Endemisch nennt man Arten, die nur in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Vom Baikalsee sind über 2.500 Tierarten bekannt, mehr als die Hälfte davon lebt nirgendwo sonst. Bei Flohkrebsen und Strudelwürmern sind es nahezu alle Arten. Bekannte Beispiele sind Baikalrobbe, Omul, Golomjanka, der Ruderfußkrebs Epischura und die grünen Baikalschwämme.
Was bedeutet „endemisch“ beim Baikalsee?
Eine Art ist endemisch, wenn ihr natürliches Verbreitungsgebiet auf eine klar umrissene Region beschränkt ist. Für den Baikal heißt das: Die Art lebt im See oder in seinem Einzugsgebiet und kommt sonst auf der Erde wild nicht vor. Über Seltenheit sagt der Begriff nichts aus. Die Golomjankas gehören zu den häufigsten Fischen des Sees, der Ruderfußkrebs Epischura ist das häufigste Tier im Freiwasser, und trotzdem sind beide streng endemisch.
Entscheidend ist die Bezugsgröße. Manche Arten sind auf den offenen See beschränkt, andere auf den See samt Zuflüssen; die beiden Baikal-Äschen etwa leben auch in den Flüssen, die in den See münden. Umgekehrt gibt es im Baikal viele Tiere, die keine Endemiten sind. In flachen Buchten und Lagunen leben Hecht, Barsch, Plötze und andere Fische, die man aus ganz Sibirien kennt. Die eigentliche Baikal-Fauna konzentriert sich auf den offenen See, die steinigen und sandigen Ufergründe und die Tiefe.
Hinzu kommt die Frage, was als Art zählt. Bei den Flohkrebsen nennt die Literatur traditionell eine Summe aus „Arten und Unterarten“, weil viele Formen nur als Unterart beschrieben wurden. Erbgutstudien legen nahe, dass manche dieser Unterarten eigene Arten sind und umgekehrt manche Arten nur Spielarten einer anderen. Jede Gesamtzahl ist deshalb ein Zwischenstand.
Wie viele endemische Arten leben im Baikalsee?
Nach dem Stand der Fachliteratur sind aus dem See über 2.500 Tierarten und rund 1.000 Pflanzen- und Algenarten bekannt. Mehr als die Hälfte der Tierarten und etwa 30 Prozent der Pflanzen gelten als endemisch, fasst eine Übersicht von Marianne Moore und Kollegen aus dem Jahr 2009 zusammen. Eine Arbeit Irkutsker Biologen von 2021 nennt für die gesamte Lebewelt des Sees einen Endemitenanteil von über 60 Prozent.
Dass die Zahlen streuen, hat drei Gründe. Erstens ist der See unvollständig erforscht: Der Zoologe Oleg Timoschkin vom Limnologischen Institut in Irkutsk schätzte 1995, dass rund 40 Prozent der Arten noch gar nicht beschrieben sind. Zweitens zählen Autoren unterschiedlich, mit oder ohne Unterarten, mit oder ohne Zuflüsse und Buchten. Drittens ändert die Genetik die Systematik laufend. Für die endemischen Baikalschwämme nannten Fachartikel 2019 noch 13 Arten, 2020 waren es 14, das internationale Artenregister WoRMS führt heute 16. Beim häufigen Uferflohkrebs Eulimnogammarus verrucosus fanden Genetiker drei getrennte Linien an West-, Süd- und Ostufer, die sich so deutlich unterscheiden wie sonst eigenständige Arten.
