Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Wissenschaft & Umwelt

Fischerei am Baikalsee: Geschichte, Fangmengen und Fischzucht

Vom Omul als täglichem Brot zu Fangverbot, Zuchtanstalten und Wildereikontrolle

Bereich
Wissenschaft & Umwelt
Stand
· 8 Min. Lesezeit
Mehrere alte hölzerne Fischerboote ohne Aufschrift auf einem Kiesstrand, dahinter der graue See
Abb. 1Fischerboote am Strand. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Fischerei am Baikalsee lebte über Jahrhunderte vom Omul. Von 1924 bis 1968 wurden im Mittel rund 4.100 Tonnen im Jahr gefangen, von 1982 bis 2013 noch rund 1.900 Tonnen. Seit dem 1. Oktober 2017 ist der industrielle Omulfang verboten. Heute prägen Freizeitangler, Kleinfischfang in den Buchten, staatliche Zuchtanstalten und der Kampf gegen Wilderei das Bild.

Wie hat sich die Fischerei am Baikalsee entwickelt?

Gefischt wurde am Baikal, seit Menschen an seinen Ufern leben; mit den russischen Siedlern kam im 17. Jahrhundert der Fang für den Verkauf hinzu. Ein frühes Zentrum war das 1682 gegründete Kloster von Possolsk am Ostufer. Seine wichtigste Einnahmequelle war der Fischfang in eigenen Fanggründen, Mitte der 1890er-Jahre brachte er dem Kloster bis zu 6.000 Rubel im Jahr. Der Naturforscher Johann Gottlieb Georgi notierte im 18. Jahrhundert, der Omul sei das tägliche Brot der Kaufleute, der Stör bringe ihnen den Reichtum. Vor 1917 bestimmten private Fischindustrielle die Preise; die Brüder Wassermann betrieben in Possolsk eine Fischfabrik, deren Ausrüstung 1922 über den Winterweg nach Ust-Bargusin gebracht wurde.

In den 1920er- und 1930er-Jahren fischten vor allem Artels, also Genossenschaften, in die jedes Mitglied einen Anteil am Zugnetz einbrachte; ein solcher Anteil kostete nach Augenzeugen von 1926 rund 50 Rubel. Der Fang ging an Kooperativen und auf den Markt von Irkutsk. In den 1930er-Jahren wurden die Einzelwirtschaften zu staatlichen Fangbetrieben und Kolchosen zusammengeschlossen, im Bezirk Kabansk etwa zum Fangbetrieb „Goslow“ mit Stellen in Possolsk, Enchaluk und anderen Dörfern. Netze, Schwimmer und Fässer fertigten die Fischer weitgehend selbst. Ende der 1930er-Jahre kamen Verarbeitungsbetriebe hinzu, der Fisch wurde nun auch gefroren und per Lastkahn zur Bahn nach Mysowaja gebracht.

Der Zweite Weltkrieg trieb die Fänge nach oben. Ein Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 6. Januar 1942 verlangte, den Fischfang in Sibirien gegenüber 1940 zu verdoppeln und im Folgejahr zu verdreifachen. Frauen und Jugendliche übernahmen alle Arbeiten bis zum Fang selbst; Umsiedler vom Kaspischen und Asowschen Meer führten 1942 große Stellreusen ein, und in Possolsk entstanden Kammern für die Kaltrauchräucherung. Auf den Laichzügen in den Flüssen wurde der Omul ebenfalls gefangen, was den Beständen auf Dauer schadete.

Wie viel Fisch wurde am Baikal gefangen?

Am meisten in den 1940er- und 1950er-Jahren, danach immer weniger. Nach dem Irkutsker Historiker Konstantin Paschkow lag der Gesamtfang 1954 mit 124.100 Zentnern, also rund 12.400 Tonnen, am höchsten und sank danach stetig. Weil der Omul seit Ende der 1950er-Jahre stärker befischt wurde, als er nachwuchs, folgte von 1969 bis 1975 ein erstes Fangverbot. Die Zahlen der Tabelle stammen aus unterschiedlichen Quellen und erfassen nur den gemeldeten Fang.

