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Forschungsblatt · Wissenschaft & Umwelt

Eisdauer im Wandel: Friert der Baikalsee später zu?

Was 151 Winter Eisbeobachtung in Listwjanka über den Klimawandel verraten

Bereich
Wissenschaft & Umwelt
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Diagramm der Zufrier- und Aufbruchstermine bzw. der Eisdauer am Baikalsee über die Zeit
Abb. 1Eisdauer am Baikalsee im Wandel. Datengrafik nach den Quellen der Seite
Kurz gesagt

Ja. In Listwjanka, wo das Eis des Baikalsees seit dem Winter 1868/69 beobachtet wird, fror das Südbecken zwischen 1991 und 2019 im Mittel am 19. Januar zu, knapp zwei Wochen später als im 19. Jahrhundert. Das Eis brach rund neun Tage früher auf. Die Eisdecke hielt damit im Mittel 102 statt 124 Tage.

Friert der Baikalsee heute später zu als früher?

Ja, und das ist die größte Veränderung am Eis des Sees. In der Reihe von Listwjanka hat sich das Zufrieren seit dem 19. Jahrhundert um rund zwei Wochen verschoben, der Aufbruch im Frühjahr um gut eine Woche. Rechnet man über alle 151 Winter einen linearen Trend, friert das Südbecken heute rund 11,5 Tage pro Jahrhundert später zu, und das Eis bricht rund 5 Tage pro Jahrhundert früher auf. Die Eisdecke ist damit um rund 16,5 Tage pro Jahrhundert kürzer geworden. Zum Vergleich: Für Seen und Flüsse der ganzen Nordhalbkugel ermittelten John Magnuson und Kollegen im Jahr 2000 für 1846 bis 1995 im Mittel ein um 5,8 Tage pro Jahrhundert späteres Zufrieren und einen um 6,5 Tage früheren Aufbruch. Beim Zufrieren hat sich der Baikal also etwa doppelt so stark verändert.

ZeitraumZufrierenAufbruchEisdauer
1869–18986. Januar10. Mai124 Tage
1901–19306. Januar2. Mai116 Tage
1931–196011. Januar2. Mai110 Tage
1961–199016. Januar3. Mai108 Tage
1991–201919. Januar1. Mai102 Tage

Die Werte sind Mittel über rund 30 Winter, berechnet aus den Daten, die das Limnologische Institut in Irkutsk an die internationale Datenbank für Eisphänologie am National Snow and Ice Data Center der USA geliefert hat. Ältere Auswertungen kommen je nach Zeitraum zu ähnlichen Ergebnissen: Für 1869 bis 1996 fanden Martin Todd und Anson Mackay eine Verkürzung um 11,6 Tage pro Jahrhundert, für 1896 bis 2000 nennen Irkutsker Forscher um Schimarajew 18 Tage. Die übliche Angabe auf der Seite zur Eissaison am Baikalsee, das Südbecken friere im Mittel um den 9. Januar zu, ist ein Durchschnitt über die ganze Reihe; in den letzten drei Jahrzehnten liegt der Termin deutlich später.

Unzugefrorener See im späten Dezember mit Frostrauch und schmalem Eisrand am verschneiten Ufer
Abb. 2Ende Dezember ist der offene See oft noch eisfrei. Symbolbild

Einzelne Winter weichen stark ab. Am frühesten fror das Südbecken am 14. Dezember 1876 zu, am spätesten erst am 14. Februar 2015. Der Winter 2014/15 war mit nur 62 Eistagen zugleich der kürzeste der Reihe, der Winter 1878/79 mit 157 Tagen der längste. Doch auch in jüngerer Zeit gibt es lange Eiswinter: 2009/10 hielt das Eis 144 Tage, und der Aufbruch am 28. Mai 2010 war der späteste der ganzen Reihe.

Wie wird die Eisdauer am Baikal gemessen?

Die lange Reihe beruht auf Beobachtungen vom Ufer. In Listwjanka halten Beobachter fest, an welchem Tag sich vor dem Ort eine feste Eisdecke bildet und an welchem Tag sie im Frühjahr wieder aufbricht. Die Daten reichen bis ins Jahr 1869 zurück und gehören zu den längsten Eisreihen großer Seen weltweit. Sie beschreiben allerdings nur einen Punkt am Südwestende, der wegen der Nähe zum offenen Angara-Ausfluss nicht für den ganzen See stehen kann.

Andere Uferstationen haben kürzere oder lückenhafte Reihen. Seit 1992 ergänzen Satelliten das Bild. Radarhöhenmesser und Mikrowellenradiometer erkennen Eis unabhängig von Wolken und Dunkelheit und erlauben, Zufrieren und Aufbruch für das Nord-, Mittel- und Südbecken getrennt zu verfolgen. Die Eisdicke wird an festen Punkten mit Bohrungen gemessen, inzwischen auch mit automatischen Stationen, die über Monate im Eis verankert bleiben. Was diese Messungen über das Leben im Wasser verraten, beschreibt die Seite über das Leben unter dem Eis.

