Baikalschwämme sind Süßwasserschwämme der Familie Lubomirskiidae, die nur im Baikalsee vorkommt und je nach Systematik 13 bis 16 Arten umfasst. Die meisten sind grün, weil Algen in ihrem Gewebe leben, einige werden über einen Meter groß. Seit 2011 erkranken und sterben Schwämme rund um den See; eine eindeutige Ursache ist bis heute nicht gefunden.
Was sind Süßwasserschwämme?
Schwämme sind sehr einfach gebaute, festsitzende Tiere ohne Organe, Muskeln und Nervensystem. Sie pumpen Wasser durch ein Netz feiner Poren und Kanäle in ihrem Körper und filtern daraus Bakterien, Algen und gelöste organische Stoffe. Gestützt wird der weiche Körper von winzigen Nadeln aus Kieselsäure, den Spiculae, die durch ein Eiweiß namens Spongin verbunden sind.
Die meisten der heute bekannten Schwammarten leben im Meer, im Süßwasser ist die Gruppe deutlich artenärmer. Wegen ihres Aussehens, ihres Baus und ihrer Färbung hielt man Schwämme lange für ein Zwischending zwischen Pflanze und Tier. Die Baikalschwämme bilden innerhalb der Süßwasserschwämme eine eigene Familie, die Erbgutanalysen zufolge auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgeht und sich aus der weit verbreiteten Familie Spongillidae entwickelt hat. Anders als ihre Verwandten in Teichen und Flüssen bilden sie keine Gemmulae, die Dauerknospen, mit denen gewöhnliche Süßwasserschwämme Frost und Trockenheit überstehen. Das kalte, stabile Wasser des Baikal machte sie offenbar überflüssig. Die Baikalschwämme vermehren sich deshalb vor allem geschlechtlich über frei schwimmende Larven.
Welche Schwämme leben im Baikalsee?
Im See leben zwei Schwammfamilien, den größten Teil stellt die endemische Familie Lubomirskiidae. Das internationale Artenregister WoRMS führt für sie vier Gattungen mit 16 anerkannten Arten: Baikalospongia, Lubomirskia, Rezinkovia und Swartschewskia. Fachartikel von 2019 und 2020 nannten noch 13 beziehungsweise 14 Arten. Die Unterschiede entstehen, weil neue Arten beschrieben werden und Fachleute die Grenzen zwischen Arten unterschiedlich ziehen. Die Arten lassen sich äußerlich und selbst an ihren Nadeln oft schwer unterscheiden, und die Erbgutmarker, die man bei anderen Schwämmen nutzt, sind bei den Baikalschwämmen wenig variabel.
Die Wuchsformen reichen von dünnen Krusten auf Steinen über Polster und Kissen bis zu verzweigten Stöcken. Lubomirskia baikalensis, die häufigste und am besten untersuchte Art, ist nach einer Studie von 2026 der einzige verzweigte Schwamm der Familie; ihre Nadeln werden bis 180 Mikrometer lang. Zusammen mit Baikalospongia bacillifera und Baikalospongia intermedia gehört sie zu den drei häufigsten Arten, die für Süßwasserschwämme ungewöhnlich groß werden und einen Meter und mehr erreichen können. Wo sie dicht stehen, bilden die verzweigten Schwämme regelrechte Unterwasserwälder. Der Artname wird in der Literatur teils baicalensis, teils baikalensis geschrieben.
Noch immer werden neue Arten gefunden. 2017 beschrieben Forscher mit Baikalospongia abyssalis eine Art aus der Tiefe, 2020 mit Swartschewskia khanaevi eine Art aus der Meerenge Olchonskije Worota zwischen dem Kleinen Meer und dem offenen See. Nach einer Untersuchung von 2018 gibt es mindestens fünf weitere Formen, die keiner bekannten Art zuzuordnen sind. Welche Rolle die Schwämme unter den übrigen Endemiten spielen, zeigt die Seite über die endemischen Arten des Baikalsees.
Warum sind Baikalschwämme grün?
Weil in ihren Zellen Algen leben, die Fotosynthese betreiben. Die grüne Farbe stammt von Chlorophyll dieser Untermieter, vor allem einzelliger Grünalgen; daneben wurden Dinoflagellaten der Gattung Gyrodinium, Kieselalgen und eine ganze Reihe von Bakterien als Symbionten nachgewiesen. Die Algen versorgen den Schwamm mit Produkten der Fotosynthese, der Schwamm bietet ihnen Schutz und Nährstoffe.
Je nach Art reicht die Färbung von kräftigem Grün über Hellgrün bis zu Tönen mit rosa oder violettem Stich, manche Schwämme sind bräunlich oder gelblich. Weil die Algen Licht brauchen, sind die Schwämme vor allem in der lichtdurchfluteten Uferzone grün. Dort sind sie auch ein bekanntes Motiv für Taucher; was Tauchgänge im kalten Baikalwasser ausmacht, beschreibt die Seite zum Tauchen im Baikalsee.
Welche Rolle spielen die Schwämme im See?
