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Forschungsblatt · Natur & Tiere

Epischura: Der Krebs, der den Baikalsee sauber hält

Ein millimetergroßer Ruderfußkrebs trägt das Nahrungsnetz des offenen Sees

Art
Epischura baikalensis Sars, 1900
Ordnung
Calanoida (Ruderfußkrebse)
Familie
Temoridae
Bereich
Natur & Tiere
Stand
· 10 Min. Lesezeit
Durchscheinender Ruderfußkrebs mit langen Antennen im Dunkelfeld des Mikroskops
Abb. 1Ein Ruderfußkrebs unter dem Mikroskop. Illustration, Symbolbild
Kurz gesagt

Epischura baikalensis ist ein nur rund 1,5 Millimeter großer Ruderfußkrebs, der ausschließlich im Baikalsee lebt. Im offenen See stellt er 80 bis 90 Prozent der Biomasse des tierischen Planktons und frisst einen großen Teil der Algen. Damit ist er das wichtigste Bindeglied zwischen den Algen und den Fischen und Krebsen, die ihn fressen.

Was ist Epischura?

Epischura baikalensis ist ein endemischer Ruderfußkrebs aus der Gruppe der Calanoida, der im freien Wasser des Baikalsees lebt. Erwachsene Tiere werden 1,5 bis 2 Millimeter lang, etwa so groß wie ein Mohnkorn, und sind halb durchsichtig. Wie alle Ruderfußkrebse durchläuft Epischura zwölf Entwicklungsstadien: sechs Larvenstadien, die Nauplien, und sechs Stadien der Copepodite, von denen das letzte das geschlechtsreife Tier ist. Zwischen den Stadien häutet sich der Krebs, als erwachsenes Tier wächst er nicht mehr.

Weißes Planktonnetz hängt tropfend an einem Metallgalgen über der Bordwand eines Forschungsboots
Abb. 2Mit solchen Netzen wird Zooplankton gefangen und gezählt. Symbolbild

Der norwegische Zoologe Georg Ossian Sars beschrieb die Art im Jahr 1900 unter dem Namen Epischura baikalensis. In der Fachliteratur hat sich die Schreibweise baicalensis eingebürgert, die streng genommen nicht dem Original entspricht. Eine Erbgutanalyse von Bowman und Kollegen aus dem Jahr 2019 zeigte zudem, dass die sibirischen Arten der Gattung von den nordamerikanischen getrennt zu sehen sind. Die Autoren schlugen deshalb vor, die alte Gattung Epischurella für die sibirischen Arten wiederzubeleben. Die Weltnaturschutzunion IUCN folgt dem bereits, andere Datenbanken führen die Art weiter als Epischura. Die Trennung der beiden Gruppen fällt nach den Schätzungen der Autoren in eine Abkühlungsphase des späten Miozäns.

Verwandte Arten leben in Seen Nordamerikas und Sibiriens, manche von ihnen nur in einem einzigen See. Im Baikal ist Epischura eine von zahlreichen nur hier vorkommenden Arten. Einen Überblick über diese Tiere gibt die Seite über die Endemiten des Baikalsees.

Wo im See lebt Epischura?

Epischura besiedelt die gesamte Wassersäule des offenen Sees, der größte Teil der Population hält sich aber in den oberen 250 Metern auf. Dort leben nach Angaben aus der russischen Fachliteratur rund 80 Prozent der Tiere und 70 Prozent ihrer Biomasse. In der Zeit der Durchmischung im Juni und Oktober verteilen sich die Krebse fast gleichmäßig bis in große Tiefen. Im Sommer sammeln sie sich dagegen in den oberen 50 Metern. Hampton und Kollegen beziffern ihren Anteil an der Biomasse des Zooplanktons im offenen See auf rund 90 Prozent.

Im Tagesverlauf wandern die Krebse auf und ab. Im Sommer halten sie sich tagsüber in der Sprungschicht bei 4 bis 6 °C auf, zu Sommerbeginn in 5 bis 10 Metern Tiefe, Ende August und im September in 25 bis 50 Metern. Nachts steigen sie in die obersten fünf Meter, wo ihre Biomasse dann 0,5 Gramm je Kubikmeter und mehr erreichen kann. Im Winter bleiben die Larven tagsüber in den obersten zehn Metern, die erwachsenen Tiere tiefer als 50 bis 100 Meter. Die tägliche Wanderung gilt als Schutz vor Räubern, die ihre Beute mit den Augen suchen und im Hellen jagen.