Warum verschiebt sich vor allem das Zufrieren?

Weil sich der Spätherbst und Frühwinter stärker erwärmt haben als das Frühjahr. Nach Schimarajew und Kollegen stieg die Lufttemperatur im November und Dezember im 20. Jahrhundert um rund 1,6 °C, im April und Mai um rund 0,9 °C. Ob der Baikal früh oder spät zufriert, hängt stark davon ab, wie schnell er im Frühwinter seine Sommerwärme verliert. Ein milder Dezember hält ihn länger offen.

Beim Aufbruch zeigt die Reihe eine Besonderheit. Todd und Mackay stellten 2003 fest, dass die Verschiebung zum früheren Aufbruch fast ganz in die Jahre zwischen etwa 1880 und 1920 fiel. Danach fanden sie bis 1996 keinen signifikanten Trend mehr. Der Grund dürfte im April liegen: Gerade in diesem Monat, der den Aufbruch im Süden am stärksten bestimmt, ist die Luft in der Region zwischen 1920 und 1996 kaum wärmer geworden. Die Jahrzehntmittel bestätigen das Muster: Seit den 1910er-Jahren pendelt der mittlere Aufbruch zwischen Ende April und Anfang Mai, während das Zufrieren über die Jahrzehnte immer später wurde, mit dem größten Sprung in den 1980er-Jahren.

Von Jahr zu Jahr bestimmen großräumige Luftströmungen das Eis. Todd und Mackay fanden, dass Winter mit langer und dicker Eisdecke mit kalten Strömungen aus Nordosten einhergehen, kurze Eiswinter mit milder Luft aus Südwesten. Diese Strömungen hängen mit großräumigen Druckmustern der Nordhalbkugel zusammen, vor allem mit der Arktischen Oszillation und dem Skandinavien-Muster. Was diese Muster nicht erklären, hängt vor allem mit Lage und Stärke des Sibirischen Hochs zusammen, des winterlichen Kältehochs über Zentralasien.

Ist der Wandel in allen Teilen des Sees gleich?

Nein, und für große Teile des Sees ist er schlechter belegt als für den Süden. Für die Jahre 1950 bis 2007 nennt der Umweltbericht des UNDP-GEF-Baikalprojekts eine Verkürzung der Eiszeit um 12 bis 25 Tage, je nach Seeteil. Im Norden friert der See früher zu und bleibt länger gefroren; dort wird das Eis meist um 1 Meter dick, im Süden um 80 Zentimeter.

Satellitendaten von 1992 bis 2004 zeigten zudem, dass der Trend nicht geradlinig verläuft. Alexei Kurajew und Kollegen fanden für diese Jahre in allen drei Becken kältere Winter mit früherem Zufrieren, späterem Aufbruch und längerer Eiszeit. Sie deuten das als Teil langer Temperaturzyklen: einer Erwärmung zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren, auf die eine kühlere Phase folgte. Auch in der Reihe von Listwjanka hielt das Eis in den 2000er-Jahren im Mittel etwas länger als in den 1990er-Jahren, bevor die 2010er-Jahre wieder zu den kürzesten Eiswintern gehörten.

Wird das Eis auf dem Baikalsee auch dünner?

Ja, im Mittel ist das Eis am Ende des Winters dünner als vor einigen Jahrzehnten. Die Angaben unterscheiden sich je nach Messpunkt und Zeitraum, zeigen aber alle in dieselbe Richtung.

BefundZeitraumQuelle
Höchste Eisdicke rund 2,4 cm pro Jahrzehnt geringer1949–2000UNDP-GEF-Umweltbericht
Höchste Eisdicke im Südbecken rund 12 cm geringer1949–2000Schimarajew u. a. 2002, nach Moore u. a. 2009
Rückgang um 8,84 cm pro Jahrzehnt seit Anfang der 1970er-Jahre1950–1995Todd und Mackay 2003
Höchste Eisdicke je nach Messpunkt 15–24 cm geringer1950–2007UNDP-GEF-Umweltbericht

Mehr Schnee kann den Rückgang teilweise verstärken. Schnee isoliert das Eis gegen die kalte Luft und bremst das Wachstum an der Unterseite. In Transbaikalien wurde die Schneedecke seit Mitte der 1960er-Jahre im Mittel um 2 bis 4 Zentimeter höher, weil im Winter etwas mehr Niederschlag fällt. Auf dem offenen See fegt der Wind den Schnee allerdings oft fort, sodass sein Einfluss örtlich sehr unterschiedlich ist.

Treibende, schmelzende Eisschollen auf dunkelblauem Wasser im Mai
Abb. 3Eisschollen im Mai. Symbolbild

Was bedeuten kürzere Eiswinter für Tiere und Menschen?

