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Forschungsblatt · Natur & Tiere

Baikalrobbe (Nerpa): die einzige Süßwasserrobbe

Die einzige Robbenart, die ausschließlich im Süßwasser lebt

Art
Pusa sibirica (Gmelin, 1788)
Familie
Hundsrobben (Phocidae)
Bereich
Natur & Tiere
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Baikalrobbe liegt im Profil auf einer grauweißen Eisscholle, dahinter Wasser mit weiteren Schollen und dunstige Berge
Abb. 1Baikalrobbe auf einer Eisscholle im Frühsommer. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Baikalrobbe (Pusa sibirica), russisch Nerpa, ist die einzige Robbenart, die ausschließlich im Süßwasser lebt, und kommt nur im Baikalsee vor. Sie wird 1,1 bis 1,4 Meter lang und meist 50 bis 90 Kilogramm schwer. Die Weltnaturschutzunion IUCN schätzt den Bestand auf 82.500 bis 115.000 Tiere und stuft die Art als nicht gefährdet ein.

Wie sieht die Baikalrobbe aus?

Die Nerpa gehört zu den kleinsten echten Robben. Erwachsene Tiere messen meist 1,1 bis 1,4 Meter, die größten bekannten Exemplare 1,65 Meter. Beim Gewicht gehen die Angaben auseinander: Nachschlagewerke nennen für erwachsene Tiere 63 bis 70 Kilogramm oder 80 bis 90 Kilogramm, als Extreme 50 und 130 Kilogramm. Ein Grund für die Spanne ist der Jahreslauf. Im Herbst, nachdem sich die Robben für den Winter eine dicke Speckschicht angefressen haben, wiegen sie rund 40 Prozent mehr als im Frühjahr. Männchen sind nur wenig größer als Weibchen.

Das Fell ist auf dem Rücken einfarbig dunkel silbergrau, am Bauch heller, nur selten undeutlich gefleckt. Weil die Einzelhaare an der Basis schwarz sind, wirken nasse Tiere dunkel. Auffällig sind die großen Augen, die den Kopf dominieren und als Anpassung an die Jagd im klaren Wasser gedeutet werden. Die Vorderflossen tragen kräftige Krallen, mit denen die Robbe Atemlöcher ins Eis kratzt. Neugeborene haben ein weißes, seidiges Fell.

Wie kam eine Robbe in einen See mitten in Sibirien?

Wie und wann die Robben in den Baikalsee gelangten, ist bis heute nicht sicher geklärt. Der See liegt rund 2.000 Kilometer Luftlinie von der Laptewsee entfernt, über Angara und Jenissei sind es mehr als 3.000 Flusskilometer bis zum Nordpolarmeer. Fest steht, dass die Nerpa eng mit der Ringelrobbe des Nordpolarmeers und der Kaspischen Robbe verwandt ist. Eine Erbgutanalyse von 2010 bestätigte die gemeinsame Gattung Pusa.

Zwei Erklärungen stehen sich gegenüber. Nach der älteren Vorstellung sind die Robben des Baikal und des Kaspischen Meers Überbleibsel eines verschwundenen Randmeeres, der Paratethys, und damit mehrere Millionen Jahre im Binnenland. Die Mehrheit der Forscher folgt dagegen der Annahme, die schon der Baikalforscher Iwan Tscherski vertrat: Ringelrobben wanderten während einer Kaltzeit aus dem Norden ein, als riesige, von Eis aufgestaute Seen Sibiriens die Flusssysteme verbanden, vermutlich über Jenissei und Angara, nach einer anderen Annahme über die Lena.

Genetische Studien geben einen Zeitrahmen, aber keine genaue Zahl. Eine Genomanalyse von 2023 ordnet die Einwanderung grob in die Zeit vor 3 bis 0,3 Millionen Jahren ein. Danach schrumpfte die Gründerpopulation stark und stabilisierte sich anschließend. Ältere Schätzungen reichen von rund 400.000 Jahren bis zu etwa zwei Millionen Jahren. Die Zahl hängt stark von Methode und Annahmen ab.

Was frisst die Nerpa?

