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Forschungsblatt · Natur & Tiere

Braunbären am Baikalsee: Uferbären im Norden

Wo Braunbären leben und warum sie im Frühsommer an den Strand kommen

Art
Ursus arctos Linnaeus, 1758
Familie
Bären (Ursidae)
Ordnung
Raubtiere (Carnivora)
Rote Liste (IUCN)
nicht gefährdet (LC, 2017)
Bereich
Natur & Tiere
Stand
· 10 Min. Lesezeit
Braunbär läuft an einem steinigen Ufer entlang, dahinter Taiga und Berghang
Abb. 1Ein Braunbär sucht im Frühsommer das Ufer ab. Symbolbild
Kurz gesagt

Braunbären leben in fast allen bewaldeten Uferregionen des Baikalsees, besonders dicht am Nordostufer im Bargusin-Reservat und im Sabaikalski-Nationalpark sowie am nördlichen Westufer. Im Frühsommer kommen sie an den Strand, um schlüpfende Köcherfliegen zu fressen. Allein für die Oblast Irkutsk schätzten die Behörden 2021 rund 21.400 Bären. Begegnungen sind möglich, verlaufen aber meist ohne Zwischenfall.

Wo leben Braunbären am Baikalsee?

Braunbären kommen rund um den See überall dort vor, wo Wald bis ans Ufer reicht. Am häufigsten sind sie an den dünn besiedelten Küsten im Norden. Die Verwaltung „Sapowednoje Podlemorje“, die das Bargusin-Reservat und den Sabaikalski-Nationalpark betreut, beschreibt ihr Gebiet in Anspielung auf die russische Redewendung vom „Bärenwinkel“ als ausgesprochenes Bärenland. Es reicht von der Halbinsel Swjatoi Nos nach Norden über die Westhänge der Bargusin-Kette bis ins Tal der Oberen Angara. Dort, so die Zoologen, lebten trotz der rauen Bedingungen sehr viele Bären.

Auch das Baikal-Lena-Reservat am nördlichen Westufer gilt nach Angaben seiner Verwaltung als Rückzugsraum mit hoher Dichte an Braunbären, Zobeln und Moschustieren. Im Süden leben Bären in den Wäldern des Chamar-Daban, im Baikal-Reservat, und am Westufer im Pribaikalski-Nationalpark. Seltener sind sie in den offenen Steppen am Kleinen Meer und auf Olchon, wo der Wald fehlt. Die Landschaft, in der die Bären am Ostufer leben, beschreibt die Seite über die Halbinsel Swjatoi Nos.

Der Braunbär ist das größte Raubtier der Region. In den Schutzgebieten ist die Jagd verboten oder streng geregelt, was die großen zusammenhängenden Lebensräume am Nordostufer zu einem Kerngebiet der Art macht. Wie sich die Schutzgebiete auf die Ufer verteilen, zeigt die Übersicht der Schutzgebiete am Baikalsee.

Wie viele Bären gibt es rund um den See?

Eine Zahl nur für das Ufer des Baikalsees gibt es nicht, wohl aber Schätzungen für die angrenzenden Regionen. Nach der amtlichen Übersicht der russischen Jagdbehörde lebten 2021 in der Oblast Irkutsk rund 21.400 Braunbären. Das war nach der Region Krasnojarsk der zweithöchste Wert im Sibirischen Föderationskreis, der insgesamt auf rund 79.900 Tiere kam. Für ganz Russland nennt dieselbe Quelle rund 300.100 Bären, 4,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Für die Republik Burjatien, zu der das Ostufer gehört, weist der Bericht keinen eigenen Wert aus.

In den Schutzgebieten am Nordostufer zählen Wissenschaftler und Inspektoren die Bären jedes Jahr am Ufer, wenn die Tiere im Frühjahr zum Fressen an den See kommen. Von einem einzigen Beobachtungspunkt aus seien manchmal sechs bis acht Bären gleichzeitig zu sehen, berichtete die Verwaltung 2020, die Zahl sei in den letzten Jahren stabil hoch. Die winterliche Spurenzählung, mit der Zobel, Elche oder Moschustiere erfasst werden, taugt für Bären nicht: Sie liegen zu dieser Zeit in ihren Höhlen.

