Am Baikalsee bebt die Erde, weil der See in einer aktiven Riftzone liegt, in der die Erdkruste um einige Millimeter im Jahr auseinanderdriftet. Messstationen registrieren jedes Jahr Tausende meist schwacher Beben. Das stärkste bekannte Beben am See selbst, das Zagan-Beben vom Januar 1862, ließ am Selenga-Delta eine Steppe von rund 200 Quadratkilometern versinken.
Warum bebt die Erde am Baikalsee?
Die Erdbeben entstehen, weil die Erdkruste unter und neben dem Baikal auseinandergezogen wird und dabei ruckartig an Verwerfungen bricht. Der See füllt das tiefste Becken der Baikal-Riftzone, eines rund 1.500 bis über 2.000 Kilometer langen Grabenbruchs zwischen der Eurasischen Platte im Westen und der Amurplatte im Osten. Nach GPS-Messungen öffnet sich das Rift um rund 4 Millimeter pro Jahr. Wie der Graben gebaut ist und welche Theorien seine Entstehung erklären, beschreibt die Seite zur Baikal-Riftzone.
Die Bewegung verläuft nicht gleichmäßig. An den großen Randstörungen verhaken sich die Krustenblöcke, und Spannung baut sich über Jahrzehnte bis Jahrhunderte auf. Löst sie sich, rutschen die Blöcke in Sekunden um Zentimeter bis Meter gegeneinander. Die meisten Herde liegen in der oberen Erdkruste, in rund 10 bis 25 Kilometern Tiefe, so verzeichnen es die Kataloge des U.S. Geological Survey für die stärkeren Beben der Region. Ein flacher Herd bedeutet, dass die Erschütterungen an der Oberfläche vergleichsweise stark ankommen.
Über geologische Zeiträume haben diese Brüche die Landschaft geformt. Die steilen Bergflanken am Westufer, die großen Tiefen und das Absinken ganzer Uferebenen sind Folgen zahlloser Beben. Wie aus diesen Bewegungen in 25 bis 30 Millionen Jahren der älteste See der Erde entstand, zeigt die Seite über Alter und Entstehung des Baikalsees.
Wie oft bebt es am Baikal und wie stark?
Messgeräte erfassen in der Region Tausende Beben im Jahr, spürbar ist davon nur ein kleiner Teil. Für die Jahre 2002 bis 2018 hat die Baikal-Filiale des Einheitlichen Geophysikalischen Dienstes der Russischen Akademie der Wissenschaften rund 140.000 Beben ab der Energieklasse 5,6 katalogisiert, im Mittel also rund 8.000 pro Jahr. Die allermeisten sind so schwach, dass nur Seismometer sie aufzeichnen.
Stärkere Beben sind deutlich seltener. Von Januar bis Mitte Oktober 2026 verzeichnete die Baikal-Filiale 23 Beben der Energieklasse 11 und darüber, darunter auch einige in der Mongolei und in Tuwa. Am weitesten zu spüren war ein Beben am 13. Juli 2026 im Tunka-Tal mit der Energieklasse 12,4: In Kyren erreichte es die Intensität 4, in Irkutsk, Arschan und Sljudjanka 3 bis 4. Nach dem Katalog des U.S. Geological Survey tritt im weiteren Umkreis des Sees im Mittel etwa alle ein bis zwei Jahre ein Beben ab Magnitude 5 auf, eines ab Magnitude 6 etwa alle ein bis zwei Jahrzehnte.
Die Beben verteilen sich nicht gleichmäßig. Häufungen gibt es im Südbecken, am Selenga-Delta, in der Tunka-Senke und vor allem nordöstlich des Sees an der Baikal-Amur-Magistrale zwischen Nischneangarsk, Seweromuisk und der Tschara. Die Großstadt Irkutsk liegt dagegen am Rand der stabilen Sibirischen Tafel. Nach Angaben der Baikal-Filiale gibt es in unmittelbarer Nähe der Stadt keine Herde starker Beben.

Welche großen Beben hat die Region erlebt?
