23 °C pro Jahrzehnt; seit 1970 0,36 °C | 1900–2011 | Garmajew u. a. 2017 |
| Oberflächenwasser vor Bolschije Koty | +1,21 °C | 1946 bis Mitte der 2000er | Hampton u. a. 2008 |
| Sommerliches Oberflächenwasser, 79 Stationen | +2,0 °C | 1977–2003 | Ismestjewa u. a. 2016 |
Auch die Jahreszeiten haben sich verschoben. Anfang der 1970er-Jahre waren in der Region die Perioden mit Temperaturen über und unter null Grad mit je 180 bis 185 Tagen etwa gleich lang. Anfang der 2000er-Jahre lag die Zeit mit Plusgraden bei über 200 Tagen. Wie in ganz Russland verlief die Erwärmung nicht gleichmäßig: Auf eine Wärmephase zwischen 1910 und 1945 folgte eine leichte Abkühlung bis Mitte der 1970er-Jahre, danach die bisher stärkste Erwärmung.
Wird das Wasser des Baikalsees wärmer?
Ja, in den oberen Schichten. Die genaueste Reihe stammt von der Station 1 der Universität Irkutsk, rund 2,7 Kilometer vor Bolschije Koty über etwa 800 Meter tiefem Wasser. Seit 1945 nehmen Biologen dort alle sieben bis zehn Tage Proben bis in 250 Meter Tiefe, über Jahrzehnte geführt von drei Generationen der Familie Koschow. Stephanie Hampton und Kollegen werteten die Reihe 2008 aus: Das Oberflächenwasser erwärmte sich seit 1946 um 1,21 °C, also um rund 0,2 °C pro Jahrzehnt. In 25 Metern Tiefe waren es 0,12 °C pro Jahrzehnt, im Sommer an der Oberfläche sogar 0,38 °C.
Dass es sich nicht nur um ein örtliches Signal handelt, zeigt eine seeweite Auswertung. An 79 Stationen, die von 1977 bis 2003 einmal jährlich während der sommerlichen Schichtung beprobt wurden, stieg die Temperatur des Oberflächenwassers um 2,0 °C. Bemerkenswert ist, dass sich das Sommerwasser an der Oberfläche stärker erwärmt hat als die Sommerluft. Fachleute führen das unter anderem auf den früheren Eisaufbruch zurück, durch den sich im Frühjahr länger Wärme in der Deckschicht sammeln kann.

Das Tiefenwasser unterhalb von rund 300 Metern liegt dagegen weiter bei 3,1 bis 3,4 °C. Ob das so bleibt, hängt vor allem vom Wind ab. Etwa zweimal im Jahr sinkt kaltes, sauerstoffreiches Oberflächenwasser an den Hängen bis zum Grund ab und erneuert das Tiefenwasser. Ein Modell von Sebastiano Piccolroaz und Marco Toffolon aus dem Jahr 2018 ergab, dass diese Belüftung wärmere Oberflächen gut verkraftet, auf veränderte Windverhältnisse aber empfindlich reagiert. Wie sich die Winde über dem See entwickeln, lässt sich bisher nicht verlässlich vorhersagen. Wie die Langzeitreihen erhoben werden, beschreibt die Seite über die Limnologie am Baikalsee.
Was ändert sich bei Eis, Schnee und Zuflüssen?
Am deutlichsten beim Eis. In Listwjanka, wo Zufrieren und Aufbruch seit dem Winter 1868/69 notiert werden, hielt die Eisdecke zwischen 1869 und 1898 im Mittel 124 Tage, zwischen 1991 und 2019 noch 102 Tage. Vor allem friert der See später zu, der Aufbruch hat sich weniger verschoben. Die Einzelheiten, Ursachen und Zahlen nach Jahrzehnten stehen auf der Seite Eisdauer im Wandel; wann der See in einem gewöhnlichen Winter zufriert, beschreibt die Seite zur Eissaison am Baikalsee.
Beim Schnee ist das Bild uneinheitlich. Die Schneedecke liegt in Transbaikalien seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im Mittel rund fünf Tage kürzer, am stärksten in den Gebieten am See. Weil im Winter zugleich etwas mehr Niederschlag fällt, ist sie seit Mitte der 1960er-Jahre aber im Mittel um 2 bis 4 Zentimeter höher geworden. Für den See ist das wichtig, denn Schnee auf dem Eis entscheidet darüber, wie viel Licht ins Wasser gelangt.