ZeitraumKennzahlWertQuelle
1924–1968Omulfang, Jahresmittelrund 4.100 tBasow 2016
1927–1928Anteil des Omul am Gesamtfangrund 80 %Basow 2016
1950er-JahreAnteil des Omul am Gesamtfang60–64 %Basow 2016
1954Gesamtfang, Nachkriegshöchstwertrund 12.400 tPaschkow 2017
1957 / 1959Gesamtfangrund 7.000 t / 6.150 tPaschkow 2017
1968Omulfang vor dem ersten Verbotrund 500 tPaschkow 2017
1970er / 1980er / 1990erKleinfische, Jahresmittel1.981 t / 1.796 t / 963 tStaatlicher Baikal-Bericht 2007
1982–2013Omulfang, Jahresmittelrund 1.900 tBasow 2016
1995Gesamtfang / Omul3.433 t / 2.521 tStaatlicher Baikal-Bericht 2007
2007Gesamtfang / Omul offiziell1.808 t / 900 tStaatlicher Baikal-Bericht 2007
2001–2013Anteil des Omul am Gesamtfang34 %Basow 2016
2025Omul aus Freizeitfangrund 145–185 tVNIRO 2025, Ministerium 2026

Seit dem 1. Oktober 2017 ist der industrielle Fang des Omul verboten. Warum es dazu kam und wie sich der Bestand seither erholt, beschreibt die Seite über den Omul und das Fangverbot. Das Baikal-Gesetz von 1999 bestimmt in Artikel 8, dass die Regierung die zulässigen Fangmengen für Omul und Robbe festlegt.

Fischernetze mit Schwimmern und Bleileinen hängen zum Trocknen an einem Holzgestell am Ufer
Abb. 2Netze zum Trocknen am Ufer. Symbolbild

Welche Fische außer dem Omul werden gefangen?

Vor allem Kleinfische aus den flachen Buchten. Nach dem Omul war die Gruppe aus Plötze, Flussbarsch, Hasel und Karausche lange die zweitwichtigste der Fischerei; 2007 machte sie mit 878 Tonnen bereits 49 Prozent des gemeldeten Fangs aus. Diese Arten leben in den Sors, flachen und warmen Buchten am Ostufer und vor den Flussmündungen, und sind nicht endemisch. Welche Arten wo vorkommen, zeigt die Übersicht über die Fische im Baikalsee.

Bei Hecht, Aland und eingeführtem Amurkarpfen schwanken die Bestände stark. Der staatliche Baikal-Bericht von 2007 hielt fest, dass gerade diese Arten in der Statistik kaum erfasst werden und stark gewildert werden; für 2008 wurden als zulässige Fangmengen nur je 20 Tonnen Hecht und Aland und 10 Tonnen Amurkarpfen festgelegt. Die Quappe fangen vor allem indigene Gemeinschaften im Norden. Bei der Weißen Baikal-Äsche standen 2007 offiziell 5,4 Tonnen in den Büchern, Fachleute schätzten den tatsächlichen Fang auf mindestens 11 bis 14 Tonnen.

Andere Arten sind ganz geschützt. Nach den Fischereiregeln für das Baikal-Fischereibecken von 2020 ist der Fang aller Störe sowie von Taimen und Lenok im Baikalbecken verboten, ebenso der Omul im See und seinen Zuflüssen, abgesehen von eng begrenzten Ausnahmen für Angler.

Was leisten die Fischzuchtanstalten?

