Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Schamanismus am Baikalsee: heilige Orte und Rituale

Böö mürgel, der älteste Glaube am See, und seine heiligen Orte

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Kultur & Geschichte
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Vom Wind gebeugte Lärche auf einem Felskap über dem See, an deren Ästen viele verblichene Stoffbänder hängen
Abb. 1Bänder an einem Baum auf einem Kap: Gaben an die Geister des Ortes. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Schamanismus der Burjaten, von seinen Anhängern böö mürgel genannt, ist die älteste Religion am Baikalsee. Er verehrt den Himmel und die himmlischen Tengri, die Geister bestimmter Orte und die Ahnen; Schamanen vermitteln nach dieser Überlieferung zwischen ihnen und den Menschen. Seit 1990 wird er wiederbelebt, und Orte wie Olchon sind lebendige Heiligtümer.

Was bedeutet Schamanismus für die Burjaten?

Für die Burjaten ist der Schamanismus ein Glaube, der den Menschen in eine Welt einordnet, die von Himmelsmächten, Ortsgeistern und Ahnen belebt ist. Der Schamane, burjatisch böö, die Schamanin, udagan, gelten als Mittler, die mit diesen Mächten in Verbindung treten, um für einzelne Menschen, Familien oder ganze Geschlechter um Gesundheit, Regen, Weide und Schutz zu bitten. Burjatische Autoren nennen den Glauben böö mürgel, wörtlich etwa „schamanischer Glaube“. Im 19. Jahrhundert hieß er im Gegensatz zum „gelben Glauben“ des Buddhismus auch „schwarzer Glaube“; der heute verbreitete Begriff Tengrismus ist eine neuere, gelehrte Bezeichnung.

Nach der Überlieferung ist die Welt in eine obere, eine mittlere und eine untere Welt gegliedert. Den oberen Bereich bewohnen die Tengri, die Himmelsgötter, über allem steht der Ewige Blaue Himmel als männliches, die Erde als weibliches Prinzip. Die Mythen erzählen, die Tengri hätten sich nach einem Streit in 55 westliche, den Menschen wohlgesinnte, und 44 östliche, gefährliche Mächte gespalten. In der mittleren Welt hat jeder Ort seinen Herrn, burjatisch ezhin: ein Berg, eine Quelle, eine Insel, ein Kap. Hinzu kommen die Seelen verstorbener Schamanen und Ahnen, denen die Familien Bilder oder Figuren, die ongon, widmeten.

Schamane wird man nach burjatischem Verständnis nicht durch eigenen Entschluss. Voraussetzung ist eine Schamanin oder ein Schamane unter den Vorfahren, der Ruf zeigt sich oft in einer langen „Schamanenkrankheit“. Es folgen Lehrjahre und mehrere Weihen, die schanar heißen. Wer alle Stufen durchlaufen hat, trägt den Titel zaarin. Die heutigen Organisationen legen auf diese Kriterien großen Wert, um sich von esoterischen Angeboten abzugrenzen.

Welche Orte am Baikal gelten als heilig?

Als heiligster Ort am See gilt die Insel Olchon, nach der Überlieferung Sitz der mächtigsten Geister des Baikals. Im Schamanenfelsen am Kap Burchan wohnt nach burjatischem Glauben der Herr der Insel, der älteste der „dreizehn nördlichen Noyons“, der Fürsten unter den Geistern. Ihnen zu Ehren errichteten die Bewohner der Gegend im 21. Jahrhundert am Kap dreizehn große Serge. Ein weiterer Pfosten steht am Kap Choboi an der Nordspitze der Insel, neun weitere auf dem Festland gegenüber, an der Mündung der Anga am Berg Jordo.

Der Schamanenstein im Ausfluss der Angara bei Listwjanka gilt als Sitz des Herrn der Angara; um ihn rankt sich die Erzählung, der alte Baikal habe den Fels seiner davonlaufenden Tochter Angara nachgeworfen. Solche Erzählungen versammelt die Seite über die Legenden und Mythen des Baikalsees. Am Nordwestufer verehren die Bewohner des Dorfes Ongurjon das Kap Rytyj als alten Ort der Schamanen; Frauen durften seinen Boden nach örtlicher Überlieferung nicht betreten. Auf der Halbinsel Swjatoi Nos am Ostufer hielten Schamanen Zeremonien für die Naturgeister ab.