Beim Wasser aus den Flüssen überwiegen natürliche Zyklen. Eine Rekonstruktion für die vergangenen 250 Jahre fand keinen klaren Trend bei Niederschlag und Wasserstand. Auf eine wasserreiche Phase an der Selenga von 1979 bis 1995 folgte ab Mitte der 1990er-Jahre die längste Trockenphase seit Beginn der Messungen, die 2014 bis 2017 ihren Tiefpunkt erreichte. Ob sie mit der Erwärmung zusammenhängt, ist nicht geklärt. Wie der Seespiegel auf solche Phasen reagiert und welche Rolle der Damm von Irkutsk spielt, erklärt die Seite Wasserstand und Staudamm.
Wie reagieren Pflanzen und Tiere im See?
Am empfindlichsten sind die Arten, die auf das Eis angewiesen sind, und das betrifft ausgerechnet das unterste und das oberste Glied der Nahrungskette. Die großen endemischen Kieselalgen wie Aulacoseira baicalensis wachsen im Spätwinter unter dem klaren Eis. Kürzere Eiswinter und mehr Schnee oder Regen im Frühjahr könnten diese Blüte verkürzen oder dämpfen. Marianne Moore und Kollegen erwarteten 2009 eine Verschiebung hin zu kleinen, weit verbreiteten Algenarten; eine ähnliche Verschiebung findet sich in Sedimenten aus der mittelalterlichen Warmzeit.
Im Plankton sind Veränderungen bereits gemessen. An der Station vor Bolschije Koty stieg der Gehalt an Chlorophyll, einem Maß für die Algenmenge, im Sommer seit 1979 im Mittel um 300 Prozent, die Zahl der wärmeliebenden Wasserflöhe seit 1946 um 335 Prozent. Seeweit nahm der kosmopolitische Hüpferling Cyclops kolensis zwischen 1977 und 2003 um das Zwölffache zu. Der endemische, kälteliebende Ruderfußkrebs Epischura baicalensis, der das Zooplankton dominiert, blieb dagegen stabil. Eine allgemeine Überdüngung des offenen Sees fand diese Studie nicht: Chlorophyll stieg nur im Südbecken deutlich, und die mittlere Sichttiefe nahm sogar um 1,4 Meter zu.

Für die Baikalrobbe sind Eis und Schnee Kinderstube. Die Weibchen bringen ihre Jungen im Spätwinter in Schneehöhlen auf dem Eis zur Welt. Regen im Frühjahr und milde Luft können diese Höhlen vorzeitig zerfallen lassen. Bricht das Eis sehr früh auf, müssen erwachsene Tiere ins Wasser, bevor ihr Fellwechsel abgeschlossen ist; nach älteren Beobachtungen des Robbenforschers Pastuchow kann das die Fruchtbarkeit der Weibchen um bis zu 60 Prozent senken. Auch kälteliebende Arten wie die Golomjanka, die nachts zum Fressen aufsteigt, könnten wärmeres Oberflächenwasser meiden. Für den Omul halten Moore und Kollegen für möglich, dass wärmeres Wasser die Qualität seines Fleisches mindert, belegt ist das bisher nicht.
Welche Rolle spielen Permafrost, Waldbrände und andere Belastungen?
Der Klimawandel verstärkt Belastungen, die der See ohnehin hat. Taut der Permafrost im Einzugsgebiet, gelangen mehr Nährstoffe, Schwebstoffe und organischer Kohlenstoff in die Flüsse; im Norden der Mongolei, aus dem die Selenga einen großen Teil ihres Wassers bezieht, taut er nach Berichten aus den 2000er-Jahren bereits. An den Ufern kann tauender Boden die Erosion beschleunigen, mit möglichen Folgen für Laichplätze im Flachwasser.
Waldbrände haben in Sibirien zugenommen. Sieben der Jahre zwischen 1998 und 2006 galten dort als extreme Brandjahre. In Burjatien brannten von April bis Oktober 2015 rund 750.500 Hektar Wald, etwa das Zwölffache des langjährigen Mittels. Asche und Ruß können Stickstoff und Phosphor über die Luft in den See tragen. In der Uferzone treffen solche Einträge auf Abwässer aus Siedlungen und Tourismus. Wie sich die Belastungen überlagern, ist im Einzelnen noch wenig untersucht. Wärmeres Wasser und zusätzliche Nährstoffe können aber dieselben Organismen begünstigen, etwa Fadenalgen am Ufer und kleine Algen im Plankton.
Was sagen die Prognosen für den Baikal?
Alle Modelle erwarten ein wärmeres und im Winter feuchteres Klima, die Größenordnung hängt aber stark vom Szenario ab. Für Nordasien, zu dem der Baikal gehört, ergab der Weltklimabericht von 2007 für die Jahre 2080 bis 2099 im Median der Modelle eine um 4,3 °C höhere Jahrestemperatur als 1980 bis 1999, im Winter um 6 °C und im Sommer um 3 °C. Die Winterniederschläge sollen im Median um 26 Prozent zunehmen, mit einer Spanne von 12 bis 55 Prozent. Moore und Kollegen leiteten daraus ab, dass das Oberflächenwasser im Sommer und Herbst bis 2100 um mehr als 4,5 °C wärmer sein könnte.
