Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Orte & Olchon

Uschkani-Inseln: Liegeplätze der Baikalrobben

Vier Inseln auf dem Akademikerrücken mit dem größten Robbenliegeplatz

Bereich
Orte & Olchon
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Eine größere bewaldete Insel und drei kleinere Inseln auf dem offenen See
Abb. 1Eine Inselgruppe weit draußen auf dem See. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Uschkani-Inseln sind eine Gruppe aus vier Inseln mitten im Baikalsee, rund 8 bis 14 Kilometer nordwestlich der Halbinsel Swjatoi Nos. Sie sind die aus dem Wasser ragenden Gipfel des Akademikerrückens. An ihren Felsufern liegt der größte Sammelplatz der Baikalrobben: Im Sommer ruhen dort Hunderte, in manchen Jahren bis zu 3.000 Tiere.

Wo liegen die Uschkani-Inseln?

Die Inseln liegen fast genau in der Mitte des Sees zwischen Nord- und Südende, vor der Westküste der Halbinsel Swjatoi Nos. Die kleine Insel Dolgi ist rund 8 Kilometer von der Halbinsel entfernt, die frühere Siedlung am Südwestufer des Großen Uschkani rund 14 Kilometer. Bis zur Nordspitze von Olchon, dem Kap Choboi, sind es rund 70 Kilometer Luftlinie über den offenen See, bis zum Hafen Ust-Bargusin an der Mündung des Bargusin rund 76 Kilometer auf dem Wasserweg.

Unter Wasser sitzen die Inseln auf einer Schwelle, die das mittlere vom nördlichen Becken trennt. Auf der Schwelle selbst ist der See nur rund 250 bis 300 Meter tief, während das mittlere Becken mit 1.642 Metern die tiefste Stelle des Sees birgt und das nördliche Becken bis rund 904 Meter erreicht. Zwischen der Schwelle und Swjatoi Nos zieht eine schmale Rinne mit Tiefen bis rund 950 Meter vorbei, nordöstlich der Inseln liegt in 400 bis 700 Metern Tiefe das Kurbulik-Plateau. Wie sich die drei Becken gliedern, erklärt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.

Weil die Inseln weit draußen im kalten offenen Wasser liegen, ist ihr Klima kühler und ausgeglichener als an den Ufern. Bei ruhigem Sommerwetter verschwinden sie oft tagelang im Nebel, der über dem kalten See liegt. Im Herbst überziehen Stürme die Uferfelsen mit Spritzeis, russisch Sokui, das an exponierten Felsen des Baikal bis zu zehn Meter hoch reichen kann.

Welche Inseln gehören zur Gruppe?

Zur Gruppe gehören eine große und drei sehr kleine Inseln. Der Große Uschkani misst rund 4 mal 2,5 Kilometer und erhebt sich als bewaldeter Berg rund 215 Meter über den Seespiegel. Die drei Kleinen Uschkani-Inseln ragen nur rund 17 bis 22 Meter aus dem Wasser, haben aber wie die große Insel überwiegend steile Felsufer. Zwischen der großen Insel und den kleinen liegt eine gut zwei Kilometer breite und rund 76 Meter tiefe Meerenge. Die kleinen Inseln selbst trennen nur schmale Durchlässe mit Felsriffen und Brandung.

InselRussischer NameFlächeLängeHöhe über dem See
Großer UschkaniBolschoi Uschkanirund 9,4 km²rund 4,2 kmrund 215 m
Tonki („die Dünne“)Tonkirund 0,2 km²rund 1,2 kmrund 17 m
Dolgi („die Lange“)Dolgirund 0,1 km²rund 0,5 kmkeine Angabe
Krugly („die Runde“)Kruglygut 0,1 km²rund 0,4 kmkeine Angabe
GesamtUschkanji ostrowarund 9,8 km²

Flächen und Maße stammen aus einem Verzeichnis der Naturdenkmäler des Baikal von 1991. Ältere Angaben weichen leicht ab: Der Geologe W. W. Lamakin von der Baikal-Limnologischen Station beschrieb den Großen Uschkani 1955 als rund 5 Kilometer lang, 3 Kilometer breit und 216 Meter hoch. Einen Überblick über die übrigen Inseln des Sees gibt die Seite Inseln im Baikalsee.

Wie sind die Uschkani-Inseln entstanden?

Die Inseln sind die höchsten Teile des Akademikerrückens, einer rund 100 Kilometer langen Schwelle am Seegrund, die von Olchon nach Nordosten zieht. An den Uschkani-Inseln erhebt sich der Rücken rund 1.848 Meter über den tiefsten Seeboden. Nach Untersuchungen des Limnologischen Instituts in Irkutsk und belgischer Partner bildete dieser Rücken bis ins mittlere Miozän, vor etwa acht bis neun Millionen Jahren, das Nordufer des damaligen Sees. Erst danach weitete sich der Baikal nach Norden aus, und das nördliche Becken entstand.