Die folgende Übersicht nennt die gängigen Zahlen je Gruppe. Sie zeigt, warum eine einzige Quote für den ganzen See wenig aussagt.
| Tiergruppe | Bekannte Arten im See | Davon endemisch | Anteil |
|---|---|---|---|
| Flohkrebse (Amphipoda) | über 350 Arten und Unterarten | nahezu alle | nahezu 100 % |
| Strudelwürmer | über 140 | über 140 | nahezu 100 % |
| Muschelkrebse (Ostracoda) | über 200 | rund 200 | rund 90 % |
| Wenigborstige Würmer | knapp 200 | über 160 | über 80 % |
| Süßwasserschnecken | knapp 150 | 117 (Stand 2006) | rund 80 % |
| Schwämme | mindestens 18 | 13–16 (Lubomirskiidae) | rund drei Viertel bis über 80 % |
| Groppen | 33 bis rund 40 je nach Systematik | fast alle | nahezu 100 % |
| Fische insgesamt | rund 55–65 heimische Arten | gut die Hälfte | über 50 % |
| Kieselalgen (zum Vergleich) | über 400 | rund die Hälfte | rund 50 % |

In den meisten Gruppen wirbelloser Tiere liegt der Anteil zwischen zwei Dritteln und über 80 Prozent, bei Flohkrebsen und Strudelwürmern nahe bei allen Arten. Bei den Fischen ist er niedriger, weil in Buchten und Flussmündungen viele weit verbreitete sibirische Arten leben. Die Zahlen für Schnecken, Würmer und Strudelwürmer stammen aus Übersichten, die teils mehr als zehn Jahre alt sind; seither sind weitere Arten beschrieben worden.
Warum gibt es so viele Arten nur im Baikalsee?
Weil der See sehr alt ist, über Jahrmillionen isoliert blieb und bis in die größten Tiefen Sauerstoff enthält. Mit 25 bis 30 Millionen Jahren ist der Baikal der älteste See der Erde. Die meisten Seen der Welt sind dagegen erst nach der letzten Eiszeit entstanden und verlanden, lange bevor sich in ihnen neue Arten bilden können.
Ebenso wichtig ist das Wasser. Im Baikal reicht gelöster Sauerstoff bis zum Grund in 1.642 Metern Tiefe; gemessen wurden rund 12 Milligramm pro Liter nahe der Oberfläche und noch rund 9,5 Milligramm in 1.600 Metern. Unter den Seen, die tiefer als 800 Meter sind, ist das eine Ausnahme. So konnten Tiere auch die Tiefenzone besiedeln, die in vielen anderen tiefen Seen sauerstofffrei und damit leblos ist. Dazu kommt eine große Vielfalt an Lebensräumen auf engem Raum: Felsufer, Geröll, Sand und Schlamm, das Freiwasser und die Tiefsee mit Austrittsstellen von Gas und warmem Wasser.
Aus wenigen Einwanderern entstand so in mehreren Gruppen eine große Zahl von Arten, die sich auf verschiedene Nischen verteilt haben. Fachleute sprechen von adaptiver Radiation. Die Flohkrebse gehen nach Erbgutanalysen auf mindestens zwei getrennte Einwanderungen zurück und besiedeln heute alle Tiefen vom Spülsaum bis zum tiefsten Punkt. Die Vorfahren der Groppen stammen nach Darstellung der Irkutsker Fischkundlerin Valentina Sidelewa aus den Meeren des russischen Fernen Ostens; sie drangen im Miozän vor rund 20 Millionen Jahren in Flüsse vor und erreichten über sie den Baikal. In allen übrigen Flüssen und Seen Eurasiens zusammen leben nach ihren Angaben 14 Groppenarten, im Baikal allein 33.
Welche endemischen Tiere sind am bekanntesten?
Am bekanntesten ist die Baikalrobbe (Nerpa), die einzige Robbenart, die ausschließlich im Süßwasser lebt, und das einzige Säugetier des Sees. Ihre wichtigste Beute sind die zwei Arten der Golomjanka, durchscheinende, lebendgebärende Ölfische ohne Schwimmblase, die zusammen den größten Teil der Fischmasse im See stellen. Der Omul, eine endemische Renke, war lange der wichtigste Speisefisch; seit dem 1. Oktober 2017 ist sein gewerblicher Fang verboten.
Weniger auffällig, aber für den See zentral ist der nur rund 1,5 Millimeter große Ruderfußkrebs Epischura baikalensis. Er stellt je nach Jahreszeit 80 bis 90 Prozent der Biomasse des tierischen Planktons und frisst nach Untersuchungen des Limnologischen Instituts bis zu einem Drittel dessen, was die Algen im Freiwasser produzieren. Wie er lebt und warum er als Wasserreiniger gilt, erklärt die Seite über den Ruderfußkrebs Epischura.
