Der Baikalsee ist einer der am besten erforschten Seen der Erde: Das Limnologische Institut in Irkutsk, eine Messreihe seit 1945 und ein Neutrinoteleskop in über 700 Metern Tiefe gehören dazu. Zugleich steht der See unter Druck. Der offene See ist sauber, die Uferzone und das Einzugsgebiet sind belastet, und der Klimawandel verkürzt die Eiszeit.
Wie wird der Baikalsee erforscht?
Den See erforschen vor allem das Limnologische Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Irkutsk und die Universität Irkutsk. Das Institut ging 1961 aus einer Station von 1928 hervor, betreibt Forschungsschiffe und untersucht Physik, Chemie und Leben des Sees vom Plankton bis zum Seegrund. Die Universität führt vor dem Dorf Bolschije Koty seit 1945 eine Messreihe, in der Temperatur und Plankton in kurzen Abständen erfasst werden; sie gilt als eine der längsten ihrer Art an einem See.
Die Seite über die Limnologie am Baikal beschreibt Institute, Messmethoden und die großen Forschungsfragen: Wie entstanden die vielen endemischen Arten? Wie mischt sich der tiefe See? Wie reagiert er auf Erwärmung und Belastung? Das Forschungsdorf ohne Straßenanschluss stellt die Seite über Bolschije Koty vor; die Anfänge der Forschung im 18. und 19. Jahrhundert schildert die Seite über die Erforschung des Baikalsees.

Warum steht ein Neutrinoteleskop im Baikalsee?
Weil der See tief, klar und im Winter von einer tragfähigen Eisdecke bedeckt ist. Neutrinos sind fast masselose Teilchen aus dem Weltall, die kaum mit Materie reagieren. Trifft doch eines auf ein Wassermolekül, entsteht ein schwacher Lichtblitz, den Lichtsensoren in der Tiefe registrieren können. Das klare Wasser lässt das Licht weit genug kommen, und das Eis dient jeden Winter als Montageplattform.
Baikal-GVD liegt rund 3,6 Kilometer vor dem Südufer. Seit dem Frühjahr 2026 messen dort 16 Cluster mit knapp 4.900 Lichtsensoren in 700 bis 1.300 Metern Tiefe; das Projekt beziffert das Volumen auf rund 0,8 Kubikkilometer. Aufbau, Geschichte und Ergebnisse erklärt die Seite über das Neutrinoteleskop Baikal-GVD.
Warum gibt es am Baikalsee Erdbeben?
Der See liegt in einer aktiven Riftzone, in der die Erdkruste um einige Millimeter im Jahr auseinanderdriftet. Messstationen registrieren jedes Jahr Tausende meist schwacher Beben. Das stärkste bekannte Beben am See selbst, das Zagan-Beben vom Januar 1862, ließ am Selenga-Delta eine Steppe von rund 200 Quadratkilometern versinken; so entstand die Bucht Proval. Starke Beben treffen auch Städte und Bahnen: 2008 richtete ein Beben der Magnitude 6,3 im Südbecken Schäden in Kultuk und Sljudjanka an und war in Irkutsk deutlich zu spüren. Für die Forschung sind die Beben zugleich ein Werkzeug, denn ihre Wellen verraten, wie die Kruste unter dem See aufgebaut ist. Die Seite über die Erdbeben am Baikalsee stellt die starken Beben seit 1862 vor, die Geologie dahinter die Seite über die Baikal-Riftzone.
Ist der Baikalsee verschmutzt?
Teilweise. Das Wasser des offenen Sees ist nach allen Messungen weiterhin sehr sauber und nährstoffarm. Belastet sind vor allem die Uferzonen nahe Siedlungen und das Einzugsgebiet der Selenga, die rund die Hälfte des Flusswassers bringt und Abwasser aus Ulan-Ude und mongolischen Städten mitführt. Einen Überblick mit dem Stand vom Oktober 2026 gibt die Seite über die Umweltprobleme des Baikalsees.
Das sichtbarste Problem sind Fadenalgen. Seit etwa 2010 wuchern an vielen Ufern grüne Algen wie Spirogyra, gefördert durch Stickstoff und Phosphor aus schlecht geklärtem Abwasser; Algenwälle liegen an den Stränden, und zugleich erkranken die endemischen Schwämme. Ursachen und Folgen beschreibt die Seite über Abwasser und Algen am Ufer.