Die stärksten bekannten Beben der Region erreichten Magnituden um 7,5 bis über 8. Für die Zeit vor 1900 stützen sich die Werte auf historische Berichte und auf Spuren im Gelände; sie sind deshalb Schätzungen. Für die Zeit danach gibt es Messungen. Der internationale Katalog ISC-GEM, den der U.S. Geological Survey übernimmt, hat die Magnituden der älteren Beben neu berechnet und gibt einige niedriger an als ältere russische Quellen.
| Datum | Beben | Magnitude | Intensität im Epizentrum | Folgen |
|---|---|---|---|---|
| 1. Februar 1725 | Großes Ostsibirisches Beben, Transbaikalien | rund 8,2 (geschätzt) | rund 11 | bis Irkutsk spürbar, beschrieben von D. G. Messerschmidt |
| 27. Juni 1742 | Großes Südbaikal-Beben | rund 7,7 (geschätzt) | rund 10 | in Irkutsk Intensität 8, Kirchtürme beschädigt |
| 12. Januar 1862 | Zagan-Beben, Selenga-Delta | rund 7,5 | 10 | Zagan-Steppe versinkt, Bucht Proval entsteht |
| 5. April 1950 | Mondy-Beben, oberes Irkut-Tal | Mw 6,9 | 9 | Spalten, Bergstürze, Häuser in Mondy beschädigt |
| 27. Juni 1957 | Muja-Beben, Nordtransbaikalien | Mw 7,4 (ISC-GEM), andere Angabe 7,6 | 10 | rund 30 km Bruchspalten, neuer See im Namarakit-Becken |
| 29. August 1959 | Mittelbaikal-Beben, im See vor Saretschje | Mw 6,1 (ISC-GEM) | 9 | über 1.200 Nachbeben, in Irkutsk rund 800 beschädigte Schornsteine |
| 27. August 2008 | Kultuk-Beben, Südbecken | Mw 6,3 (USGS), Ms 6,1 | 9 in Baikalsk | Schäden in Kultuk und Sljudjanka, keine Toten |
| 22. September 2020 | Beben bei Kultuk | Mw 5,5 | 7 in Sljudjanka | leichte Schäden an Schulen und Häusern |
| 10. Dezember 2020 | Beben am Selenga-Delta | Mw 5,4 | 5–6 in Irkutsk | nahe dem Gebiet des Zagan-Bebens, keine Opfer |
| 12. Januar 2021 | Chöwsgöl-Beben, Nordmongolei | Mw 6,7 | rund 9 | Schäden in der Mongolei, in Ostsibirien bis Intensität 6 spürbar |
Die Daten folgen bei den Beben vor 1918 dem heutigen Kalender. In zeitgenössischen russischen Quellen stehen sie nach dem damals gültigen julianischen Kalender, der im 19. Jahrhundert zwölf Tage zurücklag; das Zagan-Beben fiel dort auf den 31. Dezember 1861. Bei den jüngeren Beben unterscheidet sich das Datum nach Ortszeit mitunter von dem nach Weltzeit, weil Irkutsk der koordinierten Weltzeit acht Stunden voraus ist.
Was geschah beim Zagan-Beben von 1862?
Beim Zagan-Beben sank am Ostufer nordöstlich des Selenga-Deltas eine bewohnte Steppe ab und lief voll Wasser. Erste Stöße spürte man nach Angaben der Baikal-Filiale am Abend des 10. Januar 1862, die stärksten folgten am 12. Januar. Das Epizentrum lag im nordöstlichen Teil des Deltas, die Intensität erreichte dort 10 Stufen. Im Boden öffneten sich Spalten, aus denen Wasser mit Schlamm schoss, und aus Brunnen spritzte schlammiges Wasser meterhoch.
Durch Risse im Eis drang Seewasser in die Zagan-Steppe ein, die sich gesenkt hatte. Nach der Irkutsker Chronik versanken fünf burjatische Siedlungen, sogenannte Ulusse, mit 310 Häusern und 357 hölzernen Jurten. Betroffen waren rund 1.300 Menschen. Weil das Wasser über einen ganzen Tag allmählich stieg, konnten sich die meisten Bewohner retten; nach Angaben der Baikal-Filiale kamen drei Menschen im Eis des Sees ums Leben. Verloren gingen mehr als 17.000 Stück Vieh, Getreidevorräte und große Mengen Heu.
Auf der Fläche der versunkenen Steppe entstand die Bucht Proval, deren Name sich vom russischen Wort für Einbruch ableitet. Für die abgesunkene Fläche nennen die Quellen rund 200 bis 230 Quadratkilometer. Die Bucht ist heute meist nur 0,5 bis 3,5 Meter tief und von einer Kette schmaler Inseln vom offenen See getrennt. Wie sie sich in die übrigen Buchten und Sore des Sees einreiht, zeigt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.

In Irkutsk, rund 160 Kilometer entfernt, erreichte das Beben die Intensität 8. Die Chronik beschreibt zwei Minuten langes Schwanken, Glocken, die von selbst läuteten, und das Krachen des Eises auf Angara und Uschakowka. Fast alle Kirchen erhielten Risse in den Gewölben, Kreuze verbogen sich oder stürzten herab, in vielen Holzhäusern fielen die Schornsteine. Die Untersuchungen, die Mitglieder der Sibirischen Abteilung der Russischen Geographischen Gesellschaft danach anstellten, gelten als die erste wissenschaftliche Aufarbeitung eines Bebens in Ostsibirien.