Heilige Orte sind nicht nur große Landmarken. Jede Gemeinschaft, oft jedes Geschlecht, hatte seinen eigenen Berg, Hain oder Quellort, an dem sie den Herren der Gegend opferte. Viele dieser Orte liegen abseits der bekannten Ziele; ihre Lage wird innerhalb der Familien weitergegeben.

Was bedeuten Serge, Oboo und die Stoffbänder?

Serge und Oboo sind die sichtbarsten Zeichen des Glaubens in der Landschaft. Der Serge ist ein Pfosten aus Holz, ursprünglich der Pfahl, an dem man vor der Jurte die Pferde anband. Er zeigt an, dass ein Ort einen Herrn hat. In seinen Schaft sind oft drei Kerben geschnitten: Nach der Deutung ist die obere für die Pferde der Himmelswesen bestimmt, die mittlere für die der Menschen und die untere für die der Unterwelt. So steht der Pfosten zugleich für den Weltenbaum, der die drei Welten verbindet. Serge wurden auch bei der Weihe eines Schamanen und an den Begräbnisplätzen von Schamanen errichtet.

Mehrere verwitterte Holzpfosten mit Stoffbändern in einer Reihe auf einem Steppenhügel über dem See
Abb. 2Serge, Pfosten mit Stoffbändern, markieren verehrte Orte. Symbolbild

Der Oboo ist ein Haufen aus Steinen, der zwischen einem und zehn Metern hoch sein kann. Er liegt meist auf einem Gipfel, einem Pass, an einer Kreuzung oder an einem Flussufer. Oben stecken Zweige, an denen Stoffbänder hängen, der Ehrenschal chadag und kleine Fahnen mit dem Bild eines Pferdes, dem chii morin. Vorbeiziehende legen einen Stein, ein Stück Stoff, Speisen oder Münzen dazu und besprengen den Ort mit Milch oder Branntwein. Der Brauch umfasst mehrere Bedeutungen: Der Oboo markierte das Land eines Geschlechts, war Wohnsitz des Ortsherrn, oft auch Grab eines bedeutenden Schamanen oder Kriegers.

Die farbigen Bänder an Serge, Bäumen und Sträuchern sind Bitten und Dank zugleich. Ihre Farben werden mit den Himmelsrichtungen, den Elementen oder bestimmten Mächten verbunden, die Deutungen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Dass inzwischen auch Besucher Bänder anbinden, sehen viele Burjaten zwiespältig.

Steinhaufen auf einem Pass mit Zweigen, Stoffbändern und Münzen, dahinter Lärchenwald und Bergketten
Abb. 3Ein Oboo auf einem Pass: Reisende legen Steine oder Münzen ab. Symbolbild

Was geschieht bei einem Tailgan?

Der Tailgan ist das gemeinschaftliche Opfer- und Gebetsfest einer Familie, eines Geschlechts oder einer ganzen Gegend. Das Wort lässt sich etwa mit „Ehrung der Götter“ wiedergeben. Gebetet wird um ein gutes Jahr, um Regen und Gras, um gesundes Vieh und Wohlergehen der Menschen. Früher richtete sich der Termin nach dem Zyklus der Arbeit, nach den Wanderungen mit den Herden und nach Zeichen der Natur; heute veröffentlichen die schamanischen Organisationen Kalender. Für 2012 etwa nannte die Organisation Tengeri Tailgane in Burjatien und Transbaikalien zwischen dem 19. Mai und dem 22. September.