Die größte Altlast hinterließ das Zellstoffwerk in Baikalsk, das von 1966 bis 2013 gebleichten Zellstoff erzeugte und belastetes Abwasser in den See leitete. Kein anderes Industrieprojekt hat den Streit um den Baikal so geprägt; auf dem Gelände lagern Millionen Kubikmeter Schlamm, deren Sanierung andauert. Mehr dazu auf der Seite über das Zellstoffwerk Baikalsk und über die Stadt Baikalsk.
Wie verändert der Klimawandel den See?
Der Klimawandel ist am Baikal deutlich messbar. Die Luft über dem See wurde im 20. Jahrhundert um rund 1,2 °C wärmer, doppelt so stark wie im globalen Mittel; das Oberflächenwasser vor Bolschije Koty erwärmte sich seit 1946 um 1,21 °C. Folgen zeigen sich im Plankton, in der Eisdecke, von der die Baikalrobbe für ihre Geburtshöhlen abhängt, und in der Uferzone. Die Seite über den Klimawandel am Baikalsee fasst Messungen und Folgen zusammen.
Besonders gut belegt ist die Eisdecke. In Listwjanka wird sie seit dem Winter 1868/69 lückenlos beobachtet. Zwischen 1991 und 2019 fror das Südbecken im Mittel am 19. Januar zu, knapp zwei Wochen später als im 19. Jahrhundert, und das Eis hielt 102 statt 124 Tage. Die Seite Eisdauer im Wandel zeigt die ganze Reihe.
Wer regelt den Wasserstand, und trocknet der See aus?
Der Baikalsee trocknet nicht aus. Sein Spiegel wird seit 1958 über den Staudamm des Wasserkraftwerks Irkutsk an der Angara mitgesteuert und liegt seither im Mittel rund 0,7 bis 1 Meter höher als zuvor. In Jahren mit normaler Wasserführung muss er zwischen 456 und 457 Metern bleiben; ein Meter Pegel entspricht nur gut einem Promille des Seevolumens. Regeln, Niedrigwasser und Streit darüber erklärt die Seite über Wasserstand und Staudamm.
Wie wird der Baikalsee geschützt?
Der Schutz ruht auf drei Säulen: einem eigenen Gesetz, dem Welterbestatus und einem Ring von Schutzgebieten. Das Föderale Gesetz Nr. 94-FZ „Über den Schutz des Baikalsees“ vom 1. Mai 1999 teilt das Gebiet in Zonen ein und verbietet in der zentralen ökologischen Zone Tätigkeiten, die den See schädigen können. Im Dezember 2025 wurde das Gesetz geändert, unter anderem bei Holzeinschlag und Bauten, im August 2026 ergänzt. Die Regierung betont, Schutz und wirtschaftliche Entwicklung der Region zu verbinden; Umweltorganisationen und die IUCN sehen in den häufigen Änderungen eine Schwächung des Schutzes. Laut IUCN wurde das Gesetz bis 2025 achtzehnmal geändert. Verwaltung und Rechtslage beschreibt die Seite Baikalsee und Russland.
Seit 1996 ist der See Welterbe der UNESCO. Das Welterbekomitee beobachtet seinen Zustand seit Jahren; im Juli 2026 vertagte es die Entscheidung, ob der See auf die Liste des gefährdeten Welterbes kommt, auf 2027. Die Gründe und Berichte fasst die Seite über das UNESCO-Welterbe Baikalsee zusammen.
Ein großer Teil der Ufer liegt in Reservaten und Nationalparks. Das älteste ist das Bargusin-Reservat am Nordostufer, 1916 nach julianischem Kalender gegründet, um den fast ausgerotteten Zobel zu retten; es gilt als ältestes Naturreservat Russlands. Der Tunkinski-Nationalpark von 1991 umfasst mit rund 1,18 Millionen Hektar den ganzen Rajon Tunka südwestlich des Sees. Das Selenga-Delta am Ostufer ist seit 1994 Ramsar-Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung; es hält Schwebstoffe und Metalle aus dem Flusswasser zurück und ist der wichtigste Rastplatz für Wasservögel am See. Für die Forschung sind diese Gebiete Vergleichsflächen, an denen sich zeigt, wie sich der See ohne direkte Eingriffe verändert.
Welche Schutzgebiete und Seiten gehören zu dieser Station?
Die Station „Wissenschaft und Umwelt“ verbindet Forschung, Umweltprobleme und den Schutz des Sees. Ergänzend stellen eigene Seiten die Schutzgebiete vor, in denen ein großer Teil der Uferlandschaften liegt:
- Forschung: Limnologie, Neutrinoteleskop Baikal-GVD, Erdbeben, Bolschije Koty.