Die Gesteine selbst sind viel älter. Der größere südliche Teil des Großen Uschkani sowie Tonki und Krugly bestehen nach Lamakin aus bunten kristallinen Kalken, Quarziten und metamorphen Schiefern aus dem Archaikum, der Norden der Gruppe aus jüngeren, aber ebenfalls präkambrischen kristallinen Kalken mit Lagen aus Konglomerat und Sandstein. Vermutlich trennt ein alter Bruch in der Erdkruste beide Gesteinsfolgen.

Dass die Inseln in geologisch junger Zeit aufgestiegen sind und noch aufsteigen, lesen Geologen an ihren Hängen ab. Der Große Uschkani ist von unten bis oben gestuft: Zehn alte Brandungsterrassen, flache Stufen mit abgerollten Kieseln und Seeablagerungen, ziehen sich um die Insel, die flache Gipfelfläche ist die oberste von ihnen. Ein archäologischer Fund in der untersten Terrasse zeigte, dass die Ostseite der Insel in rund 4.000 Jahren um etwa acht Meter gehoben wurde, im Mittel rund zwei Millimeter pro Jahr. Die Terrassen sind zudem nach Nordwesten geneigt, und zwar umso stärker, je älter sie sind: Die Insel kippt beim Aufsteigen.

Warum liegen hier so viele Baikalrobben?

Die Uschkani-Inseln bieten, was Robben zum Ruhen brauchen: flache, glatt geschliffene Felsen direkt am tiefen, nahrungsreichen Wasser und weit und breit keine Siedlung. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung ist es der größte Liegeplatz der Nerpa am ganzen See. Im Sommer sammeln sich auf den Steinen rund um die Inseln Hunderte Tiere, in manchen Jahren bis zu 3.000. Der größte Einzelplatz soll am Westufer der Insel Tonki liegen, mit bis zu 2.000 Tieren.

Das war nicht immer so. Lamakin schrieb 1955, die Inseln seien bis vor nicht langer Zeit für ihre Robbenplätze berühmt gewesen, der Bestand sei aber durch übermäßige Jagd geschrumpft. Heute sammeln sich dort wieder Hunderte bis Tausende Tiere, und seit 1986 stehen die Inseln unter dem Schutz des Nationalparks. Wie viele Robben insgesamt im See leben und wie sie den Winter unter dem Eis überstehen, beschreibt die Seite über die Baikalrobbe (Nerpa).

Die Inseln sind auch ein Ort der Robbenforschung. Im Juni 2018 statteten japanische und russische Forscher hier acht Robben mit Kameras und Beschleunigungsmessern aus und konnten so zeigen, dass die Tiere nachts in großer Zahl winzige Flohkrebse fangen. Im Projekt „Nerpa-online“ des Baikal-Museums, das unter anderem von der Oblast Irkutsk und der Russischen Geographischen Gesellschaft unterstützt wird, übertragen Kameras Bilder von den Liegeplätzen.

Welche Pflanzen und Tiere leben auf den Inseln?

Den Großen Uschkani bedeckt ein urwüchsiger Wald aus hohen Lärchen und Kiefern, darunter dichtes Gebüsch des Daurischen Rhododendrons, das im Frühjahr violett blüht. Am Südosthang öffnet sich eine kleine Steppenlichtung, dazwischen stehen nackte Felsen. Auf den kleinen Inseln wächst nur niedriger, lichter Lärchenwald, außerdem die Zwergbirke, die auf der großen Insel fehlt. Lamakin erklärte das mit der Kühle: Die kleinen Inseln stehen ganz unter dem Einfluss des kalten Seewassers, auf der großen wirkt es vor allem am Ufer.

Auffällig sind die Ameisen. Der Zoologe Oleg Gussew zählte auf einem vier Kilometer langen und 50 Meter breiten Streifen im Westen des Großen Uschkani 178 Ameisenhaufen, im Mittel 8 bis 9 je Hektar, und schätzte ihre Zahl auf der ganzen Insel auf mindestens 6.000 bis 7.000. Die größten waren 1,7 Meter hoch und über 3 Meter breit. Als Grund vermutete schon Lamakin, dass auf der abgelegenen Insel nur selten Waldbrände entstehen. Gussew beschrieb außerdem einige Dutzend Hasen, die dauerhaft auf der Insel lebten.

Im Flachwasser um die Inseln hat die Isolation eigene Formen hervorgebracht. Lamakin nannte 1955 mehr als zehn Arten von Flohkrebsen, zwei Arten von Köcherfliegen, drei bodenlebende Fischarten aus der Verwandtschaft der Groppen und zu einem guten Teil eigene Strudelwürmer. Andere typische Bewohner der Festlandsufer fehlen dagegen, etwa der Vielborster Manayunkia baicalensis, weil sie die tiefen Rinnen rund um die Inseln nicht überwinden können. Die Vogelwelt der Inseln beschrieb Gussew 1960 in einer eigenen Arbeit.

Felsiges Ufer einer bewaldeten Insel mit Kiefern und Birken
Abb. 2Felsufer und Wald einer Insel. Symbolbild

Wer lebte auf den Inseln, und woher kommt der Name?