Sie liefern seit Jahrzehnten einen großen Teil des Omul-Nachwuchses. In den 1970er-Jahren wurden die Anlagen ausgebaut; nach Paschkow verdoppelte sich die Zahl der erbrüteten Eier zwischen 1970 und 1980 nahezu, und 1984 arbeiteten am See vier Zuchtanstalten an der Selenga, an der Ina, in Listwjanka und in Nischneangarsk. 2007 lagen alle betriebenen Omul-Anlagen in Burjatien und hatten zusammen eine Kapazität von 3,75 Milliarden Eiern im Jahr. Zwischen 1981 und 2007 setzten sie im Mittel 1,2 Milliarden Larven im Jahr aus, rund 42 Prozent aller Omul-Larven, die in den See gelangten.

Die Zucht hängt davon ab, dass genug Laichfische gefangen werden. 2007 gelang das am Possolski Sor erstmals seit 1990 nicht, es wurden nur gut 500 Millionen Eier eingelegt, 30 Prozent des Auftrags; die Anlage am Bargusin war im Winter 2006/2007 stillgelegt. Nach dem Fangverbot setzten die Zuchtbetriebe der staatlichen Einrichtung Glawrybwod zwischen 2019 und 2023 rund drei Milliarden Larven aus, 2024 weitere 415 Millionen. Die umgebaute Anlage Bolscheretschenski soll künftig eine Milliarde Jungfische im Jahr liefern. Ein eigenes Programm gilt dem Stör: 2007 setzte die Selenga-Anlage gut eine Million vorgezogene Jungstöre in die Selenga aus; mehr zu dieser Art steht auf der Seite über den Baikalstör.

Wie werden Wilderei und Fischereiaufsicht gehandhabt?

Wilderei gilt seit Jahrzehnten als eine der größten Gefahren für die Bestände. Schon 1966 deckten die Fischereiinspektionen in der gesamten Oblast Irkutsk, nicht nur am Baikal, 1.322 Verstöße auf und hielten 1.509 Wilderer fest; Paschkow nennt neben der Umweltzerstörung auch Amtsmissbrauch in den Inspektionen als Grund für den Rückgang der Fische. Der staatliche Baikal-Bericht schätzte, dass 2007 rund 48 Prozent des Omulfangs illegal waren, und machte Stellnetze von Wilderern dafür verantwortlich, dass viele ausgesetzte Jungstöre schon im Alter von ein bis drei Jahren verenden.

Zuständig ist heute die Angara-Baikal-Territorialverwaltung der Fischereibehörde Rosrybolowstwo. Der Wissenschaftlich-fischereiliche Rat für das Baikalbecken empfahl im November 2025, 2026 an den Fress- und Wanderplätzen des Omul großangelegte Kontrollen mit Kräften aus anderen Regionen durchzuführen und Regeln für den Einsatz von Drohnen zu erarbeiten. Das Ministerium für Naturressourcen bezeichnete die Wilderei im Oktober 2026 als eine der größten Gefahren für die Erholung des Omul. Ein Forscher der Akademie der Wissenschaften forderte auf dem Baikal-Umweltkongress im selben Monat, Fischernetze nur noch mit Lizenz zu verkaufen, weil verlorene Netze am Grund Tiere töten und zu Kunststoffteilchen zerfallen.

Welche Bedeutung hat die Fischerei heute für die Ufersiedlungen?

Eine kleinere als früher. Der Omul, einst Haupterwerb ganzer Dörfer, darf seit 2017 nur noch von indigenen Gemeinschaften im Rahmen des traditionellen Fangs, von Wissenschaftlern und von Freizeitanglern an festgelegten Stellen und zu festgelegten Zeiten gefangen werden. Schon vor dem Verbot war sein Anteil am Gesamtfang von rund 80 Prozent in den 1920er-Jahren auf rund ein Drittel gesunken. Andere Arten wie Plötze, Barsch und Hasel dürfen nach den Fischereiregeln weiter gefangen werden; wie groß der gewerbliche Fang heute ist, lässt sich aus den veröffentlichten Quellen nicht beziffern.

