Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Orte & Olchon

Kap Choboi: die Nordspitze von Olchon

Marmorfelsen, Legende und Eis an der Nordspitze der Insel Olchon

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Orte & Olchon
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Zerklüftete helle Marmorklippe mit Felszahn über tiefblauem Wasser
Abb. 1Steilküste an der Nordspitze von Olchon. Symbolbild
Kurz gesagt

Kap Choboi ist die Nordspitze der Insel Olchon im mittleren Baikalsee. Der burjatische Name bedeutet „Reißzahn“, nach den hellen Marmorfelsen, die senkrecht ins Wasser abfallen. Am Kap endet das Kleine Meer, dahinter öffnet sich der offene See nahe seiner breitesten Stelle. Das Kap gehört zum Pribaikalski-Nationalpark und liegt rund 38 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Chuschir.

Wo liegt Kap Choboi und woher stammt sein Name?

Kap Choboi bildet den nördlichsten Punkt der Insel Olchon, der größten Insel des Baikalsees. Es liegt auf rund 53,4 Grad nördlicher Breite und 107,8 Grad östlicher Länge, im Olchonski-Bezirk der Oblast Irkutsk. Das Kap ist der Endpunkt einer Insel, die sich auf rund 72 Kilometern parallel zum Westufer erstreckt und mit 730 Quadratkilometern weit größer ist als jede andere Insel im See. Wie die Insel insgesamt aufgebaut ist, beschreibt die Seite über Olchon, die größte Insel im Baikalsee.

Der Name kommt aus dem Burjatischen. Һобой, gesprochen etwa Choboi, bedeutet „Reißzahn“ oder „Fangzahn“. Er beschreibt, wie das Kap vom Wasser aus wirkt: Mehrere schmale, steil abbrechende Felsen ragen nebeneinander auf und erinnern an die Zähne eines Raubtiers. Einer dieser Felsen trägt einen zweiten Namen, Dewa, russisch „Jungfrau“. Von der Seeseite betrachtet, glauben viele in seinem Umriss die Gestalt einer Frau zu erkennen.

Für die Gliederung des Sees hat das Kap eine feste Rolle. Der Limnologe Grigori Galasi, langjähriger Direktor des Limnologischen Instituts in Irkutsk, beschrieb das Kleine Meer als den Teil des Sees zwischen dem Westufer, der Insel Olchon und einer Linie von Kap Sama am Festland bis Kap Choboi. Nördlich dieser Linie beginnt das, was Einheimische im Gegensatz dazu das Große Meer nennen: der offene Baikal.

Woraus bestehen die Felsen am Kap?

Die Felsen am Kap bestehen vor allem aus Marmor, einem durch Druck und Hitze umgewandelten Kalkstein. Er steht hier in steilen, fast senkrechten Bänken an und bildet die hellen, zerklüfteten Wände, die dem Kap seinen Namen gaben. Die Große Sowjetische Enzyklopädie beschreibt Olchon insgesamt als Insel aus archaischen Gneisen, Marmoren, Quarziten und Graniten. Das sind Gesteine aus der Frühzeit der Erdgeschichte, weit älter als der Baikalsee selbst, der vor 25 bis 30 Millionen Jahren zu entstehen begann.

Dass diese alten Gesteine heute so steil aus dem Wasser ragen, ist eine Folge der Riftbewegungen. Olchon ist ein gehobener Krustenblock zwischen zwei abgesunkenen Senken: dem flachen Graben des Kleinen Meeres im Westen und dem tiefen Mittelbecken im Osten. Geologisch bildet die Insel den südwestlichen Rand des Akademikerrückens, einer rund 100 Kilometer langen Schwelle am Seegrund, die vom Norden Olchons bis zu den Uschkani-Inseln zieht und das mittlere vom nördlichen Becken trennt. Kap Choboi markiert die Stelle, an der dieser Block über Wasser endet.

Wellen und Eis arbeiten seit Jahrtausenden an den Felsen. Fotodokumentationen des Irkutsker Projekts „Priroda Baikala“ zeigen am Kap eine Brandungshohlkehle, also eine vom Wellenschlag ausgewaschene Nische am Fuß der Wand, und eine Öffnung, die den Fels durchbricht. Solche Bögen und Nischen entstehen dort, wo das Gestein entlang von Klüften weicher ist und das Wasser es schneller ausräumt. Die genaue Höhe der Klippen ist in den gesichteten Quellen nicht einheitlich angegeben.