In flachen Buchten und in den Sore genannten Strandseen tritt Epischura vor allem im Winter und frühen Frühjahr auf. Im Possolski Sor etwa findet man sie nur unter dem Eis und kurz nach dem Eisaufbruch, im warmen Sommer fehlt sie dort. Mit dem Wasser der Angara gelangt sie in die Stauseen unterhalb des Baikal. Im tiefen Teil des Bratsker Stausees vor der Staumauer hat sich nach russischen Angaben sogar eine sich selbst erhaltende Population gebildet.

Was frisst Epischura?

Epischura frisst vor allem Algen, dazu Bakterien und andere kleine Teilchen. Erwachsene Tiere können ein breites Spektrum nutzen, von winzigem Picoplankton bis zu großen Kieselalgen wie Aulacoseira baicalensis. Wie andere calanoide Ruderfußkrebse erzeugen sie mit ihren Mundgliedmaßen einen Wasserstrom, aus dem sie Nahrungspartikel herausholen. Russische Darstellungen schreiben ihr zu, den Hauptteil der Algen des Sees zu verzehren.

Die Beziehung zu den Algen ist allerdings nicht nur eine von Fresser und Futter. Naumova und Alekseev fanden 2020 in Jahren mit sehr starker Kieselalgenblüte, mit mehr als 15.000 Zellen je Liter, ein Massensterben der jungen Epischura im Plankton. In einem Jahr mit wenig Kieselalgen zählten sie vier Fortpflanzungsspitzen, in starken Blütejahren nur zwei. Die Autoren diskutieren, ob Giftstoffe der Kieselalgen dabei eine Rolle spielen, ähnlich wie es aus dem Meer bekannt ist. Geklärt ist das nicht.

Hält Epischura den Baikalsee wirklich sauber?

Epischura trägt zur Klarheit des Baikalwassers bei, aber die oft wiederholte Aussage, der Krebs filtere das gesamte Wasser des Sees mehrmals im Jahr, ist in der ausgewerteten Fachliteratur nicht belegt. Sicher ist, dass Epischura der wichtigste Algenfresser im offenen See ist und damit beeinflusst, wie viele Algen im Wasser schweben. Eine Filterrate für den ganzen See, aus der sich eine solche Rechnung ableiten ließe, fand sich in den Quellen nicht. Die verbreiteten Zahlen dazu sind daher als populäre Zuspitzung zu betrachten.

Die Klarheit des Sees hat zudem mehrere Ursachen. Bukin und Kollegen beschreiben, dass die Reinheit des Baikalwassers zunächst passiv durch den geringen Mineralgehalt der Zuflüsse gesichert wird und aktiv durch das Zusammenspiel von Algen und Bakterien im offenen Wasser. Bakterien bauen die von Algen gebildeten organischen Stoffe ab, gelöste Stoffe werden in Algenschalen und Partikeln gebunden und sinken zum Grund. Das Zooplankton nimmt einen Teil dieser Produktion auf und reicht sie im Nahrungsnetz weiter. Wie Sichttiefe und Reinheit zusammenhängen, beschreibt die Seite zur Sichttiefe und Reinheit des Baikalwassers.

Ein Missverständnis betrifft Schadstoffe. Der Umweltjournalist Peter Thomson wies 2008 darauf hin, dass Epischura Verunreinigungen nicht beseitigt. Mit der Nahrung nimmt sie auch Schadstoffe auf und gibt sie an ihre Fressfeinde weiter. Über die Stufen des Nahrungsnetzes reichern sich diese an, bis hin zur Baikalrobbe, in deren Fett Stoffe wie DDT und polychlorierte Biphenyle nachgewiesen sind. Ein klares Wasser bedeutet also nicht, dass Schadstoffe verschwunden sind.

Wie vermehrt sich Epischura im Jahreslauf?

Epischura pflanzt sich über das ganze Jahr verteilt fort, mit deutlichen Höhepunkten, deren Zahl je nach Jahr zwischen zwei und vier liegt. Das Weibchen trägt die Eier in einem einzigen Eisack, in dem 7 bis 60 Eier gleichen Reifegrads liegen. Der Sack ist sehr empfindlich und reißt bei Störung leicht. Die Eier entwickeln sich dann frei im Wasser weiter, weshalb im Plankton oft einzelne Eier mit Embryonen zu finden sind. Ein Weibchen legt im Leben im Mittel rund 200 Eier.