Weltweit stuft die Weltnaturschutzunion IUCN den Braunbären als nicht gefährdet ein. In Russland gilt er als jagdbares Wild mit einem Bestand, der eine geregelte Nutzung erlaubt.

Warum kommen die Bären im Frühsommer ans Ufer?

Der Grund sind die Köcherfliegen. Im Baikalsee leben nach Angaben der Parkverwaltung 55 Arten dieser Insekten, 15 davon nur hier. Ihre Larven verbringen zwei bis drei Jahre in zwei bis zwanzig Metern Wassertiefe in kleinen Köchern aus Sandkörnern, Steinchen und Pflanzenresten. Wenn im Mai die Sonne das Eis mürbe macht, steigen die verpuppten Tiere durch Spalten im Eis auf, und an der Oberfläche schlüpfen die erwachsenen Insekten.

Dann bedecken Wolken von Köcherfliegen das Ufer. Die Insekten fliegen schlecht, weil ihre Flügel statt Schuppen feine Härchen tragen, und sitzen in Massen auf dem Wasser, auf Steinen, Felsen und Bäumen. Am See heißen sie deshalb volkstümlich Lipotschany, etwa „die Klebenden“. Die erwachsenen Tiere leben nur einige Tage bis wenige Wochen, paaren sich, legen ihre Eier ins Wasser und sterben.

Für Bären ist das nach der Winterruhe eine leicht erreichbare, eiweißreiche Nahrung. Sie wenden die Ufersteine um und lecken die Insekten ab. Bei einer einzigen Mahlzeit fressen sie nach Beobachtungen der Parkwissenschaftler bis zu fünf bis sieben Kilogramm. Im kalten Frühjahr 2023 hielt eine Bärin mit zwei Jungen die Mitarbeiter an der Feldstation Dawscha drei Tage lang von ihrer Messfläche fern, weil sie am Strand Köcherfliegen fraß. Gegen Juni lässt der Schlupf nach, und die Bären ziehen wieder in die Hänge. Mit ihnen kommen Fische, Möwen, Bachstelzen, Füchse und Streifenhörnchen an den Strand, sodass das Ufer einige Wochen lang einer gedeckten Tafel gleicht.

Wie verläuft das Bärenjahr zwischen Winterruhe und Zirbelnussernte?

In der Region verbringt ein Bär rund 165 Tage in seiner Winterhöhle. Im Bargusin-Reservat fiel der erste Spurenfund nach dem Winter im Mittel der Jahre 1938 bis 1998 auf den 17. April. Zwischen 2017 und 2020 lag er bereits Ende März, was die Verwaltung mit dem Klimawandel in Verbindung bringt. 2021 fand man die erste Spur schon am 11. März, sie stammte vermutlich vom 9. März. Nach dem Verlassen der Höhle bewegen sich die Tiere zunächst wenig und legen sich Liegeplätze aus jungen Kiefernzweigen an.

Auf die Köcherfliegenzeit folgt im Frühsommer die Paarungszeit. Danach beginnt das Anfressen der Fettreserven für den Winter. Etwa ein Fünftel ihres Körpergewichts müssen die Bären bis zum Herbst als Fett zulegen. Bis die Zapfen der Sibirischen Zirbelkiefer und der Zwergkiefer reifen, leben sie vor allem von Beeren; in der zweiten Augusthälfte trifft man sie häufig auf Rauschbeerenflächen. Wenn sich Gelegenheit bietet, erbeuten sie auch Elche und Rothirsche, gelegentlich eine Robbe am Ufer. Die übrigen großen und kleinen Tiere, mit denen der Bär seinen Lebensraum teilt, stellt die Seite über die Säugetiere der Taiga vor.

Im Herbst ist die Zirbelnussernte das wichtigste Ereignis für die Tiere der Taiga. Ob ein Jahr gut oder schlecht wird, hängt stark von ihr und von den Beeren ab. Erreicht die Bärendichte ein Maximum und fällt gleichzeitig die Ernte schlecht aus, stirbt nach Beobachtung der Reservatszoologen ein Teil der Tiere. Gut genährte Bären legen sich im Oktober oder November in ihre Höhlen.