Die Hauptnahrung bilden die Golomjankas, durchscheinende Ölfische, die nur im Baikalsee leben. Im Winter und Frühjahr machen sie Schätzungen zufolge mehr als 90 Prozent der Beute aus, dazu kommen Groppen der Gattung Cottocomephorus mit rund 7 Prozent. Insgesamt sind 29 Fischarten in der Nahrung nachgewiesen. Den Omul, den bekanntesten Speisefisch des Sees, fressen Robben dagegen nur selten: Die Angaben liegen bei 0,1 bis 2 Prozent der Nahrung. Der Vorwurf, die Nerpa sei schuld am Rückgang des Omul, lässt sich damit nicht stützen.

Eine Studie von 2020 hat das Bild erweitert. Japanische und russische Forscher statteten im Juni 2018 auf den Uschkani-Inseln acht Robben mit Beschleunigungsmessern und Kameras aus. Die Aufzeichnungen zeigten, dass die Tiere nachts gezielt den nur im Baikal lebenden Flohkrebs Macrohectopus branickii jagen, der weniger als 0,1 Gramm wiegt. Im Mittel fingen sie 57 Krebse pro Tauchgang und damit tausende am Tag, so viele, wie bei keinem anderen Wassersäugetier beobachtet, das Beutetiere einzeln fängt. Möglich machen das kammartige Backenzähne, durch die die Robbe Wasser ausstößt und die Beute zurückhält. Nach der Abschätzung der Autoren könnten die Krebse im Mittel rund ein Fünftel des täglichen Energiebedarfs gedeckt haben.

Kopf und Rücken einer Baikalrobbe ragen aus dunkelgrauem Wasser
Abb. 2Eine Nerpa beim Auftauchen. Symbolbild

Für die Jagd folgen die Robben den Beutetieren, die nachts in flachere Wasserschichten aufsteigen und tagsüber in die Tiefe gehen. Die meisten Tauchgänge dauern nur 2 bis 4 Minuten, viele weniger als 10 Minuten. Längere Tauchgänge von über 40 Minuten sind belegt, bei Flucht bis zu 70 Minuten. Meist taucht die Nerpa einige zehn Meter tief, die größten Tiefen werden mit rund 300 bis 400 Metern angegeben.

Wie überlebt die Baikalrobbe den Winter unter dem Eis?

Wenn der See zufriert, hält jede Robbe ein Netz von Atemlöchern offen. Sie kratzt sie mit den Krallen der Vorderflossen von unten ins Eis. Die Löcher sind an der Oberfläche oft nur 10 bis 15 Zentimeter groß, gerade genug für die Nase, und weiten sich nach unten wie ein umgedrehter Trichter. Ein Tier kann ein Hauptloch und bis zu zehn Nebenlöcher unterhalten. Männchen und nicht trächtige Tiere bleiben den Winter über im Wasser. Wie lange der Eiswinter dauert, beschreibt die Seite zur Eissaison am Baikalsee.

Trächtige Weibchen gehen aufs Eis. Sie graben in Schneewehen, oft im Schutz aufgeschobener Eisschollen, eine Höhle, die bis zu fünf Meter lang sein kann. Zwischen Ende Februar und Anfang April bringen sie darin meist ein Junges zur Welt, Zwillinge sind mit rund 4 Prozent für Robben ungewöhnlich häufig. Das Junge wiegt bei der Geburt etwa 3 bis 4 Kilogramm, ist rund 65 bis 70 Zentimeter lang und trägt ein weißes Fell, das es nach vier bis sechs Wochen verliert. Die Mutter säugt es zwei bis zweieinhalb Monate, je nach Eislage auch länger. Paarung findet im Wasser gegen Ende der Wurfzeit statt. Mit verzögerter Einnistung dauert die Trächtigkeit insgesamt rund elf Monate. Welche Rolle das Eis als Lebensraum spielt, zeigt die Seite Der Baikalsee im Winter.

Weibchen werden mit drei bis sechs Jahren geschlechtsreif, Männchen etwas später. Die Robben wachsen bis ins Alter von 20 bis 25 Jahren. Die ältesten untersuchten Tiere waren 56 Jahre (Weibchen) und 52 Jahre (Männchen) alt, bestimmt an Zuwachsringen der Zähne und Krallen. Nur ein kleiner Teil der Tiere wird älter als 20 Jahre.