Sichtbar bleibt die Fischerei im Winter, wenn an Wochenenden nach Zählungen des Fischereiforschungsinstituts VNIRO mindestens 2.000 Menschen auf dem Eis angeln. Auf den Märkten am Ufer wird vielfach Peledmaräne aus anderen Gewässern als geräucherter Fisch angeboten, und für das Omul-Fest in Listwjanka im Oktober 2026 wurde die Fischsuppe aus Muksun und Hecht gekocht. Nach Angaben der Regierung vom Juli 2026 sind die Bestände der wichtigsten Nutzfische nach Einschätzung des VNIRO relativ stabil; für die Bestandsaufnahme hat der Staat das neue Forschungsschiff „Wikenti Saizew“ für knapp 500 Millionen Rubel bauen lassen. Wie Fischerei, Abwasser und Klimawandel zusammenwirken, ordnet die Seite über die Umweltprobleme des Baikalsees ein.

Häufige Fragen zur Fischerei am Baikalsee

Gibt es am Baikal noch Berufsfischer?

In kleinem Umfang. Der Omul ist seit 2017 für den industriellen Fang gesperrt; andere Arten wie Plötze und Barsch dürfen nach den Fischereiregeln weiter gefangen werden. Daneben fischen indigene Gemeinschaften im Rahmen des traditionellen Fangs.

Wann war der Fischfang am Baikal am größten?

In den 1940er- und 1950er-Jahren. Den höchsten Nachkriegswert erreichte der Gesamtfang 1954 mit rund 12.400 Tonnen. Danach gingen die Fänge zurück, weil vor allem der Omul übernutzt war.

Woher kommt der geräucherte Fisch an den Ständen?

Seit dem Fangverbot oft nicht aus dem Baikal. Regionale Medien berichten seit 2017, dass vielfach Peledmaränen aus anderen Gewässern verkauft werden. Omul darf nur aus legalem Fang stammen, etwa von Anglern oder aus dem traditionellen Fang.

Wer kontrolliert die Fischerei am See?

Die Angara-Baikal-Territorialverwaltung der Fischereibehörde Rosrybolowstwo. Die Bestände bewertet das Fischereiforschungsinstitut VNIRO, die Zuchtanstalten betreibt die staatliche Einrichtung Glawrybwod. In den Nationalparks und Reservaten wachen zusätzlich deren Verwaltungen.

Wie viel Omul wird trotz des Verbots gefangen?

Legal vor allem beim Angeln: Für 2025 nannte das VNIRO rund 145 Tonnen aus dem Eisangeln, das Ministerium für Naturressourcen rund 185 Tonnen Freizeitfang insgesamt. Wie viel gewildert wird, ist nicht bekannt.

Quellen: Staatlicher Bericht über den Baikalsee 2007: Fischfauna und Robbenpopulation; Argunowa: Die Entwicklung der Fischerei am Baikal in den 1920er- bis 1950er-Jahren, Irkutsker Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte; Argunowa: Die Fischindustrie der Baikalregion im Zweiten Weltkrieg; Paschkow (2017): Schutz der Fischbestände in der Baikalregion 1950–1980; Basow (2016): Ökologie der Fortpflanzung des Selenga-Omul, Autoreferat; Bulatow et al. (2025), Woprossy rybolowstwa; Rosrybolowstwo: Fischereiregeln für das Baikal-Fischereibecken (Verordnung Nr. 226); Protokoll des Wissenschaftlich-fischereilichen Rats, 6. November 2025; Regierung der Russischen Föderation, 1. Juli 2026; Rossijskaja Gaseta, 12. Oktober 2026; ergänzend Wikipedia (russisch): Possolsker Kloster. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

Sieben Stationen

  1. Der SeeTiefe · Wasser
  2. EisKlareis · Eishügel
  3. Natur & TiereNerpa · Omul
  4. Orte & OlchonOlchon · Irkutsk
  5. Kultur & GeschichteBurjaten · Transsib
  6. Wissenschaft & UmweltForschung · Umwelt
  7. ReiseReisezeit · Lage

Reiselage Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Russland. Aktueller Stand: auswaertiges-amt.de