Ständig bewohnt waren die Inseln nur von wenigen Menschen. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten dort nach Lamakin allein die Beobachter des Leuchtfeuers und der Wetterstation. Am Südwestufer des Großen Uschkani lag die kleine Siedlung Uschkanji Ostrowa, die 2021 noch drei ständige Einwohner hatte. Am 16. November 2023 löste das Parlament Burjatiens, der Volks-Chural, die Siedlung formell auf. Nach den verfügbaren Angaben bestehen auf der Insel eine Wetterstation und ein Posten des Nationalparks.

Der Name hat mit Hasen zu tun, wofür es zwei Erklärungen gibt. Uschkan ist ein altes sibirisch-russisches Wort für den Hasen. Lamakin führte den Namen darauf zurück, dass auf den Inseln einst viele Hasen lebten. Der Ortsnamenforscher Matwei Melchejew erklärte ihn 1969 anders: Russische Siedler hätten im 17. Jahrhundert die Robben „Hasen“ genannt, in Anlehnung an den „Meereshasen“, wie die Bartrobbe am Weißen Meer heißt. Auf der Karte des sibirischen Kartografen Semjon Remesow hießen die Inseln deshalb „Hasen-Inseln“, später setzte sich das sibirische Wort Uschkan durch.

Wie sind die Inseln geschützt?

Die Inseln gehören seit der Gründung am 12. September 1986 zum Sabaikalski-Nationalpark. Seine Verwaltung, Sapowednoje Podlemorje, betreut zugleich das Bargusin-Reservat. Für einen Landgang auf den Uschkani-Inseln war nach den Regeln des Parks eine besondere Genehmigung der Verwaltung nötig. Damit sollen Robbenplätze, Wald und Ameisenhügel möglichst ungestört bleiben. Ausführlicher beschreibt die Seite über den Sabaikalski-Nationalpark das Schutzgebiet mit seinen Zonen.

Erreichbar waren die Inseln in der eisfreien Zeit nur per Schiff; der Wasserweg von Ust-Bargusin ist rund 76 Kilometer lang. Ob und unter welchen Bedingungen Besuche aktuell möglich sind, entscheidet die Parkverwaltung. Für Reisen nach Russland gilt derzeit eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts.

Häufige Fragen zu den Uschkani-Inseln

Wann sind die meisten Robben auf den Uschkani-Inseln?

Die größten Ansammlungen liegen im Sommer auf den Uferfelsen, nach dem Eisaufbruch und dem Fellwechsel. Im Frühjahr ruhen die Robben dagegen oft auf treibenden Eisschollen. Wie viele Tiere sich sammeln, schwankt von Jahr zu Jahr stark.

Ist der Große Uschkani bewaldet?

Ja, fast vollständig, vor allem mit Lärchen und Kiefern und einem Unterwuchs aus Daurischem Rhododendron. Nur am Südosthang liegt eine kleine Steppenlichtung. Die kleinen Inseln tragen dagegen nur niedrigen, lichten Lärchenwald.

Warum steigen die Inseln aus dem See auf?

Der Baikal liegt in einem Grabenbruch, in dem einzelne Krustenschollen absinken und andere angehoben werden. Die Uschkani-Inseln sitzen auf einer solchen gehobenen Scholle. Ihre Brandungsterrassen zeigen, dass die Hebung bis in die letzten Jahrtausende anhielt.

Wie groß sind die Uschkani-Inseln zusammen?

Zusammen rund 9,8 Quadratkilometer, wovon der Große Uschkani mit rund 9,4 Quadratkilometern fast alles ausmacht. Die drei kleinen Inseln messen jeweils nur um die 0,1 bis 0,2 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Olchon ist mit rund 730 Quadratkilometern fast achtzigmal so groß.

Gibt es auf den Inseln Bären?

Eine ständige Bärenpopulation ist von den Inseln nicht beschrieben, die nächsten großen Bärengebiete liegen auf Swjatoi Nos und am Nordostufer. Die frühen Beschreibungen nennen als Landsäugetiere vor allem Hasen.

Quellen: Sapowednoje Podlemorje: Sabaikalski-Nationalpark; Lamakin, W. W. (1955): Uschkani-Inseln im Baikal, Priroda Nr. 9 (Nachdruck); Gussew, O. K.: Ameisenhaufen der Uschkani-Inseln; Watanabe et al. (2020), PNAS 117; Chlystow et al. (2000): Bau und Entwicklung des Akademikerrückens, Geologija i Geofisika 41; Imetchenow (1991): Pamjatniki prirody Baikala; Wikipedia (russisch): Uschkanji ostrowa, Akademitscheski chrebet, Sokui. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

Sieben Stationen

  1. Der SeeTiefe · Wasser
  2. EisKlareis · Eishügel
  3. Natur & TiereNerpa · Omul
  4. Orte & OlchonOlchon · Irkutsk
  5. Kultur & GeschichteBurjaten · Transsib
  6. Wissenschaft & UmweltForschung · Umwelt
  7. ReiseReisezeit · Lage

Reiselage Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Russland. Aktueller Stand: auswaertiges-amt.de