- Umwelt: Umweltprobleme, Abwasser und Algen, Zellstoffwerk Baikalsk, Baikalsk.
- Klima und Wasser: Klimawandel, Eisdauer im Wandel, Wasserstand und Staudamm.
- Schutzgebiete: Bargusin-Reservat, Tunkinski-Nationalpark, Selenga-Delta, Tschiwyrkui-Bucht, UNESCO-Welterbe.
Häufige Fragen zu Wissenschaft und Umwelt am Baikalsee
Ist der Baikalsee in Gefahr?
Der See als Ganzes ist nicht akut bedroht, sein Zustand verschlechtert sich aber an mehreren Stellen: Algen und Schwammsterben in der Uferzone, Altlasten, Einträge aus dem Einzugsgebiet und der Klimawandel. Die UNESCO prüft deshalb, ob der See auf die Liste des gefährdeten Welterbes kommt; die Entscheidung wurde im Juli 2026 auf 2027 vertagt.
Kann man das Wasser des Baikalsees noch trinken?
Das Wasser des offenen Sees ist sehr sauber und mineralarm. In der Nähe von Siedlungen, Häfen und Badestränden sollte man es wegen möglicher Keime aus Abwasser aber nicht ungekocht trinken.
Wer forscht am Baikalsee?
Vor allem das Limnologische Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Irkutsk, die Universität Irkutsk mit ihrer Station in Bolschije Koty, geologische Institute für Erdkruste und Erdbeben sowie die internationale Kollaboration des Neutrinoteleskops Baikal-GVD unter Führung des Instituts für Kernforschung in Moskau und des Vereinigten Instituts für Kernforschung in Dubna.
Warum gibt es so lange Messreihen am Baikal?
Weil Forscher früh begannen und die Messungen über Generationen fortgeführt wurden. Die Eisbeobachtung in Listwjanka reicht bis 1868/69 zurück, die Plankton- und Temperaturreihe vor Bolschije Koty bis 1945. Solche Reihen sind selten und deshalb für die Klimaforschung besonders wertvoll, weil sich nur über viele Jahrzehnte natürliche Schwankungen von einem Trend unterscheiden lassen.
Was ist aus dem Zellstoffwerk Baikalsk geworden?
Das Werk wurde 2013 endgültig geschlossen. Zurück blieben Absetzbecken mit Millionen Kubikmetern Schlamm, die seit einigen Jahren saniert werden; für einen Teil gibt es noch kein fertiges Verfahren. Auf dem Gelände sind neue Nutzungen geplant.
Was hat die Mongolei mit dem Baikalsee zu tun?
Ein großer Teil des Einzugsgebiets liegt in der Mongolei, vor allem das der Selenga, die rund die Hälfte des Flusswassers liefert. Abwasser aus mongolischen Städten und Bergbau gelangt so in den See. Pläne für Wasserkraftwerke an Selenga-Zuflüssen wurden 2024 zurückgestellt, stehen nach Angaben von Umweltorganisationen seit 2025 aber wieder in mongolischen Planungen.
Quellen: Limnologisches Institut SB RAN: About the Institute; Baikal-GVD Collaboration (JINR); NSIDC: Global Lake and River Ice Phenology Database (G01377); ECOLEX: Federal Law No. 94-FZ on the Protection of the Baikal Lake; weitere Quellen auf den verlinkten Fachseiten. Stand: Oktober 2026.
Alle Seiten dieser Station
Baikal-GVD: das Neutrinoteleskop unter dem Eis
Tausende Lichtsensoren im Tiefenwasser suchen nach Teilchen aus dem All
Limnologie: Wie der Baikalsee erforscht wird
Schiffe, Eisstationen und Bohrkerne: wie Forscher den tiefsten See vermessen
Erdbeben am Baikalsee
Warum die Riftzone bebt und was die großen Beben hinterließen
Ist der Baikalsee verschmutzt? Die Umweltprobleme
Sauberes Tiefenwasser, belastete Ufer und ein Streit um das Schutzrecht
Das Zellstoffwerk Baikalsk: 47 Jahre Streit
Vom sowjetischen Prestigebau zur größten Altlast am Südufer
Spirogyra und Abwasser: Algenblüte am Ufer
Grüne Fadenalgen, faulende Wälle und die Spur des Abwassers
Klimawandel am Baikalsee: wärmeres Wasser, weniger Eis
Was die langen Messreihen über Luft, Wasser, Eis und Leben im See zeigen
Eisdauer im Wandel: Friert der Baikalsee später zu?
Was 151 Winter Eisbeobachtung in Listwjanka über den Klimawandel verraten
