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Forschungsblatt · Wissenschaft & Umwelt

Spirogyra und Abwasser: Algenblüte am Ufer

Grüne Fadenalgen, faulende Wälle und die Spur des Abwassers

Bereich
Wissenschaft & Umwelt
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· 9 Min. Lesezeit
Unterwasseraufnahme: lange grüne Fadenalgen überziehen Steine und einen kleinen Schwamm im Flachwasser
Abb. 1Fadenalgen wuchern in der Uferzone über Steine und Schwämme. Symbolbild
Kurz gesagt

Seit etwa 2010 wachsen an vielen Ufern des Baikalsees Fadenalgen, vor allem Schraubenalgen, in dichten Matten auf dem Steingrund; im Herbst liegen sie in verrottenden Wällen am Strand. Die meisten Forscher sehen die Ursache in Nährstoffen aus ungeklärtem Abwasser von Ufersiedlungen, Hotels und Schiffen. Betroffen ist die Uferzone, nicht der offene See.

Was passiert an den Ufern des Baikalsees?

Am steinigen Grund vieler Uferabschnitte wachsen seit etwa 2010 lockere, hellgrüne Watten aus Fadenalgen, die Steine und Schwämme überziehen. Im Herbst reißen Wellen die Algen los und werfen sie in Wällen auf den Strand, wo sie faulen und stinken. Die Hauptrolle spielt die Gattung Spirogyra, Schraubenalgen, deren Zellen unverzweigte Fäden bilden und deren Chloroplasten sich spiralig durch die Zelle winden. Im offenen Baikal waren sie früher selten und fanden sich vor allem in flachen, geschützten Buchten.

Die ersten Warnzeichen kamen 2010. Im folgenden Jahr meldete die Umweltaktivistin Angelika Tissen aus Sewerobaikalsk große Auswürfe abgestorbener Algen an der Nordwestküste; ein Umweltinspektor bestätigte ihre Beobachtung und bat das Limnologische Institut in Irkutsk um Hilfe. Eine Expedition des Instituts fand 2013 bei Sewerobaikalsk hunderte Meter lange Algenwälle. Im September 2014 stellte eine weitere Expedition die Massenentwicklung entlang des gesamten Seeufers fest; an manchen Stellen lagen 100 Kilogramm verrottender Algen auf einem Quadratmeter Strand.

Treibende grüne Algenmatten mit eingeschlossenen Gasblasen im flachen Uferwasser
Abb. 2Algenmatten im Flachwasser. Symbolbild

Auffällig ist der Zeitpunkt. Spirogyra wächst am besten bei rund 20 Grad, ihre größte Masse erreicht sie am Baikal aber im September und Oktober bei 4 bis 8 Grad. Nach den Untersuchungen des Teams um Oleg Timoschkin vom Limnologischen Institut dominierte von rund zwölf im See und in seinen Zuflüssen gefundenen Spirogyra-Formen in den Jahren 2013 bis 2017 eine einzige, die mit Haftfäden am Fels sitzt. Neben ihr breiten sich weitere Algen aus, die früher im offenen See untypisch waren, etwa Oedogonium und Cladophora. Erbgutanalysen von 2020 deuten darauf hin, dass die Baikal-Spirogyra nicht eingeschleppt ist, sondern auf alte einheimische Linien zurückgeht; die Blüte wäre demnach eine Reaktion des Ökosystems auf veränderte Bedingungen.

Wo wachsen die Fadenalgen besonders stark?

Vor allem vor Siedlungen, Ferienanlagen und Anlegestellen, an denen Abwasser schlecht oder gar nicht gereinigt wird. Die Verteilung ist fleckig: Zwischen dicht bewachsenen Abschnitten liegen Ufer, an denen die Alge fehlt. Leichter als die befallenen Orte ließen sich nach Timoschkin 2018 die unbefallenen aufzählen, darunter die Insel Bolschoi Uschkani, der größte Teil der Küste von Olchon und das Nordwestufer zwischen Kap Jelochin und dem Kleinen Meer, abgesehen von Ferienplätzen. Wie eng der Zusammenhang mit Bauten am Ufer ist, zeigt die Aja-Bucht am Westufer: Dort wucherte die Alge ab 2016, ein Jahr nachdem rund 300 Meter vom Ufer ein neues Hotel eröffnet hatte.