Ein Tailgan findet unter freiem Himmel statt, an einem Ort, der dem jeweiligen Herrn geweiht ist. Die Familien bringen Gaben mit: Milch und Milchspeisen, die „weiße Speise“ sagaan ideen, Tee, Fleisch vom Schaf und Branntwein. Der Schamane ruft die Mächte an; ein Teil der Gaben wird ins Feuer gegeben, Milch und Branntwein werden versprengt. Dem Kopf des Schafes kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Ein gemeinsames Mahl schließt das Fest ab. Auf Olchon halten burjatische Schamanen nach russischen Angaben seit 1990 jedes Jahr einen großen Tailgan ab. Verwandt ist das Fest am Oboo, das oboo tachilga, das heute häufig mit buddhistischen Lamas begangen wird.

Wie wurde der Schamanismus verdrängt, verfolgt und wiederbelebt?

Der Schamanismus geriet seit dem 17. Jahrhundert von zwei Seiten unter Druck, durch die christliche Mission und durch den Buddhismus, und wurde in der Sowjetzeit verfolgt. Überlebt hat er vor allem in den Familien, und seit dem Ende der 1980er-Jahre tritt er wieder öffentlich auf.

ZeitEntwicklung
17.–18. Jh.Buddhismus breitet sich östlich des Sees aus
ab 1727Mission der Eparchie Irkutsk, vor allem bei den Westburjaten
spätes 19. Jh.Buddhismus dringt nach Cisbaikalien vor, gegen den Widerstand von Schamanen
1920er–1930erantireligiöse Kampagnen, Schamanen verfolgt, Heilpraxis verboten
ab Ende 1980eröffentliche Wiederbelebung, gemeinsame Tailgane
1993erste Organisation, ab 1997 Böö Mürgel
1997Religionsgesetz Burjatiens nennt den Schamanismus als traditionelle Religion
2003Registrierung der Organisation Tengeri in Ulan-Ude

Die orthodoxe Mission taufte im 18. und 19. Jahrhundert viele Westburjaten, Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden 41 Missionsstationen. Die Taufe blieb oft äußerlich, die Familien hielten an ihren Opfern fest. Der Buddhismus setzte sich östlich des Sees schon im 18. Jahrhundert durch. Vereinzelt zerstörten Lamas Oboo-Plätze, mit der Zeit nahmen sie den Kult aber in ihre eigene Praxis auf. In der Sowjetzeit verfolgte der Staat Schamanen als Träger von „Aberglauben“: Viele wurden verhaftet oder isoliert, Heilen und Wahrsagen waren verboten.

Die Wiederbelebung begann in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre und wurde nach 1990 zu einem Teil der burjatischen Erneuerungsbewegung. 1993 gründete sich mit Chese Chengereg, „Dröhnende Trommel“, die erste schamanische Organisation in Burjatien, die 1997 den Namen Böö Mürgel annahm. Unter ihrer Präsidentin Nadeschda Stepanowa organisierte sie Tailgane, Weihen junger Schamanen und 1996 ein erstes Symposium mit Wissenschaftlern. Die Organisation Tengeri wurde 2003 registriert und zählte nach einer Studie von 2016 mehr als 200 Mitglieder, davon rund 50 praktizierende Schamanen und Heiler. Neu ist, dass Schamanen, die früher allein für ihr Geschlecht wirkten, sich in eingetragenen Vereinigungen mit Satzung und Sprechstunden organisieren.

Wie hängen Schamanismus und Buddhismus heute zusammen?

In der Praxis vieler Familien stehen Schamanismus und Buddhismus nebeneinander und durchdringen sich. Sagaalgan, das Neujahrsfest, wird in beiden Traditionen begangen. Viele heilige Orte werden von Lamas wie von Schamanen aufgesucht, und am Oboo legen in Transbaikalien vielfach Lamas den Termin des Festes nach dem Mondkalender fest. Schon der Name Burchan für das Kap auf Olchon zeigt die Überlagerung: Er ist das burjatische Wort für Buddha, steht aber für einen älteren Ortsherrn. Welche Rolle beide Glaubensrichtungen im Leben des Volkes spielen, zeigt die Seite über die Burjaten am Baikalsee.