Welchen Blick bietet das Kap über den See?

Vom Kap aus überblickt man den offenen Baikal in der Nähe seiner breitesten Stelle. Der See ist hier rund 80 Kilometer breit, das gegenüberliegende Ostufer ist entsprechend weit entfernt. Bei klarer Luft zeichnet sich dort der gebirgige Umriss der Halbinsel Swjatoi Nos ab. Ihre Südwestspitze, Kap Nischneje Isgolowje, liegt rund 50 Kilometer Luftlinie entfernt, die Uschkani-Inseln vor ihrer Westküste etwa 73 Kilometer.

Unter der Wasseroberfläche öffnet sich östlich der Insel das Mittelbecken, das tiefste der drei Becken. Dort liegt die tiefste gemessene Stelle des Baikals mit 1.642 Metern. Der Kontrast ist schroff: Westlich des Kaps liegt das Kleine Meer, das selbst im Norden nur rund 200 Meter Tiefe erreicht, östlich fällt der Seegrund entlang der Steilküste Olchons rasch in große Tiefen ab.

Auch das Land hinter dem Kap verändert sich auf kurzer Strecke. Die Westküste Olchons ist niedrig und von Buchten und Steppe geprägt, der Norden trägt nach Lexikonangaben Lärchenwald, und an der Ostküste brechen Bergrücken von rund 900 Metern Höhe als Steilwände zum See ab. Die äußersten Felsköpfe am Kap selbst sind waldfrei. Auf der Ostseite der Nordspitze liegt die kleine Siedlung Usury mit einer Wetterstation und einem Labor des Instituts für Erdkruste, in deren Umgebung Fundstellen aus der Jungsteinzeit bekannt sind.

Steppenplateau mit Steinen endet abrupt an einer Steilkante über dem See
Abb. 2Das Plateau endet an der Steilkante über dem offenen See. Symbolbild

Welche Legende erzählt man sich über den Felsen Dewa?

Die bekannteste Überlieferung zum Kap ist eine burjatische Sage über den Felsen Dewa. Nach der Fassung, die ein regionales Verzeichnis der Naturdenkmäler des Baikals wiedergibt, war der Fels einst eine junge Frau. Ihr Mann hatte von den Himmelsgöttern, den Tengri, einen Palast erhalten. Aus Neid bat sie um einen eben solchen Palast für sich. Die Tengri verwandelten sie daraufhin in Stein, mit den Worten, sie solle Stein bleiben, solange es auf der Erde Böses und Neid gebe.

Die Sage steht in einer Reihe von Erzählungen, mit denen die Burjaten auffällige Felsen der Insel deuten. Olchon gilt im Glauben der Burjaten als heilige Insel, und der Schamanenfelsen bei Chuschir ist ihr bekanntester Kultort. Am Kap Choboi beschreiben Ortsbeschreibungen außerdem ein vielfaches Echo, das von der geschlossenen Felswand zurückgeworfen wird. Wie alt die Dewa-Sage ist und in welchen Varianten sie erzählt wird, lässt sich aus den zugänglichen Quellen nicht sicher bestimmen.

Wie verändert sich das Kap im Winter?

Im Winter wird Kap Choboi zu einem der bekanntesten Eisorte am Baikal. Wenn der See im Spätherbst noch offen ist und Stürme Wasser gegen die Felsen werfen, gefriert das Spritzwasser zu dicken Krusten, russisch Sokui genannt. Sie überziehen die Wände und Felsnadeln mit Eis, an Überhängen wachsen Vorhänge aus Eiszapfen. Ist die Eisdecke im Januar geschlossen, werden Nischen und Hohlkehlen am Fuß der Klippen vom Eis aus zugänglich. Wie solche Grotten und Zapfen entstehen, erklärt die Seite zu den Eisgrotten und Eiszapfen an den Felsufern.

Vor dem Kap schieben sich die Eisfelder des offenen Sees und des Kleinen Meeres gegeneinander. Reiseberichte beschreiben dort Felder aus mehrere Meter hohen, aufgestellten Schollen. Diese Pressungen entstehen, wenn sich die Eisdecke bei Temperaturwechseln ausdehnt und Wind sie gegen die Küste drückt. Die Seite über die Eishügel (Torossy) beschreibt den Vorgang im Einzelnen.