BeckenOrte mit starker Fadenalgenentwicklung (2013–2018)Befund
SüdbeckenKultuk, Sljudjanka, Baikalsk, Ufer der Circum-Baikal-Bahn, Listwjanka, Bolschije Koty, Bolschoje Goloustnojevor Listwjanka ganzjährig, vor Baikalsk seit 2016 in 3–7 m Tiefe
Mittleres BeckenTeile des Kleinen Meers, Fährbucht Perewosnaja und Ufer vor Chuschir auf Olchon, Bucht von Maximichaauf Olchon 2014–2017 an zwei Stellen nahe Siedlung und Fähre
NordbeckenSewerobaikalsk, Nischneangarsk, Senogda-, Frolicha- und Ajaja-Buchtganzjährig an der Tyja-Mündung, neuer Algengürtel in 1–10 m Tiefe von der Senogda-Bucht bis Kap Jelochin

Ein besonders gut untersuchter Fall ist die Bucht von Listwjanka, dem meistbesuchten Ort am Südwestufer. Dort bilden Spirogyra-Fäden seit 2011 Matten am Grund; 2016 waren sie dort die bestimmende Art der Bodenalgen, während im unbeeinflussten Vergleichsgebiet die ursprünglichen endemischen Algen vorherrschten. Die Siedlung mit rund 2.000 Einwohnern und vielen Hotels hatte nach einer Studie von 2021 noch keine zentrale Abwasserreinigung. Mehr über den Ort steht auf der Seite über Listwjanka am Ausfluss der Angara.

Warum wuchern die Algen?

Nach überwiegender Auffassung, weil Abwasser die Uferzone mit Stickstoff und Phosphor düngt. Viele Kläranlagen am Ufer stammen aus sowjetischer Zeit; 2016 arbeiteten nach Angaben des Limnologischen Instituts nur zwei von 29, und am Westufer fehlte vielerorts schon die Kanalisation. Gästehäuser und Ferienlager sammeln ihr Abwasser oft nur in Gruben, und auch die zahlreichen Schiffe gelten als Quelle von Fäkal- und Bilgenwasser.

Der Weg in den See führt oft unterirdisch. Timoschkins Team fand im Grundwasser und im Porenwasser des Strandes vor Siedlungen hohe Nährstoffwerte und oft über 2.000 Darmbakterien der Gattung Enterococcus in 100 Millilitern. Eine Isotopenstudie von 2020 stützt das: Spirogyra, die in 3 bis 5 Metern Tiefe im ruhigeren Wasser wächst, bezieht ihren Stickstoff offenbar aus dem Grundwasser, während die Gürtelalge Ulothrix in der Brandung eher von Oberflächenzuflüssen lebt. Messreihen der staatlichen Gewässeraufsicht zeigen dasselbe Muster an Zuflüssen: In die Tyja unterhalb von Sewerobaikalsk gelangten 2013 rund 50 Tonnen Phosphor, mehr als doppelt so viel wie im Mittel der Jahre zuvor. Weil der Wellengang die Stoffe rasch verdünnt, fallen sie bei chemischen Messungen im Uferwasser oft nicht auf.

Ganz einig ist sich die Forschung nicht. Michail Gratschow, damals Direktor des Instituts, rechnete 2016 vor, dass die Uferorte jährlich nur rund 50 Tonnen anorganischen Phosphor einleiten, gegenüber rund 308.000 Tonnen im See, und nannte die Ursache der Krise ein Rätsel. Andere Arbeiten sehen in der Erwärmung des Oberflächenwassers einen zusätzlichen Treiber, während Timoschkin 2018 weder die Erwärmung noch niedrige Wasserstände als Hauptursache gelten ließ. Strömungen und Wellen verteilen losgerissene Fäden zudem weiter, sodass sich die Alge von belasteten Stellen aus entlang der Küste ausbreiten kann. Wie diese Belastung mit anderen Umweltfragen zusammenhängt, zeigt die Seite über die Umweltprobleme des Baikalsees.