Wie viele Baikalrobben gibt es?

Nach der Einschätzung der IUCN leben 82.500 bis 115.000 Baikalrobben im See, das entspricht 2,6 bis 3,6 Tieren pro Quadratkilometer. Russische Zählungen kamen in einzelnen Jahren auf höhere Werte. Gezählt wird vor allem im Spätwinter, indem man vom Flugzeug, auf Probeflächen von 1,5 mal 1,5 Kilometern oder entlang von Querungen die Geburtshöhlen auf dem Eis erfasst und auf den ganzen See hochrechnet. Weil dabei nur die Weibchen mit Jungen sichtbar werden, sind alle Zahlen Schätzungen.

JahrBestandHerkunft der Zahl
1972–1975rund 70.000 ohne JungtiereLimnologisches Institut (Pastuchow)
1985rund 62.000 ohne JungtiereLimnologisches Institut (Pastuchow)
1994rund 104.000Schätzung der russischen Regierung
200055.000–65.000eigene Zählung von Greenpeace
2014rund 114.400russische Zählung
2015rund 128.700russische Zählung
Stand der Bewertung 201682.500–115.000IUCN-Rote Liste

Die Streuung zeigt, wie schwierig die Zählung ist. Das russische Fischereiforschungsinstitut VNIRO nannte im Herbst 2024 für die letzten Jahre sogar 150.000 bis 160.000 Tiere; diese Angabe gilt als methodisch umstritten und ist von unabhängiger Seite nicht bestätigt. Einig sind sich die Quellen darin, dass der Bestand heute groß und in etwa stabil ist.

Ist die Baikalrobbe bedroht?

Die IUCN führt die Baikalrobbe seit 2008 als nicht gefährdet, zuletzt bestätigt 2016. Risiken gibt es trotzdem. 1987 und 1988 tötete eine Staupe-Epidemie, eine Viruserkrankung, die von Hunden übertragen werden kann, nach unterschiedlichen Angaben 5.000 bis 10.000 Tiere. Im Herbst 2017 wurden an den Ufern der Oblast Irkutsk und Burjatiens mehr als 140 tote Robben gefunden. Erste Untersuchungen fanden damals keine Krankheitserreger, die Ursache blieb ungeklärt.

Lange wurde die Nerpa vor allem wegen ihres Fells gejagt. Anfang der 1980er-Jahre wurden jährlich rund 6.000 Tiere erlegt, die Quote von 6.000 Tieren im Jahr 1999 wurde 2000 auf 3.500 gesenkt und lag 2013 und 2014 bei 2.500. Die gewerbliche Jagd ist seit 2009 verboten; die geltenden Fischereiregeln für das Baikal-Becken von 2020 führen die Robbe einschließlich der Jungtiere unter den Arten, deren Fang im gewerblichen Fischfang verboten ist. Erlaubt bleibt die Jagd nur Angehörigen der indigenen Kleinvölker im traditionellen Fischfang, mit Auflagen: erst ab dem 11. April und nur bis zum Eisaufbruch, keine Schüsse auf schwimmende Tiere oder auf Treibeis, keine Jungtiere im weißen Fell und keine säugenden Weibchen. Daneben sind Fänge zu Forschungs- und Kontrollzwecken möglich. Dazu kommen nach Schätzungen jährlich 1.500 bis 4.000 Tiere, die in Fischernetzen ertrinken oder gewildert werden. Als Spitzenräuber reichert die Robbe Schadstoffe wie DDT und polychlorierte Biphenyle im Fett an. Die Belastung liegt nach bisherigen Messungen unter der von Robben in Europa und Nordamerika, aber über der arktischer Robben.

Langfristig gilt der Klimawandel als größtes Risiko. Die Jungen brauchen tragfähiges Eis und genug Schnee für ihre Höhlen. Werden die Eiswinter kürzer und schneeärmer, verlieren sie Schutz vor Kälte und vor Fressfeinden wie dem Seeadler. Die Art hat frühere Warmzeiten überstanden, doch wie sie auf eine rasche Erwärmung reagiert, ist offen.