Kürzere und dünnere Eisdecken treffen zuerst die Arten, deren Fortpflanzung am Eis hängt. Die großen Kieselalgen wie Aulacoseira baicalensis brauchen das klare Eis des Spätwinters für ihre Blüte, die Baikalrobbe bringt ihre Jungen in Schneehöhlen auf dem Eis zur Welt. Ein früher Aufbruch kann Robben ins Wasser zwingen, bevor ihr Fellwechsel abgeschlossen ist. Wie sich der Klimawandel auf den See insgesamt auswirkt, fasst die Seite Klimawandel am Baikalsee zusammen.

Für die Menschen am See bestimmt das Eis den Winterverkehr. Die offiziellen Eispisten zur Insel Olchon und über andere Buchten öffnen erst, wenn das Eis eine festgelegte Dicke erreicht hat, und schließen, sobald es im Frühjahr mürbe wird. Später zufrierendes und dünneres Eis verkürzt diese Zeit. Wie die Behörden die Eisstraßen auf dem Baikalsee freigeben, beschreibt die zugehörige Seite. Auch die Forschung hängt vom Eis ab: Die Module des Neutrinoteleskops Baikal-GVD werden jedes Jahr zwischen Februar und April vom Eis aus abgesenkt.

Wie könnte der Eiswinter am Ende des Jahrhunderts aussehen?

Deutlich kürzer, wie stark, ist unsicher. Todd und Mackay schätzten 2003 aus dem Zusammenhang zwischen Wintertemperatur und Eisdauer, dass die Eisdecke bis 2071 bis 2100 um weitere 15 bis 28 Tage kürzer werden könnte. Eine im UNDP-GEF-Umweltbericht zitierte Irkutsker Prognose erwartet für das Ende des Jahrhunderts nur noch 56 bis 60 Eistage im Süd- und Mittelbecken und rund 76 Tage im Norden, dazu eine maximale Eisdicke von rund 50 Zentimetern um 2050 und rund 31 Zentimetern um 2100. Im Süden könnte es dann Winter mit kurzer oder instabiler Eisdecke geben.

Beide Schätzungen beruhen auf älteren Klimamodellen und einfachen Zusammenhängen zwischen Temperatur und Eis. Wind, Schnee und die Wärme, die der See im Sommer speichert, können die Entwicklung verstärken oder bremsen, und die Schwankungen zwischen einzelnen Jahrzehnten bleiben groß. Sicher ist nur die Richtung: Ohne Umkehr der Erwärmung wird der Baikal im Mittel später zufrieren, früher auftauen und dünneres Eis tragen.

Häufige Fragen zur Eisdauer und zum Klimawandel

Gibt es Winter, in denen der Baikal gar nicht zufriert?

Bisher nicht. Auch im kürzesten Eiswinter der Reihe von Listwjanka, 2014/15, war das Südbecken rund zwei Monate bedeckt. Prognosen halten Winter mit nur kurzer oder instabiler Eisdecke im Süden gegen Ende des Jahrhunderts für möglich.

Ist der Eisaufbruch im Mai noch normal?

Ja. Im Mittel der Jahre 1991 bis 2019 brach das Eis bei Listwjanka um den 1. Mai auf, in einzelnen Jahren deutlich später, 2010 erst am 28. Mai. Im Norden hält sich das Eis ohnehin bis in den Juni.

Warum sind die Angaben zum Trend so unterschiedlich?

Die Studien rechnen über verschiedene Zeiträume und mit verschiedenen Methoden. Ob eine Reihe 1869, 1896 oder 1950 beginnt und ob sie 1996, 2010 oder 2019 endet, verändert den Trend um einige Tage. Die Richtung ist in allen Auswertungen gleich.

Wer sammelt die Daten zum Eis des Baikals?

Die lange Reihe von Listwjanka stammt von russischen Beobachtern und wird vom Limnologischen Institut in Irkutsk gepflegt. Sie ist über die Eisdatenbank des National Snow and Ice Data Center öffentlich zugänglich. Satellitendaten wertet unter anderem eine russisch-französische Arbeitsgruppe um Alexei Kurajew aus.

Wird das Eis auch klarer oder trüber?

Dazu gibt es keine lange Messreihe. Fachleute erwarten, dass mehr Schnee und häufiger Regen im Frühjahr die Klarheit verringern könnten. Das wäre für die Algen unter dem Eis wichtiger als die Dicke.

Quellen: NSIDC: Global Lake and River Ice Phenology Database, Station Listwjanka (Daten 1868/69–2018/19, eigene Auswertung); UNDP-GEF-Baikalprojekt: Umweltbericht, Kap. 1.4 Klima; Todd und Mackay (2003): Large-Scale Climatic Controls on Lake Baikal Ice Cover, Journal of Climate 16; Moore u. a. (2009), BioScience 59; Kouraev u. a. (2007): The ice regime of Lake Baikal from historical and satellite data, Limnology and Oceanography 52; Magnuson u. a. (2000), Science 289. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

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