Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Natur & Tiere

Golomjanka: der durchsichtige Ölfisch der Tiefe

Zwei lebendgebärende Fischarten ohne Schwimmblase, die nur im Baikal vorkommen

Gattung
Comephorus Lacépède, 1800
Arten
C. baikalensis (Pallas, 1776) und C. dybowskii Korotneff, 1904
Familie
Groppen (Cottidae), früher eigene Familie Comephoridae
Unterordnung
Groppenverwandte (Cottoidei)
Bereich
Natur & Tiere
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Lichtkegel einer Lampe fällt nachts von einem Schiff in dunkles, tiefes Wasser
Abb. 1Das dunkle Freiwasser ist der Lebensraum der Golomjanka. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Golomjanka, auch Baikal-Ölfisch genannt, ist ein durchscheinender, schuppenloser Fisch, der nur im Baikalsee lebt. Von ihr gibt es zwei Arten, die bis 21 beziehungsweise 16 Zentimeter lang werden. Golomjankas haben keine Schwimmblase, bringen lebende Junge zur Welt, leben im Freiwasser bis in über 1.600 Meter Tiefe und sind die Hauptnahrung der Baikalrobbe.

Wie sieht die Golomjanka aus?

Golomjankas sind schlanke, schuppenlose Fische mit sehr dünner, fast durchsichtiger Haut, einem großen, flachen Kopf und auffallend langen Brustflossen. Lebende Tiere schimmern blassrosa bis perlmuttartig, tote werden rasch milchig trüb. Bauchflossen fehlen, nur die Beckenknochen sind noch angelegt. Rücken- und Afterflosse ziehen sich als lange Säume bis kurz vor die Schwanzflosse. Der Kopf macht fast ein Viertel der Körperlänge aus, das schräge Maul trägt viele feine, haarartige Zähne, und auf dem Kopf liegen große Hohlräume des Seitenliniensystems, mit dem die Fische Wasserbewegungen wahrnehmen.

Es gibt zwei Arten. Die Große Golomjanka (Comephorus baikalensis) erreicht nach der Datenbank FishBase bis 21 Zentimeter, russische Bestimmungswerke nennen für große Weibchen bis 23 Zentimeter und rund 64 Gramm. Die Kleine Golomjanka (Comephorus dybowskii) wird bis etwa 16 Zentimeter lang und hat deutlich kleinere Augen. Bei beiden Arten bleiben die Männchen viel kleiner als die Weibchen, und sie sind in der Minderheit: Je nach Quelle und Art stellen sie nur einen kleinen Bruchteil bis knapp ein Drittel der Tiere.

Systematisch gehören die Golomjankas zu den Groppen, kleinen, meist am Grund lebenden Fischen. Lange wurden sie als eigene Familie Comephoridae geführt. Das Standardwerk „Fishes of the World“ stellt sie heute als Unterfamilie zu den Groppen (Cottidae); Erbgutstudien zeigen, dass alle Baikal-Groppen samt Golomjankas aus einer Stammform hervorgegangen sind, die wahrscheinlich zur Groppengattung Cottus gehörte. Nach einer Analyse Irkutsker Genetiker von 2010 ist die Große Golomjanka die ältere Art, die Kleine ist aus ihrer Linie hervorgegangen, vermutlich im selben See und ohne räumliche Trennung.

Wie schwebt ein Fisch ohne Schwimmblase im Freiwasser?

Golomjankas gleichen ihr Gewicht über viel Fett, leichte Knochen und große Flossen aus. Eine Schwimmblase, mit der andere Fische ihren Auftrieb regeln, besitzen sie wie alle Baikal-Groppen nicht. Das hat einen Vorteil: Ohne gasgefülltes Organ können sie Hunderte Meter auf- und absteigen, ohne dass Druckunterschiede ihnen schaden.

Die beiden Arten lösen das Problem unterschiedlich. Bei der Großen Golomjanka bestand der Körper reifer Weibchen in einer Analyse des Limnologischen Instituts zu 38,9 Prozent des Frischgewichts aus Fett, bei der Kleinen nur zu 4,7 Prozent. Andere Angaben nennen für die Große Art rund 25 Prozent; die Werte schwanken mit Alter, Geschlecht und Jahreszeit. Die Kleine Golomjanka hat dafür im Verhältnis zur Körperlänge noch größere Brustflossen. Polnische und russische Anatomen deuteten das 2003 so: Die kleine Art hält sich vor allem mit den Flossen in der Schwebe, die große vor allem mit Fett.

Hinzu kommt ein leichtes Skelett. Die Knochen sind dünn, porös und arm an Mineralien. Eine Untersuchung mit Mikro-Computertomografie von 2026 zeigte, dass die Knochendichte bei den Freiwasser-Groppen des Baikal zweimal unabhängig voneinander stark abgenommen hat, bei den Golomjankas und bei der Groppengattung Cottocomephorus, zu der die Gelbflossen- und die Langflossengroppe gehören. Im Kiefer enthielt der Knochen der Freiwasserarten danach rund 57 Prozent weniger Knochenmineral als bei Grundbewohnern. Lange galten Golomjankas als träge Schweber. Eine Erbgutanalyse ihrer Muskulatur von 2025 fand dagegen Merkmale, die zu ausdauerndem Schwimmen passen; bei der Nahrungssuche können die Fische offenbar lange aktiv sein.