Schwämme sind die wichtigsten Tiere am steinigen Ufergrund. In 3 bis 35 Metern Tiefe dominieren sie die Bodenfauna und bedecken nach älteren Messungen fast die Hälfte der verfügbaren Flächen. Auf sie entfallen rund 44 Prozent der Biomasse der Bodentiere. Insgesamt sind Schwämme im See bis in etwa 600 Meter Tiefe fast überall zu finden, einzelne Arten wurden noch in über 1.000 Metern nachgewiesen.

Als Filtrierer holen die Schwämme Bakterien, kleinste Algen und organische Teilchen aus dem Wasser und gelten deshalb als wichtiger Teil der Selbstreinigung der Uferzone. Ihre dichten Bestände bieten zugleich Lebensraum: Zwischen den Ästen und Polstern finden zahlreiche kleine Tiere Nahrung und Versteck. Warum das Wasser des offenen Sees so klar ist und welche Rolle die winzigen Planktonkrebse dabei spielen, erklärt die Seite Sichttiefe und Reinheit des Baikalwassers.
Weniger bekannt ist ihr Anteil am Kreislauf der Kieselsäure. Für ihre Nadeln brauchen Schwämme gelöstes Silizium, und sie benötigen dafür deutlich höhere Konzentrationen als die Kieselalgen, mit denen sie um diesen Stoff konkurrieren. Das macht sie empfindlich, wenn der Siliziumgehalt im Uferwasser sinkt.
Was ist das Schwammsterben am Baikalsee?
Seit 2011 verfärben sich, erkranken und sterben Baikalschwämme in großer Zahl. Ein solches Massensterben bei Süßwasserschwämmen war zuvor nirgendwo beschrieben worden; bei Meeresschwämmen und Korallen kennt man ähnliche Ereignisse aus vielen Regionen der Welt.
Entdeckt haben es Taucher. Im Sommer 2011 fielen einer Irkutsker Tauchgruppe vor der Insel Olchon zwischen grünen Schwammbeständen „rosafarbene“ Büsche auf, kurz darauf auch gegenüber der Selenga-Mündung. Eine Expedition des Limnologischen Instituts fand die verfärbten Schwämme im Dezember 2011 auf einer langen Strecke von Bolschije Koty im Süden bis zu den Uschkani-Inseln im mittleren See, zunächst nur in bestimmten Tiefenstufen zwischen 25 und 55 Metern. 2014 hatte sich die Erkrankung auf alle drei Becken des Sees ausgebreitet, bis 2015 war sie entlang der gesamten Uferlinie nachgewiesen.
Die Krankheitszeichen sind vielfältig: Die Schwämme verlieren ihre grünen Algen und werden schmutzig rosa oder blass, ihr Gewebe stirbt stellenweise ab, braune Flecken und schmierige, violett gefärbte Bakterienbeläge bilden sich, und abgestorbene Äste werden von Fadenalgen und Blaualgen überwachsen. Nach Angaben des Limnologischen Instituts sterben jeden Winter bis zu 10 bis 20 Prozent der erkrankten Schwämme. In der Listwjanka-Bucht, an der viele Gäste und Hotels liegen, führte der Bewuchs mit Fadenalgen zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Schwammbestände.

Das Schwammsterben ist Teil einer größeren Veränderung der Uferzone. Etwa zur selben Zeit begannen Fadenalgen der Gattung Spirogyra, die im Baikal zuvor selten waren, an vielen Ufern massenhaft zu wachsen. Michail Gratschow, damals Direktor des Limnologischen Instituts, zählte 2016 neben den Algenmatten und dem Schwammsterben auch giftbildende Blaualgen zu den Kennzeichen dieser Krise. Sie betrifft einen schmalen Streifen von etwa 100 bis 200 Metern Breite bis in 25 bis 50 Meter Tiefe, den offenen See bisher nicht.
Was sind die Ursachen des Schwammsterbens?
Eine einzelne, gesicherte Ursache gibt es bis heute nicht. Diskutiert werden mehrere Faktoren, die sich vermutlich gegenseitig verstärken: Nährstoffe aus Abwässern, Krankheitserreger und Veränderungen der Mikroben im Schwamm, die Erwärmung und ein sinkender Gehalt an Kieselsäure. Eine Studie von 2026 hält fest, dass keine der bisherigen Erklärungen das beobachtete Muster vollständig erklärt.
Nährstoffe. Forscher um Oleg Timoschkin führten die Krise der Uferzone vor allem auf Stickstoff und Phosphor aus schlecht geklärten Abwässern der Ufersiedlungen, Ferienanlagen und Schiffe zurück. Im Oktober 2014 maßen sie vor Bolschije Koty im Wasser rund um absterbende Schwammäste mehr als zehnmal so viel Phosphor wie im übrigen Wasser am Grund. Allerdings treten kranke Schwämme auch an Ufern auf, die kaum belastet sind.