Vereiste helle Klippen mit Eiszapfen, davor aufgetürmte türkise Eisschollen
Abb. 3Im Winter überzieht Spritzeis die Klippen. Symbolbild

Das Eis rund um die Nordspitze ist nicht überall verlässlich. Nach Untersuchungen, über die das NASA Earth Observatory berichtete, bilden sich im Mittelbecken immer wieder große Ringe aus dünnem Eis über warmen Wirbeln, besonders häufig vor Kap Nischneje Isgolowje. Forscher rieten deshalb, die direkte Linie zwischen diesem Kap und Kap Choboi zu meiden. Am 20. Februar 2026 brach nach Berichten der Zeitung Kommersant nahe der Nordspitze von Olchon ein Kleinbus durch das Eis. Sieben Touristen und der Fahrer kamen ums Leben. Die offizielle Eispiste zur Insel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geöffnet.

Wie ist das Kap mit Chuschir verbunden und wie ist es geschützt?

Eine feste Straße zum Kap gibt es nicht. Von Chuschir, dem Hauptort der Insel, sind es rund 38 Kilometer Luftlinie nach Nordosten. Nördlich des Ortes enden die befestigten Wege, und das Kap ist nur über unbefestigte Pisten durch Steppe und Wald erreichbar, die je nach Wetter tief zerfahren oder staubig sind. Über die Lage und die Geschichte des Hauptorts informiert die Seite über Chuschir, den Hauptort der Insel.

Das Kap gehört wie fast ganz Olchon zum Pribaikalski-Nationalpark, den der Ministerrat der Russischen Sowjetrepublik im Februar 1986 einrichtete. Seit 1996 ist der Park Teil des UNESCO-Welterbes „Baikalsee“. Die Verwaltung des Parks steht vor dem Problem, dass der Besucherandrang auf Olchon seit Jahren wächst. Für die Insel nennen Darstellungen fehlende Kläranlagen, zunehmenden Müll und Erosion durch Fahrzeuge, die abseits der Pisten fahren. Am Schamanenfelsen bei Chuschir wurde deshalb eine Barriere aus Baumstämmen gegen Autos errichtet. Für die Nordspitze ist keine eigene Schutzanlage dokumentiert, die Belastung durch Pistenverkehr gilt aber für die ganze Insel.

Häufige Fragen zu Kap Choboi

Ist Kap Choboi der nördlichste Punkt von Olchon?

Ja. Das Kap bildet die Nordspitze der Insel und gleichzeitig die Grenze zwischen dem Kleinen Meer und dem offenen See. Die Koordinaten liegen bei rund 53,41 Grad Nord und 107,79 Grad Ost.

Kann man vom Kap das Ostufer sehen?

Bei klarer Luft ist am Horizont der gebirgige Umriss der Halbinsel Swjatoi Nos zu erkennen. Der See ist hier rund 80 Kilometer breit, die nächste Spitze der Halbinsel liegt etwa 50 Kilometer entfernt.

Wie tief ist der See vor Kap Choboi?

Östlich der Nordspitze beginnt das Mittelbecken, in dem auch die tiefste Stelle des Baikals mit 1.642 Metern liegt. Westlich davon ist das Kleine Meer deutlich flacher, mit höchstens rund 200 Metern im Norden.

Woher stammt der Marmor am Kap?

Der Marmor gehört zu den sehr alten kristallinen Gesteinen, aus denen Olchon besteht. Er ist durch Umwandlung von Kalkstein unter Druck und Hitze entstanden und wurde mit dem Krustenblock der Insel im Zuge der Riftbewegungen über den Seespiegel gehoben.

Warum gilt das Eis vor der Nordspitze als gefährlich?

Vor dem Kap treffen Eisfelder aus zwei Seeteilen aufeinander, und im Mittelbecken bilden sich über warmen Wirbeln Ringe aus dünnem Eis. Forscher rieten, die direkte Linie von Kap Choboi nach Swjatoi Nos zu meiden. Im Februar 2026 starben nahe der Nordspitze acht Menschen, als ihr Fahrzeug einbrach.

Quellen: Priroda Baikala (Irkutsk): Kap Choboi; Große Sowjetische Enzyklopädie: Olchon; Baikal Web World: Olkhon Island; NASA Earth Observatory: Baikal’s Giant Ice Rings; Kommersant, 25.02.2026; G. I. Galasi: Baikal w woprossach i otwetach (3. Aufl., 1988); Wikipedia (russisch): Хобой, Малое Море, Ольхон, Узуры. Stand: Oktober 2026.

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