Was bedeutet die Algenblüte für das Leben in der Uferzone?

Sie verdrängt die ursprüngliche Lebensgemeinschaft des Steinufers. Am stärksten betroffen sind die endemischen Schwämme, die von Fadenalgen und Blaualgen überwachsen werden und vielerorts absterben; in der Bucht von Listwjanka sind die Bestände weitgehend zusammengebrochen. Die Seite über den Baikalschwamm und das Schwammsterben beschreibt diese Entwicklung im Einzelnen.

Auch Tiere am Grund leiden. In der Bucht von Listwjanka fanden Forscher 2010 bis 2013 deutlich weniger Gelege der Gelbflossen-Groppe, eines endemischen Fischs, der auf Steingrund laicht: Wo Algen den Grund vollständig bedeckten, war er für die Augustpopulation unzugänglich. Algenmatten behindern zudem Schnecken, die sich am Fels festhalten und dort ihre Gelege ablegen; ihr Anteil an der Biomasse des Bodenlebens sank dort, während Würmer zunahmen. Zwischen der Tyja und der Senogda-Bucht im Norden lagen 2013 bis 2018 Milliarden leerer Gehäuse von Schlammschnecken am Strand, gerade dort, wo die Algen am dichtesten wuchsen.

Kiesstrand mit einem langen Wall angespülter, verrottender dunkelgrüner Algen
Abb. 3Angespülte Algen am Strand. Symbolbild

Die angespülten Algen belasten das Ufer ein zweites Mal. Beim Verrotten setzen sie Nährstoffe frei, die zurück ins Wasser und ins Grundwasser des Strandes gelangen; in Senken der Bucht von Listwjanka maßen Forscher 2015 nach einer Algenblüte stark erhöhte Phosphor- und Ammoniumwerte. Nach Berichten, die Gratschow 2016 wiedergab, sahen Taucher an manchen Stellen nur noch etwa 2 Meter weit, wo früher 20 bis 30 Meter üblich waren. Warum der offene See trotzdem klar bleibt, erklärt die Seite Sichttiefe und Reinheit des Baikalsees.

Sind die Blaualgen am Baikal giftig?

Einige können Gifte bilden, eine Vergiftungsgefahr für den ganzen See ist daraus aber nicht abzuleiten. 2015 wiesen Mikrobiologen des Limnologischen Instituts in der Uferzone vor Turka am Ostufer, wo eine Ferienanlage entstanden war, erstmals Blaualgen der Gattungen Anabaena und Microcystis nach, die Gene für Microcystine tragen, Gifte, die die Leber schädigen; im Wasser maßen sie 0,17 Mikrogramm Microcystin pro Liter. Das liegt deutlich unter dem Richtwert der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasser von 1 Mikrogramm pro Liter. 2016 fanden sie auf kranken Schwämmen und Steinen bodenlebende Blaualgen, vor allem Tolypothrix distorta, die Saxitoxine bilden können, starke Nervengifte.

Eine Studie von 2025 suchte an elf Uferstellen nach Genen für die Microcystinbildung. Am häufigsten waren sie dort, wo das Wasser am wärmsten war und am meisten Stickstoff enthielt. Die Autoren mahnen, das Risiko giftiger Blüten auch in diesem nährstoffarmen See nicht zu unterschätzen, und empfehlen, warme, stickstoffreiche Uferabschnitte gezielt zu überwachen. Seit 2014 überziehen außerdem Blaualgen der Gattung Tychonema Steine, Holz und kranke Schwämme; Forscher beschrieben die Form 2026 als neue Art. Im August 2026 sammelte das Institut an Dutzenden Uferstellen erneut Proben, auch für die Analyse von Blaualgengiften.

Was wird gegen die Algenblüte getan?