Mikroben. In erkrankten Schwämmen verschiebt sich die Bakteriengemeinschaft deutlich, Bakterien der Gruppen Bacteroidetes und Proteobacteria nehmen zu, die grünen Algen sterben ab. Einen klassischen Krankheitserreger fanden Studien bis 2020 nicht. 2022 zeigten Irkutsker Mikrobiologen, dass ein aus einem kranken Schwamm isolierter Bakterienstamm der Gattung Janthinobacterium Zellkulturen von Lubomirskia baikalensis innerhalb einer Woche schwer schädigt. Sie werten ihn als einen möglichen Auslöser, nicht als alleinige Ursache.
Kieselsäure. Eine Arbeit von 2026 bringt einen weiteren Faktor ins Spiel. Vor Bolschije Koty lag der Siliziumgehalt des Uferwassers von 2003 bis 2013 meist bei 20 bis 25 Mikromol pro Liter, seit 2013 nur noch bei 15 bis 20, im Sommer einzelner Jahre bei 10 oder darunter, im Juli 2020 bei 3 Mikromol. Bei 10 Mikromol und weniger bildeten Schwammzellkulturen im Labor deutlich weniger neue Nadeln. Die Autoren vermuten, dass ein geschwächtes Skelett die Schwämme anfälliger für Infektionen macht. Als Gründe für den Rückgang nennen sie den geringeren Zufluss der Selenga und stärkere Kieselalgenblüten. Ob das im See tatsächlich so wirkt, müssen Freilandversuche erst zeigen.
Können sich die Schwammbestände wieder erholen?
Möglich ist es, aber es dauert lange. Baikalschwämme wachsen nur rund 1 bis 2 Zentimeter im Jahr. Forscher des Limnologischen Instituts schätzten 2014, dass sich zerstörte Bestände daher erst über viele Jahrzehnte erneuern könnten. Dass Schwämme sich im Frühjahr teilweise erholen, zeigt aber, dass nicht jede Erkrankung tödlich endet.
Als wichtigste Gegenmaßnahme gilt eine bessere Abwasserreinigung an den Ufern. 2016 waren nach Gratschow von 29 Kläranlagen am See nur zwei in Betrieb, und keine erfüllte die strengen Vorgaben für den Baikal; an vielen Orten fehlte schon die Kanalisation. Forscher des Limnologischen Instituts verfolgen einzelne Schwämme über Jahre, etwa vor Listwjanka, und untersuchen Erreger und Stoffwechsel an Zellkulturen aus Schwämmen von Bolschije Koty. Einen Überblick über die übrigen Tiere und Pflanzen des Sees gibt die Station Natur und Tiere am Baikalsee.
Häufige Fragen zum Baikalschwamm
Sind Baikalschwämme Pflanzen?
Nein, Schwämme sind Tiere, wenn auch sehr einfach gebaute. Ihre grüne Farbe verdanken sie Algen, die in ihren Zellen leben. Wegen dieses Aussehens hielt man sie früher für ein Zwischending zwischen Pflanze und Tier.
Woran erkennt man einen kranken Schwamm?
Gesunde Baikalschwämme sind meist gleichmäßig grün. Kranke verfärben sich blass oder schmutzig rosa, zeigen braune Flecken, schmierige Beläge und abgestorbene, zerfallende Äste, oft überwachsen von Fadenalgen. Für eine sichere Diagnose braucht es Laboruntersuchungen.
Gibt es Baikalschwämme auch außerhalb des Sees?
Die Familie Lubomirskiidae gilt als Endemit des Baikal. Ältere, unbestätigte Meldungen beziehen sich auf einen Bergsee im Westsajan sowie auf Funde im Beringmeer und vor Kamtschatka. Gesichert ist ihr Vorkommen nur im Baikalsee.
Leben im Baikal auch gewöhnliche Süßwasserschwämme?
Ja, neben den Baikalschwämmen kommen einige Arten der weltweit verbreiteten Familie Spongillidae vor, die man auch aus Mitteleuropa kennt. Sie spielen im See aber eine viel kleinere Rolle als die endemischen Arten.
Wie alt kann ein großer Baikalschwamm werden?
Genaue Altersbestimmungen fehlen. Bei einem Wachstum von nur 1 bis 2 Zentimetern im Jahr dürften meterhohe Schwämme jedoch mehrere Jahrzehnte alt sein. Umso schwerer wiegt der Verlust ganzer Bestände.
Quellen: Chernogor et al. (2020), PeerJ 8; Chernogor et al. (2022), Pathogens 12; Annenkov et al. (2026), Journal of Experimental Zoology A 345; Kenny et al. (2019), Molecular Biology and Evolution 36; Bukshuk und Maikova (2020), ZooKeys 906; Kravtsova et al. (2021), Biology 10; Bormotov (2012), Science First Hand; Grachev (2016), Science First Hand; Science First Hand (2014): Spirogyra in Lake Baikal; WoRMS: Lubomirskiidae; Khanaev et al. (2018), Journal of Great Lakes Research 44; Timoshkin et al. (2016), Journal of Great Lakes Research 42. Stand: Oktober 2026.