Unter den Flohkrebsen ragt Macrohectopus branickii heraus, der einzige Flohkrebs, der sein ganzes Leben im freien Wasser verbringt. Die Weibchen werden bis zu 4 Zentimeter lang, die Männchen nur wenige Millimeter. Tagsüber halten sich die Tiere in der Tiefe auf, nachts steigen sie zum Fressen auf; sie sind eine wichtige Nahrung von Fischen und Robben. Am Grund leben dagegen Riesenflohkrebse der Gattungen Acanthogammarus und Brachyuropus, die bis rund 7 Zentimeter erreichen, oft stachelig und kräftig gefärbt. Biologen bringen ihre Größe mit dem hohen Sauerstoffgehalt des Wassers in Verbindung.

Am steinigen Grund bilden endemische Schwämme stellenweise dichte Bestände, die durch Algen in ihrem Gewebe grün gefärbt sind und anderen Tieren Unterschlupf bieten; mehr dazu auf der Seite über den Baikalschwamm und das Schwammsterben. Unter den Strudelwürmern fällt Baikaloplana valida auf, die ausgestreckt bis zu 30 Zentimeter lang wird, während die meisten Strudelwürmer im Flachwasser kleiner als 2 Zentimeter bleiben. Die Groppen, die Äschen und den Baikal-Stör stellt die Seite Fische im Baikalsee vor.
Welche Tiere leben in der Tiefe des Baikalsees?
In der Tiefe lebt eine eigene, fast vollständig endemische Fauna aus Groppen, Flohkrebsen, Schnecken, Würmern und Schwämmen. Das Wasser ist dort das ganze Jahr über nur gut 3 Grad kalt, es ist dunkel und steht unter hohem Druck, enthält aber genug Sauerstoff.
Die Tiefwassergroppen sind an diese Bedingungen gut angepasst. Nach Sidelewa wachsen sie langsam, werden erst mit sechs bis acht Jahren geschlechtsreif und legen wenige, große Eier: Die rund 10 Zentimeter lange Abyssocottus korotneffi laicht nur 20 bis 30 Eier von etwa 3,5 Millimetern Durchmesser. In Druckversuchen hielten Tiefwassergroppen bis zu 25.000 Kilopascal aus, deutlich mehr als am tiefsten Punkt des Sees herrschen; Arten aus dem Flachwasser vertrugen nur rund 5.000 Kilopascal. Zusammen mit den Golomjankas gelten diese Groppen als die am tiefsten lebenden Süßwasserfische der Erde.
Flohkrebse kommen in allen Tiefen bis 1.642 Meter vor; einige der größten Arten, etwa Brachyuropus grewingkii, leben in der Tiefe. Die endemische Schnecke Benedictia fragilis mit bis zu 6 Zentimeter hohen Gehäusen besiedelt Schlammsande zwischen rund 30 und 1.300 Metern. Weil es dort kaum festen Grund gibt, heften die Schnecken ihre Eikapseln an die Gehäuse von Artgenossen, wie Irkutsker Forscher 2021 beschrieben. Selbst Schwämme sind bis in rund 1.100 Meter Tiefe nachgewiesen, 2017 wurde mit Baikalospongia abyssalis eine eigene Tiefenart beschrieben.
Gibt es auch an Land endemische Arten?
Ja, aber nur wenige. Die Tiere der Taiga rund um den See, von Braunbär und Elch bis zum Zobel, sind in Sibirien weit verbreitet. Endemiten an Land finden sich vor allem unter den Pflanzen. Ein Beispiel ist der Olchon-Tragant (Astragalus olchonensis), ein kleiner, weiß blühender Schmetterlingsblütler, der nur an der Westküste des Sees wächst. Auch Namen können täuschen: Baikalente und Baikal-Buschsänger tragen den See im Namen, sind aber in weiten Teilen Ostasiens verbreitet.
Was bedroht die endemischen Arten?