Wie stark waren die jüngeren Beben von 2008 bis 2021?
Das stärkste Beben am See seit Jahrzehnten ereignete sich am 27. August 2008 um 10:35 Uhr Ortszeit. Sein Herd lag in rund 16 Kilometern Tiefe unter dem Südbecken, nach dem U.S. Geological Survey rund 10 Kilometer nördlich von Baikalsk. Der Dienst gibt die Momentmagnitude mit 6,3 an, die Baikal-Filiale die Oberflächenwellen-Magnitude mit 6,1. In Baikalsk erreichte es die Intensität 9, in Sljudjanka 8, in Kultuk 7 und in Irkutsk 6 bis 7. Tote gab es nicht. Die Schule in Kultuk wurde nach dem Beben als baufällig eingestuft und abgerissen, auch Wohnhäuser im Bezirk Sljudjanka wurden beschädigt.
Im Jahr 2020 folgten zwei Beben der Magnitude 5,4 bis 5,5. Am 22. September um 2:04 Uhr Ortszeit bebte es 21 Kilometer nordwestlich von Kultuk; in Sljudjanka erreichte das Beben die Intensität 7, in Kultuk und Sljudjanka wurden Schornsteine, ein Kindergarten und eine Schule leicht beschädigt. Am 10. Dezember lag der Herd am Selenga-Delta, 41 Kilometer nördlich von Kabansk und damit nahe dem Gebiet des Zagan-Bebens. In Irkutsk war es mit 5 bis 6 Stufen zu spüren.
Am 12. Januar 2021 kurz nach 5:30 Uhr Ortszeit, nach Weltzeit noch am 11. Januar, ereignete sich das Chöwsgöl-Beben mit der Momentmagnitude 6,7. Sein Epizentrum lag am Chöwsgöl-See in der Nordmongolei, rund 30 Kilometer südsüdwestlich von Turt und gut 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, also im südwestlichsten Becken derselben Riftzone. In Irkutsk und weiten Teilen Ostsibiriens war es deutlich zu spüren, in der Mongolei wurden zahlreiche Gebäude beschädigt. Zu den Spuren älterer Beben in der Tunka-Senke westlich des Sees, darunter das Mondy-Beben von 1950, siehe die Seite zum Tunka-Tal.
Wie gut sind Städte, Bahnen und Staudämme geschützt?
Gebäude in der Region müssen nach den russischen Normkarten für Erdbebengefährdung bemessen werden, den Karten der Reihe OSR-97. Sie geben für jeden Ort an, welche Intensität mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit innerhalb von 50 Jahren überschritten werden kann. Die Karte B, die für den gewöhnlichen Wohn- und Industriebau gilt, beruht auf einer Wahrscheinlichkeit von 5 Prozent, was einer mittleren Wiederkehr von 1.000 Jahren entspricht. Für besonders sensible Anlagen wie große Wasserbauwerke gilt die strengere Karte C mit einer Wiederkehr von 5.000 Jahren.
Irkutsk ist nach diesen Vorgaben einem Bereich mit möglichen Erschütterungen bis zur Intensität 8 zugeordnet. Das Beben von 1959 zeigte, wie unterschiedlich der Untergrund wirkt: In der Innenstadt auf der zweiten Angara-Terrasse wurden rund 800 Schornsteine und Öfen beschädigt oder zerstört, in den höher gelegenen Stadtteilen auf festerem Grund war das Beben schwächer. Neubauten, die schon damals für die Intensität 8 ausgelegt waren, erhielten nur in Einzelfällen leichte Schäden. Für den Standort des Irkutsker Wasserkraftwerks am Abfluss der Angara gibt die Karte C eine Intensität von 9 an.
Die Bahnlinien sind besonders exponiert. Die Transsibirische Eisenbahn und die Circum-Baikal-Bahn führen am Südufer durch das Gebiet der Beben von 2008 und 2020. Die Baikal-Amur-Magistrale quert nordöstlich des Sees die erdbebenreichste Zone, darunter das Muja-Gebiet, das vor 1957 als nahezu erdbebenfrei galt. Flutwellen im See durch Beben sind in den ausgewerteten Quellen nicht als Schadensursache belegt. Beim Zagan-Beben stieg das Wasser nach den zeitgenössischen Berichten langsam über einen Tag, der See war damals zugefroren.
Kann man Erdbeben am Baikal vorhersagen?