Nach der klassischen Darstellung der Irkutsker Biologin Afanasjewa hat Epischura zwei Generationen im Jahr: eine Winter-Frühjahrs-Generation und eine Sommergeneration, die sich unter verschiedenen Bedingungen entwickeln und je etwa ein Jahr leben. Die Weibchen der Wintergeneration legen im Mittel alle zehn Tage Eier, die der Sommergeneration alle zwanzig Tage. Weil sich die Bruten überlappen, finden sich zu jeder Jahreszeit Tiere aller Altersstufen.

Naumova und Alekseev kamen 2020 zu einem anderen Ergebnis. Aus Freilanddaten schlossen sie, dass Epischura drei Generationen im Jahr bildet, die jeweils drei bis vier Monate dauern statt sechs. Zum Lebenszyklus gehört nach ihren Daten möglicherweise eine rund dreimonatige Ruhephase der Eier, die im November beginnt und Ende Februar mit der Algenblüte unter dem Eis endet. Darauf deutet auch hin, dass die vielen Larven im Frühjahr nicht von entsprechend vielen erwachsenen Tieren stammen können. Wie die Algenblüte unter dem Eis zustande kommt, beschreibt die Seite Leben unter dem Eis.

Welche Rolle spielt Epischura im Nahrungsnetz?

Epischura ist das zentrale Glied im Nahrungsnetz des offenen Sees: Sie frisst Algen und wird von fast allen Tieren der nächsten Stufen gefressen. Yoshii und Kollegen haben 1999 mit stabilen Isotopen gezeigt, dass das Nahrungsnetz des freien Wassers ungewöhnlich einfach aufgebaut ist. Es besteht aus fünf Hauptgruppen: den Algen mit Aulacoseira baicalensis, dem Zooplankton mit Epischura, dem freischwimmenden Flohkrebs Macrohectopus branickii, den Fischen mit Omul und vier Groppenarten und der Baikalrobbe. Mit jeder Stufe stieg der Anteil des schweren Stickstoffs im Gewebe gleichmäßig an, um rund 3,3 Promille.

Schema des Nahrungsnetzes: Algen, Epischura, Macrohectopus, Omul, Golomjankas, Groppen und Baikalrobbe
Abb. 3Das Nahrungsnetz des offenen Sees. Datengrafik, schematisch, nach Yoshii et al. 1999

Der Flohkrebs Macrohectopus frisst Epischura und andere Kleinkrebse und wird seinerseits von Omul, Groppen und der Robbe gefressen. Die Golomjankas, durchscheinende Ölfische, ernähren sich vor allem von Epischura, Macrohectopus und Groppenlarven. Auch der Omul, der bekannteste Fisch des Sees, nutzt Epischura als wichtige Nahrung. Die Baikalrobbe schließlich frisst vor allem Golomjankas und jagt nachts in großer Zahl Macrohectopus. Mehr über den Speisefisch und seine Lage steht auf der Seite über den Omul des Baikalsees.

StufeWichtigste VertreterFrisst
AlgenAulacoseira baicalensis, weitere Kieselalgen, PicoplanktonLicht und Nährstoffe
ZooplanktonEpischura baikalensisAlgen, Bakterien
GroßplanktonFlohkrebs Macrohectopus branickiiEpischura und andere Kleinkrebse
FischeOmul, Golomjankas, Groppen der Gattung CottocomephorusEpischura, Macrohectopus, Fischlarven
SpitzeBaikalrobbeGolomjankas, Groppen, Macrohectopus

Weil so viel Energie durch einen einzigen Krebs fließt, würde ein Rückgang von Epischura das ganze Netz treffen. Ihre Stellung macht sie zugleich zu einem Anzeiger für den Zustand des Sees.

Ist Epischura durch die Erwärmung gefährdet?

Epischura ist ein ausgesprochen kälteliebendes Tier, und die Erwärmung des Sees setzt ihr zu, eine akute Bedrohung des Bestands ist aber nicht belegt. Die längste Messreihe am Baikal, seit 1945 von Biologen der Universität Irkutsk vor Bolschije Koty geführt, zeigt eine Erwärmung der oberen Wasserschicht um 1,21 °C seit 1946. Hampton und Kollegen fanden in diesen Daten einen schwachen langfristigen Rückgang der Ruderfußkrebse, während Wasserflöhe, die wärmeres Wasser bevorzugen, seit 1946 im Mittel um rund 335 Prozent zunahmen.