Wo kann man Baikalrobben sehen?

Am bekanntesten sind die Liegeplätze auf den Uschkani-Inseln im mittleren Becken, die zum Sabaikalski-Nationalpark gehören. Im Juni liegen dort oft viele Tiere auf den Uferfelsen, zur Zeit des Fellwechsels sammeln sie sich auf dem Resteis in Gruppen von mehreren hundert Tieren. Den Rest des Jahres leben sie meist einzeln. Neugierige Robben schwimmen mitunter an treibende Boote mit abgestelltem Motor heran. Mehr über die Inselgruppe steht auf der Seite Inseln im Baikalsee.

Mehrere Baikalrobben liegen auf flachen Granitfelsen am Ufer einer bewaldeten Insel
Abb. 3Liegeplatz auf Uferfelsen, aus großer Entfernung. Symbolbild

In Gefangenschaft werden Baikalrobben in Russland in Nerpinarien gezeigt, unter anderem in Listwjanka und Irkutsk, außerdem in einigen Aquarien in Japan. Das Baikal-Museum in Listwjanka zeigt die Art in einer Ausstellung. Die Nerpa ist das Symboltier des Sees. Einen Überblick über die übrigen Tiere und Pflanzen gibt die Station Natur und Tiere am Baikalsee.

Häufige Fragen zur Baikalrobbe

Ist die Nerpa die einzige Robbe im Süßwasser?

Sie ist die einzige Robbenart, die ausschließlich im Süßwasser lebt. Daneben gibt es Süßwasserbestände anderer Arten, etwa die Saimaa- und die Ladoga-Ringelrobbe in Finnland und Russland und Seehunde in Seen im Norden Québecs. Diese Arten haben aber auch Bestände im Meer.

Wie lange kann eine Baikalrobbe unter Wasser bleiben?

Gewöhnlich nur wenige Minuten, denn die meisten Tauchgänge dauern 2 bis 4 Minuten. Belegt sind aber Tauchgänge von über 40 Minuten, auf der Flucht bis zu 70 Minuten. Dabei hilft ein für ihre Größe ungewöhnlich großes Blutvolumen.

Haben Baikalrobben natürliche Feinde?

Erwachsene Tiere kaum, gelegentlich fällt eine Robbe einem Braunbären zum Opfer. Jungtiere werden dagegen von Seeadlern, Rotfüchsen und Zobeln erbeutet. Die Schneehöhle auf dem Eis ist ihr wichtigster Schutz.

Warum hat die Nerpa so große Augen?

Die großen Augen gelten als Anpassung an die Jagd mit dem Sehsinn im sehr klaren Wasser des Sees. Nachts orientieren sich die Robben zusätzlich mit ihren zahlreichen Tasthaaren.

Wird die Baikalrobbe noch gejagt?

Gewerblich nicht: Die gewerbliche Jagd ist seit 2009 verboten, und die Fischereiregeln von 2020 schließen die Robbe vom gewerblichen Fang aus. Erlaubt bleibt sie nur Angehörigen der indigenen Kleinvölker im traditionellen Fischfang, mit Schonzeiten und ohne Jungtiere im weißen Fell, sowie zu Forschungs- und Kontrollzwecken. Dazu kommen Wilderei und Beifang. Eine aktuelle Fangmenge mit Jahresangabe ist in den ausgewerteten Quellen nicht belegt.

Quellen: Fischereiregeln für das Baikal-Fischereibecken, Verordnung des Landwirtschaftsministeriums Nr. 226 vom 24. April 2020, Ziffern 18, 42 und 44 (Garant, aktuelle Fassung); RIA Nowosti, 10. April 2018: Verbot der gewerblichen Robbenjagd bleibt bestehen; IUCN Red List: Pusa sibirica (Goodman 2016); Watanabe et al. (2020), PNAS 117; Yakupova et al. (2023), Genes 14; Fulton und Strobeck (2010), Proceedings of the Royal Society B; Pastuchow, Baikal Web World; Wikipedia (deutsch, englisch, russisch): Baikalrobbe; NZZ, 5. November 2017. Stand: Oktober 2026.

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