Am deutlichsten verändert sich die Uferzone. Seit etwa 2010 wuchern an vielen Ufern Fadenalgen der Gattung Spirogyra, endemische Schwämme erkranken und sterben ab, und an manchen Stränden lagen nach Berichten des Limnologischen Instituts Tausende leerer Schneckengehäuse. Als Hauptursache gelten Stickstoff und Phosphor aus schlecht oder gar nicht geklärten Abwässern der Ufersiedlungen und Schiffe. Das offene Wasser und die Tiefe sind davon bisher kaum betroffen.
Langfristig wirkt der Klimawandel. Das Oberflächenwasser wird wärmer, die Eisdecke hält kürzer. Davon profitieren kleine, weit verbreitete Algen und wärmeliebende Planktonarten, während große endemische Kieselalgen, die unter dem Eis blühen, an Boden verlieren könnten. Eine Studie von 2021 im Süden des Sees fand, dass der Anteil endemischer Arten an der Biomasse des Planktons abnimmt und die Uferzone stellenweise Züge eines gewöhnlichen sibirischen Flachsees annimmt. Kälteliebende Tiere wie die Golomjankas könnten das wärmere Oberflächenwasser künftig stärker meiden.
Eingeschleppte Arten spielen eine kleinere, aber wachsende Rolle. Die Kanadische Wasserpest wurde in den 1950er-Jahren in den See eingeschleppt, und nach Sidelewa sind von den rund 60 Fischarten und Unterarten im See sechs vom Menschen eingeführt.
Häufige Fragen zu den Endemiten des Baikalsees
Ist die Baikalrobbe das einzige endemische Säugetier?
Im See ja, sie ist das einzige Säugetier, das dauerhaft im Wasser lebt. Ihre nächsten Verwandten sind die Ringelrobbe des Nordpolarmeers und die Kaspische Robbe. Wie sie in den See kam, ist bis heute nicht sicher geklärt.
Werden im Baikalsee noch neue Arten entdeckt?
Ja, regelmäßig. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem neue Schwämme (2017 und 2020), Flohkrebse (2014 und 2020) und eine Schnecke (2016) beschrieben. Besonders in der Tiefe und bei kleinen Gruppen wie Fadenwürmern und Muschelkrebsen gilt die Artenvielfalt als stark unterschätzt.
Was ist eine adaptive Radiation?
So nennen Biologen die rasche Aufspaltung einer Stammform in viele Arten, die jeweils eine andere Lebensweise entwickeln. Im Baikal geschah das bei Flohkrebsen, Groppen, Schnecken und Schwämmen. Ein bekanntes Gegenstück sind die Buntbarsche der ostafrikanischen Seen.
Warum sind einige Flohkrebse im Baikal so groß?
Heimische Bachflohkrebse werden kaum länger als 2 Zentimeter, im Baikal erreichen einige Arten rund 7 Zentimeter. Fachleute verbinden diese Größe mit dem sauerstoffreichen, kalten Wasser bis zum Grund. Ähnliche Riesenformen kennt man aus den Meeren der Antarktis.
Leben im Baikalsee auch ganz gewöhnliche Fische?
Ja. In flachen Buchten, Lagunen und an Flussmündungen leben Hecht, Barsch, Plötze, Hasel, Quappe und andere Arten, die in ganz Sibirien vorkommen. Sie laichen meist in den Zuflüssen und werden seit jeher gefischt.
Quellen: Moore et al. (2009), BioScience 59; Drozdova et al. (2024): Lake Baikal amphipods and their genomes, Vavilov Journal of Genetics and Breeding; Sideleva (2004): Mysterious Fish of Lake Baikal, Science First Hand; Melnik u. a. (2004): The Diversity of Crustacea in Baikal, Science First Hand; Kondratov et al. (2021), Biology 10; Kravtsova et al. (2021), Biology 10; Sapozhnikova et al. (2025), Biology; WoRMS: Lubomirskiidae; Kenny et al. (2019), Molecular Biology and Evolution 36; Wikipedia (englisch): Lake Baikal, Abschnitt Ecology. Stand: Oktober 2026.