Für das Eis reichen die Schätzungen von zwei bis vier Wochen weniger bis zu rund zwei Monaten. Todd und Mackay erwarteten 2003 eine Verkürzung um weitere 15 bis 28 Tage bis 2071 bis 2100, eine im UNDP-GEF-Umweltbericht zitierte Irkutsker Prognose am Ende des Jahrhunderts nur noch 56 bis 60 Eistage im Süd- und Mittelbecken und rund 76 im Norden. Unsicher bleiben der Wind, der Schnee und die Frage, wie Pflanzen und Tiere sich anpassen. Die Prognosen beruhen zudem auf Modellgenerationen, die inzwischen weiterentwickelt wurden.
Trocknet der Baikalsee durch den Klimawandel aus?
Nein. Der Baikal enthält rund 23.615 Kubikkilometer Wasser und ist im Mittel rund 744 Meter tief. Sein Spiegel schwankt dagegen um Dezimeter, über Jahrzehnte um ein bis zwei Meter. Ein Meter Pegel entspricht bei 31.722 Quadratkilometern Fläche rund 32 Kubikkilometern, also gut einem Zehntel Prozent des Volumens. Selbst in den extrem trockenen Jahren 2015 bis 2017 lag der Spiegel nur 10 bis 29 Zentimeter unter der zulässigen Untergrenze von 456 Metern.
Zu- und Abfluss halten sich im Mittel die Waage: Jedes Jahr kommen rund 60 bis 70 Kubikkilometer Wasser hinzu, ebenso viel fließt über die Angara ab oder verdunstet. Bringen die Flüsse weniger Wasser, lässt das Kraftwerk Irkutsk weniger abfließen. Klimatisch bedenklich ist deshalb nicht die Wassermenge, sondern die Veränderung von Temperatur, Eis und Lebensgemeinschaften.
Häufige Fragen zum Klimawandel am Baikalsee
Erwärmt sich der Baikalsee schneller als andere Seen?
Die Erwärmungsraten des Oberflächenwassers von rund 0,2 °C pro Jahrzehnt liegen im Bereich anderer großer Seen. Ungewöhnlich ist, dass ein so großer und tiefer See überhaupt so rasch reagiert. Die Luft in der Region erwärmt sich dagegen etwa doppelt so schnell wie im globalen Mittel.
Ist das Tiefenwasser des Baikals schon wärmer geworden?
Ein Trend ist bisher vor allem in den oberen Wasserschichten bis rund 25 Meter Tiefe belegt. In der Tiefe liegt die Temperatur seit Langem bei 3,1 bis 3,4 °C. Modelle zeigen, dass sich das ändern kann, wenn sich die Winde verschieben, die die Tiefenwassererneuerung antreiben.
Wird der Baikal durch den Klimawandel trüber?
Für den offenen See ist das nicht belegt: Seeweit nahm die Sichttiefe zwischen 1977 und 2003 sogar zu. Im Südbecken stieg dagegen die Algenmenge. Trüb und grün wird vor allem die Uferzone an Orten mit Abwassereinleitung.
Gibt es am Baikal heute mildere Winter?
Im Mittel ja, die Winter haben sich am stärksten erwärmt. Strenge Winter gibt es trotzdem weiterhin, und von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre waren einige Winter sogar kälter als zuvor. Natürliche Schwankungen der Luftströmungen überlagern den langfristigen Trend.
Welche Tiere sind am stärksten gefährdet?
Nach dem Forschungsstand vor allem Arten, die Eis zur Fortpflanzung brauchen, also die Baikalrobbe und die großen Kieselalgen unter dem Eis. Kälteliebende Endemiten des offenen Sees könnten zudem durch wärmeliebende, weit verbreitete Arten verdrängt werden.
Quellen: Hampton u. a. (2008): Sixty years of environmental change in the world’s largest freshwater lake, Global Change Biology 14; Moore u. a. (2009): Climate Change and the World’s „Sacred Sea“, BioScience 59; Ismestjewa u. a. (2016): Lake-wide physical and biological trends associated with warming in Lake Baikal, Journal of Great Lakes Research 42; UNDP-GEF-Baikalprojekt: Umweltbericht, Kap. 1.4 Klima; Piccolroaz und Toffolon (2018), Climatic Change 150; Garmajew u. a. (2017), Wodnoje chosjaistwo Rossii 2; NSIDC: Global Lake and River Ice Phenology Database (Listwjanka); Todd und Mackay (2003), Journal of Climate 16. Stand: Oktober 2026.