Wo lebt die Golomjanka und wie tief geht sie?

Golomjankas leben im offenen See in der gesamten Wassersäule, von wenigen Metern unter der Oberfläche bis in über 1.600 Meter Tiefe. Tagsüber halten sie sich meist tiefer als 100 Meter auf, nachts steigen sie zum Fressen in die oberen Wasserschichten. Zusammen mit einigen Tiefwassergroppen gelten sie als die am tiefsten lebenden Süßwasserfische der Erde. Wie die Tiefe des Sees vermessen wurde und warum dort unten Sauerstoff vorhanden ist, beschreibt die Seite über die Tiefe des Baikalsees.

Die Tiefe wechselt mit Tageszeit und Jahreszeit. Nach den in FishBase zusammengefassten Angaben steht die Große Golomjanka im Januar und Februar meist in 150 bis 250 Metern, im März und April in 100 bis 120 Metern; die Kleine im Winter tiefer, in 300 bis 500 Metern, im Frühjahr ebenfalls in 100 bis 120 Metern. Im Sommer weichen beide Arten in größere Tiefen aus, ab dem Herbst steigen sie nachts wieder höher. Moore und Kollegen beschrieben 2009 die tägliche Wanderung so: Die Fische kommen aus 300 bis 1.600 Metern Tiefe nachts in die obersten 50 Meter. Im Winter sieht man sie gelegentlich dicht unter dem Eis.

PhaseGroße GolomjankaKleine Golomjanka
Gesamtverbreitungbis rund 1.600 mbis zum Grund (1.642 m)
Januar und Februarmeist 150–250 mmeist 300–500 m
März und Aprilmeist 100–120 mmeist 100–120 m
Tag (Sommer)überwiegend unter 300 müberwiegend unter 100 m
NachtAufstieg in die oberen 50 m, teils bis 10–25 mAufstieg in die oberen 50 m
Larventagsüber tief, nachts bis rund 10 mverstreut von der Oberfläche bis 500 m, ohne Tageswanderung
Diagramm der Tiefenbereiche von Großer und Kleiner Golomjanka im Jahreslauf und der nächtlichen Wanderung
Abb. 2Wo sich die beiden Golomjanka-Arten im Jahreslauf aufhalten. Datengrafik, schematisch

Die Biologin Valentina Sidelewa vom Limnologischen Institut beobachtete Golomjankas aus Tauchbooten. Am Tag tauchten die ersten Einzeltiere ab rund 135 Metern auf, langsam mit dem Kopf nach unten sinkend. Die größten Gruppen von etwa 20 Fischen sah sie dicht über dem Grund, wo die Tiere zwei Meter über dem Boden in alle Richtungen schwammen. Große Schwärme bilden Golomjankas nicht.

Wie pflanzt sich die Golomjanka fort?

Golomjankas sind lebendgebärend: Die Eier werden im Körper des Weibchens befruchtet, die Larven entwickeln sich in der Leibeshöhle der Mutter. Für einen Fisch der nördlichen Breiten ist das sehr ungewöhnlich. Wie die Paarung genau abläuft, ist nach Sidelewa unbekannt.

Die Arten unterscheiden sich in der Jahreszeit. Bei der Großen Golomjanka kommen die meisten Larven im Spätsommer zur Welt, vor allem im August; Weibchen mit Embryonen findet man jedoch das ganze Jahr. Die Kleine Golomjanka setzt ihre Larven im Februar und März unter dem Eis ab. Je nach Art und Größe trägt ein Weibchen nach russischen Angaben einige hundert bis gut 2.500 Embryonen, ältere Darstellungen nennen bis 3.000. Die Larven sind bei der Geburt völlig durchsichtig, etwa 10 bis 12 Millimeter lang und schwimmen sofort selbstständig. Die Weibchen werden mit zwei bis drei Jahren geschlechtsreif; viele sterben nach der Geburt der Jungen, bei der Kleinen Golomjanka gibt es dafür Hinweise.

Welche Rolle spielt die Golomjanka im Nahrungsnetz?

Golomjankas sind das wichtigste Bindeglied zwischen dem Plankton und der Robbe. Mit geschätzten 150.000 bis 165.000 Tonnen sind sie die häufigsten Fische des Sees; nach Sidelewa machen sie rund 70 Prozent der gesamten Fischmasse aus, nach Moore und Kollegen 95 Prozent der Fischbiomasse im Freiwasser.

Die Jungfische fressen fast nur den Ruderfußkrebs Epischura. Erwachsene Tiere ernähren sich vor allem vom Freiwasser-Flohkrebs Macrohectopus branickii, dazu von Larven anderer Groppen und von Jungfischen der eigenen Art. Selbst werden sie von fast allen größeren Fischen des Sees gefressen, und ihre Larven sind eine Nahrung des Omul. Für die Baikalrobbe (Nerpa) sind Golomjankas die Hauptbeute: Im Winter und Frühjahr machen sie Schätzungen zufolge mehr als 90 Prozent ihrer Nahrung aus. Ältere russische Untersuchungen weisen dabei der Kleinen Golomjanka den größeren Anteil zu.