Den genauen Zeitpunkt eines starken Bebens kann niemand vorhersagen, auch nicht am Baikal. Die Baikal-Filiale stellt klar, dass ein kurzfristiger Prognosewert auf Stunden oder Tage nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht möglich ist; Beben folgen keiner strengen Periodizität. Erforscht werden mittelfristige Verfahren, die für einzelne Abschnitte der Riftzone die Wahrscheinlichkeit spürbarer oder starker Beben in den kommenden Jahren abschätzen. Solche Einschätzungen gehen an den Katastrophenschutz und die Verwaltung der Region Irkutsk, die über Warnungen entscheiden.
Grundlage sind lange Beobachtungsreihen. Die erste seismische Station der Region nahm 1901 in Irkutsk den Betrieb auf. Heute betreibt die Baikal-Filiale 26 Stationen im Baikalgebiet und in Transbaikalien, die meisten mit digitalen Seismometern und Internetanschluss, ergänzt durch eine Station des internationalen Netzes IRIS am Observatorium Talaja. Eine eigene Filiale in Burjatien betreibt weitere Stationen am Ostufer.
Für die Zeit vor den Messungen nutzen Geologen die Paläoseismologie. Sie lesen frühere Beben an versetzten Hängen, Spalten, Bergstürzen und gestörten Schichten im Boden ab. Mit diesem Verfahren, das der Irkutsker Geologe Wiktor Solonenko und seine Kollegen entwickelten, wurden in den 1960er-Jahren unter anderem die Stärke und Lage des Bebens von 1725 abgeschätzt. Weil sich der Zeitpunkt nicht vorhersagen lässt, beruht der Schutz vor allem auf erdbebensicherem Bauen nach den Normkarten.
Häufige Fragen zu Erdbeben am Baikalsee
Ist Irkutsk durch Erdbeben gefährdet?
Irkutsk liegt nahe der Riftzone und spürt regelmäßig schwache Beben. Herde starker Beben gibt es nach Angaben der Baikal-Filiale aber nicht in unmittelbarer Nähe der Stadt; sie liegen vor allem im Seebecken und im Ostsajan. Die Stadt ist auf Erschütterungen bis zur Intensität 8 ausgelegt; Todesopfer durch Erdbeben sind aus ihrer Geschichte nicht bekannt.
Sind am Baikal schon Menschen bei Erdbeben gestorben?
Nach Angaben der Baikal-Filiale sind in mehr als 250 Jahren Aufzeichnungen drei Todesopfer bekannt, alle beim Zagan-Beben von 1862. Bei späteren Beben gab es Verletzte, etwa 1950 in Mondy, als ein Haus einstürzte, aber nach den ausgewerteten Quellen keine Toten.
Woran erkennt man, wie stark ein Beben in einem Ort war?
Die Seismologen sammeln dafür Meldungen aus den Orten und werten aus, was die Menschen spürten und was beschädigt wurde. Daraus ergibt sich die Intensität auf der zwölfstufigen Skala MSK-64. Die Baikal-Filiale bittet nach spürbaren Beben die Bevölkerung, ihre Beobachtungen über einen Fragebogen zu melden.
Wird der Baikalsee durch die Beben größer?
Ja, aber sehr langsam. Die Beben sind Ausdruck derselben Dehnung, die das Rift um rund 4 Millimeter pro Jahr öffnet. Einzelne Beben können zudem Uferflächen absenken, wie 1862 an der Bucht Proval, und so die Gestalt des Ufers in Minuten verändern.
Wo werden die Beben am Baikal registriert?
Zuständig ist die Baikal-Filiale des Einheitlichen Geophysikalischen Dienstes der Russischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Irkutsk. Sie führt die Kataloge, veröffentlicht die jüngsten Beben auf ihrer Website und informiert den Katastrophenschutz. Am Ostufer arbeitet zusätzlich eine Filiale in Burjatien.
Quellen: Baikal-Filiale des Einheitlichen Geophysikalischen Dienstes RAN: Starke Erdbeben (1725–2008); Baikal-Filiale: Netz der seismischen Stationen; Baikal-Filiale: Über die Prognose; U.S. Geological Survey: M 6.3 Lake Baikal, 27.08.2008; U.S. Geological Survey: M 6.7 Chöwsgöl, 11.01.2021. Weitere: USGS-Katalog (ISC-GEM) für die Beben seit 1900; Baikal-Filiale: Normkarten OSR-97; Wikipedia (russisch): Zagan-Beben 1862, Proval, Beben 2008, 2020 und 2021, Muja-Beben, Irkutsk, Irkutsker Wasserkraftwerk. Stand: Oktober 2026.