Versuche zeigen, wie empfindlich Epischura auf Wärme reagiert. Nach vorläufigen Experimenten sinkt die Überlebensrate erwachsener Tiere oberhalb von etwa 15 °C. Ozersky und Kollegen fanden 2019 in einer als Vorabdruck veröffentlichten Studie, dass warmes Wasser Überleben und Fortpflanzung deutlich verschlechtert und dass Infektionen mit dem Eipilz Saprolegnia in den wärmsten Monaten am häufigsten sind. Ihre Modelle deuten aber darauf hin, dass die tägliche Wanderung in kühlere Tiefen dem Krebs erlaubt, den Folgen der Erwärmung teilweise auszuweichen.

Es gibt auch Hinweise auf Anpassungsfähigkeit. Bowman und Kollegen fanden 2018 entlang der Längsachse des Sees genetische Unterschiede zwischen Populationen, die mit der Temperatur zusammenhängen, und folgerten, dass die Art genetische Vielfalt und Anpassungsspielraum besitzt. Im Uferbereich bei Listwjanka blieb Epischura in einer Untersuchung von 2016 im unbelasteten Abschnitt stabil häufig. In einem Abschnitt mit starkem menschlichem Einfluss sank der Anteil der Ruderfußkrebse an der Zooplanktonbiomasse dagegen von früher 80 auf 18 Prozent.

Die IUCN führt die Art seit 1996 als „gefährdet“. Diese Einstufung beruht auf älteren Kriterien und wurde nach den ausgewerteten Quellen seither nicht erneuert.

Häufige Fragen zu Epischura

Kann man Epischura mit bloßem Auge sehen?

Gerade noch, als winzigen, fast durchsichtigen Punkt im Wasser. Mit 1,5 bis 2 Millimetern ist der Krebs etwa so groß wie ein Mohnkorn. Einzelheiten wie Antennen und Eisack erkennt man erst unter der Lupe oder dem Mikroskop.

Warum heißt die Art mal baikalensis, mal baicalensis?

Sars beschrieb sie 1900 als Epischura baikalensis, mit k. In der neueren Literatur ist die Schreibweise mit c verbreitet, obwohl sie streng genommen nicht dem Original entspricht. Seit 2019 wird die Art zudem teils in die Gattung Epischurella gestellt.

Lebt Epischura auch außerhalb des Baikalsees?

Von Natur aus nicht. Mit dem abfließenden Wasser gelangt sie aber in die Angara und deren Stauseen, im tiefen Teil des Bratsker Stausees vermehrt sie sich nach russischen Angaben selbst. Nahe Verwandte leben in einzelnen Seen Sibiriens und Nordamerikas.

Wovon hängt ab, wie viele Epischura es gibt?

Vor allem von der Wassertemperatur, vom Nahrungsangebot und von den Fressfeinden. Auch starke Kieselalgenblüten können die Jungtiere schwächen. Langzeitdaten zeigen große Schwankungen von Jahr zu Jahr: Zwischen 1961 und 1993 lag die Biomasse im Frühsommer in den oberen 50 Metern zwischen 2 und 11 Gramm je Quadratmeter.

Wie dicht leben die Krebse im Wasser?

Sehr dicht, vor allem nachts nahe der Oberfläche. Russische Messungen nennen dann Biomassen von 0,5 Gramm je Kubikmeter und mehr. Im August 2016 lag die Biomasse von Epischura in den oberen 15 Metern vor Listwjanka im unbelasteten Abschnitt bei rund 450 Milligramm je Kubikmeter.

Quellen: Hampton et al. (2014): The Rise and Fall of Plankton, PLoS ONE 9; Hampton et al. (2008): Sixty years of environmental change in Lake Baikal, Global Change Biology 14; Naumova und Alekseev (2020): How many generations does Epischura baikalensis have in Lake Baikal?, Crustaceana 93; Bukin et al. (2020), Scientific Reports 10; Kravtsova et al. (2021), Biology 10; Bowman et al. (2019), Molecular Phylogenetics and Evolution 140; Yoshii et al. (1999), Limnology and Oceanography 44; Afanasyeva (1998), Journal of Marine Systems 15; Ozersky et al. (2019), bioRxiv; Bowman et al. (2018), Molecular Ecology 27; Thomson (2008), Yale Environment 360; Wikipedia (russisch, englisch): Байкальская эпишура, Epischurella baikalensis, Macrohectopus, Comephorus. Stand: Oktober 2026.

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