ZeitWas die Bären tunHauptnahrung
Ende März bis AprilVerlassen der Winterhöhle, wenig Bewegungkaum Nahrung, erste Pflanzen
Mai bis Anfang JuniAufenthalt am Seeuferschlüpfende Köcherfliegen
Juni bis JuliPaarungszeitPflanzenkost, Insekten
August bis SeptemberAnfressen der FettreservenBeeren, gelegentlich Huftiere
September bis OktoberFortsetzung, HöhlensucheZirbel- und Zwergkiefernnüsse
Oktober/November bis MärzWinterruhe, rund 165 Tagekeine

Wann kommen Bären in die Nähe von Menschen?

Am häufigsten in Jahren mit schlechter Beeren- und Nussernte und dort, wo Essensreste und Abfälle locken. Außerhalb solcher Hungerjahre greifen Bären im Spätsommer nach Einschätzung der Reservatszoologen nur selten Menschen an. Auf Rastplätzen des Sabaikalski-Nationalparks wurden Bären aber wiederholt gesehen. 2025 stellte die Stiftung „Osero Baikal“ deshalb auf den Plätzen Mjagkaja Karga und Monachowo, wo die Tiere am häufigsten auftauchten, geruchsdichte Abfallbehälter auf, die nur Menschen öffnen können.

Im Spätsommer 2026 spitzte sich die Lage zu. Wegen einer starken Zunahme von Bären, die in Burjatien und in der Oblast Irkutsk zu Siedlungen und Lagerplätzen kamen, und wegen gehäufter Angriffe auf Menschen sperrte die Verwaltung des Sabaikalski-Nationalparks ab dem 9. September 2026 vorübergehend die eingerichteten Rastplätze. Das Sammeln von Pilzen, Beeren und Totholz wurde bis auf Weiteres untersagt. Wie lange die Sperrungen gelten, gibt die Verwaltung jeweils aktuell bekannt. Den Nationalpark selbst beschreibt die Seite über den Sabaikalski-Nationalpark.

Wie gefährlich Panik sein kann, zeigt ein Unfall vom 14. August 2024 an der Smeinaja-Bucht im Nationalpark. Zwei Besucher aus Irkutsk, die Pilze und Zirbelzapfen sammeln wollten, sahen nach Angaben der Parkverwaltung einen Bären, liefen aus Angst davon und sprangen von einem Felsen ins Wasser. Einer kam dabei ums Leben, der andere wurde mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus gebracht.

Bärenspuren im nassen Sand am Ufer, die zu Treibholz führen
Abb. 2Spuren im Ufersand verraten, wo Bären unterwegs sind. Symbolbild

Wie verhält man sich bei einer Begegnung mit einem Bären?

Ruhig bleiben, nicht weglaufen und dem Bären Raum lassen. Die meisten Begegnungen enden ohne Verletzungen, weil Bären Menschen in der Regel ausweichen, wenn sie sie rechtzeitig bemerken. Die folgenden Grundregeln entsprechen den Empfehlungen großer Schutzgebietsverwaltungen, etwa des US-amerikanischen National Park Service. Örtliche Hinweise und Sperrungen der Parkverwaltung haben immer Vorrang.

  • Überraschungen vermeiden: in dichtem Gelände und an Bächen hörbar unterwegs sein, möglichst in Gruppen gehen und Stellen mit frischen Spuren, Kot oder Kadavern meiden.
  • Abstand halten und Bären nie nähern, schon gar nicht einer Bärin mit Jungen. Nie zwischen Mutter und Jungtier geraten.
  • Bemerkt der Bär Sie, mit ruhiger, tiefer Stimme sprechen, damit er Sie als Menschen erkennt. Nicht schreien, keine hastigen Bewegungen.
  • Nicht davonlaufen und nicht auf Bäume klettern. Langsam und seitlich zurückweichen, den Bären im Blick behalten und ihm einen Ausweg lassen.
  • Kleine Kinder sofort hochnehmen.
  • Bären nie füttern. Lebensmittel und Abfälle geruchsdicht verschließen, nicht im Zelt aufbewahren und nicht am Lagerplatz zurücklassen.