Der wichtigste Ansatz ist eine bessere Abwasserreinigung. Im Bundesprojekt „Erhalt des Baikalsees“ ließ die Regierung seit 2019 Kläranlagen bauen und modernisieren; nach ihren Angaben sank die Menge verschmutzter Abwässer im Baikal-Naturterritorium bis 2023 von 247 auf 167,2 Millionen Kubikmeter im Jahr. Fachleute betonen, dass gewöhnliche biologische Kläranlagen für den Baikal nicht reichen und Stickstoff und Phosphor gezielt entfernt werden müssen. Ein Verbot phosphathaltiger Wasch- und Reinigungsmittel enthält die seit 2021 geltende Liste der in der zentralen ökologischen Zone verbotenen Tätigkeiten nicht.

Zugleich wird beobachtet. Das Team um Timoschkin fuhr im Juni 2026 erneut die Ufer von Listwjanka bis Sewerobaikalsk ab, um lange Messreihen zu Fadenalgen, Blaualgen, Uferauswürfen und Keimen im Porenwasser fortzuführen. Die IUCN bemängelte 2025, dass die Uferzone im staatlichen Monitoring noch zu wenig erfasst sei. Erholen kann sich die Uferzone nur langsam: Selbst wenn die Nährstoffzufuhr sinkt, brauchen die langsam wachsenden Schwämme Jahrzehnte, um verlorene Bestände zu ersetzen.

Häufige Fragen zu Algen und Abwasser am Baikalsee

Ist Spirogyra eine eingeschleppte Art?

Nach Erbgutanalysen von 2020 nicht. Die Baikal-Spirogyra geht auf Linien zurück, die schon sehr lange im Becken leben. Neu ist nicht die Alge selbst, sondern ihre massenhafte Ausbreitung an den Ufern.

Sind die Algenmatten für Menschen gefährlich?

Die Grünalgen selbst sind nicht giftig. Sie zeigen aber an, dass Abwasser ins Ufer gelangt, und dort finden sich oft auch Darmbakterien. Wo zusätzlich Blaualgen wachsen, können Gifte entstehen; die Beläge auf Steinen sind zudem sehr rutschig.

Warum riecht es an manchen Stränden faulig?

Weil angespülte Algen am Ufer verrotten. Dabei entstehen Fäulnisgase, und Nährstoffe werden frei, die den Strand und das Wasser davor erneut belasten. Am stärksten ist das im Herbst, wenn Stürme die größten Mengen losreißen.

Verschwinden die Algen im Winter?

An den meisten Ufern geht die Masse nach dem Herbstmaximum zurück. An einigen Stellen, etwa in der Bucht von Listwjanka und an der Tyja-Mündung bei Sewerobaikalsk, wachsen die Algen jedoch das ganze Jahr über in großen Mengen.

Ist auch der offene See betroffen?

Bisher kaum. Im Plankton des Südbeckens wurden zwar abgerissene Spirogyra-Fäden gefunden, die Wellen und Strömungen verdriften. Die chemischen Grundwerte des tiefen Wassers haben sich nach Angaben des Limnologischen Instituts aber nicht messbar verändert.

Quellen: Timoshkin (2018), Limnology and Freshwater Biology; Kravtsova et al. (2021), Biology 10; Science First Hand (2014): Spirogyra in Lake Baikal; Grachev (2016), Science First Hand; Gladyshev et al. (2020), Doklady Biochemistry and Biophysics 491; Mincheva et al. (2020), bioRxiv; Khanaev et al. (2016), Doklady Biological Sciences; Belykh et al. (2015), Doklady Biochemistry and Biophysics 463; Belykh et al. (2016), Toxicon 121; Li et al. (2025), Harmful Algae 144; UNDP-GEF Baikal-Projekt: Umweltbericht, Kap. 4.2; Limnologisches Institut: Ufer-Expedition Juni 2026; Regierungsverordnung Nr. 2399 vom 31. Dezember 2020 (FAOLEX); Sorokovikova et al. (2026), Diversity 18; Kravtsova et al. (2020), Journal of Great Lakes Research 46. Stand: Oktober 2026.

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