Weil die Golomjankas so eng an kaltes Wasser gebunden sind, gelten sie als empfindlich gegenüber der Erwärmung. Moore und Kollegen vermuteten 2009, dass sie ein wärmeres Oberflächenwasser künftig stärker meiden könnten. Dann fänden sie nachts weniger Nahrung, und die Robben müssten tiefer nach ihnen tauchen. Welche anderen Fische im Baikal leben, zeigt die Übersicht Fische im Baikalsee.

Warum werden tote Golomjankas ans Ufer gespült?

Weil sie wegen ihres Fettes leichter sind als Wasser. Die meisten toten Fische sinken zu Boden, tote Golomjankas dagegen treiben auf. Im Winter frieren sie im Eis fest, im Frühjahr und nach Herbststürmen spülen die Wellen sie ans Ufer. Im Herbst kommen die Fische aus unbekannten Gründen außerdem näher an die Küste heran als sonst.

Um die angespülten Fische ranken sich Geschichten. Sie sollen in der Sonne vollständig „schmelzen“ und nur Fett und Gräten zurücklassen; belegt ist das nicht. Ebenso verbreitet ist die Behauptung, man könne durch eine lebende Golomjanka hindurch Zeitung lesen. Sidelewa und ihre Kollegen haben es versucht, ohne Erfolg. Durchscheinend sind die Fische, durchsichtig wie Glas nicht.

Wer hat die Golomjanka erforscht, und wurde sie genutzt?

Die Große Golomjanka beschrieb der Naturforscher Peter Simon Pallas 1776; der Franzose Bernard de Lacépède stellte sie 1800 in die eigene Gattung Comephorus. Die Kleine Art beschrieb der russische Zoologe Alexei Korotnew 1904 nach seiner Baikal-Expedition der Jahre 1900 bis 1902 und benannte sie nach dem polnischen Zoologen Benedykt Dybowski, der als Verbannter in Sibirien den See erforschte und zahlreiche seiner Tiere erstmals beschrieb. Wie diese Arten mit den übrigen Endemiten des Sees zusammenhängen, erklärt die Seite über Endemiten im Baikalsee.

Eine Fischerei auf Golomjankas hat es nie gegeben, weil die Tiere keine Schwärme bilden. Sidelewas Team brauchte in 500 bis 700 Metern Tiefe zwei Stunden mit einem Netz, um ein Kilogramm zu fangen. Genutzt wurden vor allem die angespülten Fische: Ihr Fett diente Anwohnern früher als Lampenöl und als Heilmittel, auch in der tibetischen Medizin. Während des Zweiten Weltkriegs schmolzen Menschen am See das Fett aus und verzehrten es.

Häufige Fragen zur Golomjanka

Kann man Golomjanka essen?

Als Speisefisch gilt sie nicht. Sie ist sehr fettreich, klein und wegen ihrer Lebensweise kaum in Mengen zu fangen. Ihr Fett wurde früher ausgeschmolzen und als Lampenöl oder Heilmittel verwendet, im Zweiten Weltkrieg auch gegessen.

Wie alt wird eine Golomjanka?

Die Angaben liegen bei wenigen Jahren. Russische Fachbücher nennen für Weibchen der Großen Golomjanka ein Höchstalter von etwa sieben Jahren, für Männchen von vier Jahren; andere Quellen geben sechs bis acht Jahre an.

Verträgt die Golomjanka warmes Wasser?

Nein, sie ist an das kalte Wasser des Baikal gebunden. Ältere Angaben nennen wenige Grad als Vorzugsbereich und schon Temperaturen um 10 Grad als tödlich. Im Sommer weicht sie deshalb tagsüber in große Tiefen aus.

Ist die Golomjanka gefährdet?

Nein. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat beide Arten 2020 als nicht gefährdet eingestuft. Der Bestand ist groß und wird nicht befischt; als mögliches Risiko für die Zukunft gilt die Erwärmung des Oberflächenwassers.

Gibt es Golomjankas außerhalb des Baikalsees?

Nein, beide Arten sind Endemiten und leben nur im Baikal. Zu sehen sind sie unter anderem im Baikal-Museum in Listwjanka. In freier Natur kommen sie in keinem anderen Gewässer vor.

Quellen: Sideleva (2004): Mysterious Fish of Lake Baikal, Science First Hand; Kozlova und Khotimchenko (2000), Comparative Biochemistry and Physiology B 126; Jakubowski et al. (2003), Journal of Anatomy 203; Gutierrez et al. (2026), Integrative Organismal Biology 8; Sapozhnikova et al. (2025), Biology; Moore et al. (2009), BioScience 59; FishBase: Comephorus baikalensis; FishBase: Comephorus dybowskii; Teterina et al. (2010), Molecular Phylogenetics and Evolution 56; Wikipedia (englisch, russisch, deutsch): Comephorus, Golomjanka. Stand: Oktober 2026.

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