Ein aufgerichteter Bär ist meist neugierig, nicht angriffslustig, er will besser sehen und riechen. Scheinangriffe, bei denen der Bär kurz vor dem Menschen abdreht, kommen vor. Wer an einen Ort mit bekannter Bärenaktivität kommt, sollte sich vorher bei der Schutzgebietsverwaltung nach der aktuellen Lage erkundigen.

Welche Rolle spielt der Bär in der Kultur der Region?

Bei vielen Völkern Sibiriens genießt der Bär eine besondere Achtung, die sich in Verboten, Umschreibungen und Ritualen äußert. Die Ewenken, ein tungusisches Volk, dessen Überlieferungen den Baikal als Urheimat beschreiben, sehen im Bären einen Ahnen. Erlegten sie einen Bären, so sprachen sie ihn nach ethnologischen Beschreibungen mit Verwandtschaftsbezeichnungen an und baten ihn um Verzeihung, bevor sie das Fleisch für ein gemeinsames Mahl aufteilten.

Auch im Russischen wird der Bär oft umschrieben. Selbst Mitarbeiter der Schutzgebiete nennen ihn in ihren Berichten den „Hausherrn der Taiga“. Wie selbstverständlich der Bär zum Bild des Sees gehört, zeigt ein Brief Anton Tschechows, der 1890 auf dem Weg nach Sachalin am Baikal vorbeikam und die Fülle an Bären, Zobeln und anderem Wild erwähnte.

Häufige Fragen zu den Bären am Baikalsee

Sind Bären am Baikalsee gefährlich?

Braunbären sind große Raubtiere und können Menschen schwer verletzen, Angriffe sind aber selten. Gefährlich werden vor allem überraschte Tiere, Bärinnen mit Jungen und Bären, die an Abfälle gewöhnt sind. In Hungerjahren wie 2026 steigt das Risiko, und die Behörden sperren dann einzelne Gebiete.

Kann man Bären vom Boot aus beobachten?

Im Mai und Juni sind Bären am Nordostufer oft am Strand zu sehen, wenn sie Köcherfliegen fressen. Weite Teile dieser Küste gehören aber zum Bargusin-Reservat, dessen Betreten und Befahren eine schriftliche Genehmigung voraussetzt. Auch vom Wasser aus gilt: Abstand halten und die Tiere nicht bedrängen.

Gibt es Bären auf der Insel Olchon?

Olchon ist überwiegend von Steppe und lichten Lärchenwäldern bedeckt und gehört nicht zu den bekannten Bärengebieten. Für einen ständigen Bärenbestand auf der Insel gibt es in den ausgewerteten Quellen keinen Beleg, einzelne Besuche über das Eis oder schwimmend lassen sich aber nicht ausschließen. Bären leben dagegen in den Wäldern des gegenüberliegenden Festlands.

Halten die Bären am Baikal einen Winterschlaf?

Sie verbringen rund 165 Tage in der Winterhöhle. Fachleute sprechen dabei eher von einer Winterruhe als von einem echten Winterschlaf, denn gestörte Bären können aufwachen. Die Tiere zehren in dieser Zeit von ihren Fettreserven. Im Bargusin-Reservat endet die Winterruhe heute im Mittel früher als noch im 20. Jahrhundert.

Warum fressen Bären Insekten?

Im späten Frühjahr gibt es in der Taiga kaum andere energiereiche Nahrung, Beeren und Nüsse reifen erst Monate später. Die massenhaft schlüpfenden Köcherfliegen liefern dagegen viel Eiweiß an einem Ort. Für einen Bären lohnt sich das Absammeln der Steine deshalb trotz der winzigen Beute.

Quellen: Sapowednoje Podlemorje: Medweschi ugol (29.06.2020); Sapowednoje Podlemorje: Köcherfliegen als Nahrung (14.06.2024); Sapowednoje Podlemorje: Erwachen der Bären (26.03.2021); Sapowednoje Podlemorje: Einschränkungen im Sabaikalski-Nationalpark (09.09.2026); Zentrochotkontrol: Bestände der Jagdtiere 2021; U.S. National Park Service: Staying Safe Around Bears; IUCN Red List: Ursus arctos (McLellan et al. 2017); Sapowednoje Pribaikalje: Baikal-Lena-Reservat; Wikipedia (englisch): Bear worship. Stand: Oktober 2026.

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