Westlich des Sees, in der Oblast Irkutsk und auf Olchon, ist der Schamanismus stärker verwurzelt, östlich davon der Buddhismus. Wie viele Menschen sich als Anhänger bekennen, lässt sich schwer sagen, weil viele beide Traditionen pflegen. In einer Umfrage von 2013 gaben 1,8 Prozent der Einwohner Burjatiens an, der „traditionellen Religion der Vorfahren“ anzuhängen; 20 Prozent nannten den Buddhismus. Für die burjatische Bevölkerung allein liegen keine getrennten Werte vor.

Wer hat den burjatischen Schamanismus erforscht?

Die ersten ausführlichen Beschreibungen stammen von Reisenden und Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts. Während der Akademie-Expeditionen 1768 bis 1774 sammelten Peter Simon Pallas und Johann Gottlieb Georgi Material über Opfer, Ritualgeräte und Trachten. Pallas sah darin nur Aberglauben, Georgi erkannte bereits ein eigenes religiöses System.

Entscheidend wurden burjatische Forscher. Dordschi Bansarow beschrieb Mitte des 19. Jahrhunderts den „schwarzen Glauben“ der Mongolen als eigenständige Religion, die aus der Naturbeobachtung erwachsen sei. Matwei Changalow sammelte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine Fülle von Gebeten, Ritualen und Erzählungen der Westburjaten, teils gemeinsam mit Nikolai Agapitow, mit dem er 1883 eine grundlegende Studie veröffentlichte. Zyben Schamzarano zeichnete Anfang des 20. Jahrhunderts Gebete und Anrufungen der Burjaten von Aga auf. W. M. Michailowski fasste 1892 in seiner Schrift „Schamanstwo“ das Wissen über den sibirischen Schamanismus zusammen. Heute forschen vor allem das Institut für Mongolistik, Buddhologie und Tibetologie in Ulan-Ude und Wissenschaftler in Irkutsk.

Häufige Fragen zum Schamanismus der Burjaten

Gibt es heute noch Schamanen am Baikalsee?

Ja. In Burjatien, in der Oblast Irkutsk und auf Olchon wirken Schamanen, teils allein für ihre Familie, teils in eingetragenen Organisationen wie Tengeri. Sie halten Tailgane ab, segnen Familien und Häuser und bieten Beratung an.

Was ist der Unterschied zwischen Serge und Oboo?

Der Serge ist ein einzelner Holzpfosten, ursprünglich zum Anbinden der Pferde, und zeigt an, dass ein Ort einen Herrn hat. Der Oboo ist ein Steinhaufen auf Gipfeln oder Pässen, an dem Opfer für die Geister der Gegend dargebracht werden.

Ist Tengrismus dasselbe wie der Schamanismus der Burjaten?

Nicht ganz. Tengrismus ist ein neuerer Sammelbegriff für die Himmelsreligion der Steppenvölker. Burjatische Schamanen sprechen meist von böö mürgel, ihrem eigenen Glauben, in dem die Tengri eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle spielen.

Warum wurde der Schamanismus in der Sowjetunion verfolgt?

Die sowjetische Religionspolitik bekämpfte alle Religionen. Schamanen galten als Verbreiter von Aberglauben; viele wurden verhaftet oder isoliert, ihre Heilpraxis war verboten. Weitergegeben wurde der Glaube in dieser Zeit vor allem in den Familien.

Was bedeutet das Wort Burchan?

Burchan ist im Burjatischen und Mongolischen das Wort für Buddha und für eine Gottheit allgemein. Am Kap Burchan auf Olchon bezeichnet es den Herrn der Insel und zeigt, wie sich buddhistische und schamanische Vorstellungen überlagert haben.

Quellen: Smoljakowa 2016: Gegenwart des burjatischen Schamanismus, Colloquium heptaplomeres; Smoljakowa 2017: Geschichte der Erforschung des burjatischen Schamanismus; Schambalowa 2023: Rituelle Pferdepfosten Serge bei den Burjaten im 21. Jahrhundert, Gumanitarny wektor; Tjutrina 2008: Der Oboo-Kult der Burjaten von Aga; Naletowa 2012: Der schamanische Tailgan; ergänzend Wikipedia (ru): Бурятская мифология, Сэргэ, Обо, Рытый (мыс). Stand: Oktober 2026.

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