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Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Die Burjaten: Volk am Baikalsee

Mongolischsprachiges Volk zu beiden Seiten des Baikalsees

Bereich
Kultur & Geschichte
Stand
· 10 Min. Lesezeit
Weite Steppe im Frühherbst mit grasenden Pferden und einem kleinen Gehöft aus Holz in der Ferne
Abb. 1Viehzucht in der Steppe prägte die Lebensweise der Burjaten über Jahrhunderte. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Burjaten sind ein mongolischsprachiges Volk, dessen Siedlungsgebiet sich zu beiden Seiten des Baikalsees erstreckt. Bei der russischen Volkszählung 2021 bekannten sich 460.053 Menschen zu dieser Nationalität, knapp zwei Drittel davon in der Republik Burjatien. Weitere Gruppen leben in der Mongolei und in China. Ihre Sprache, das Burjatische, gehört zur mongolischen Sprachfamilie.

Wer sind die Burjaten?

Die Burjaten sind eines der mongolischen Völker und das einheimische Volk, das die Kulturlandschaft rund um den Baikalsee bis heute am stärksten prägt. Sie nennen sich selbst buryaad. Der Name wird bereits in der Geheimen Geschichte der Mongolen aus dem 13. Jahrhundert erwähnt. Russische Kosaken bezeichneten sie im 17. Jahrhundert als „bratskije ljudi“, wörtlich „Bruderleute“; die Bezeichnung geht wohl auf ein burjatisches Wort zurück, das russische Ohren als „Bruder“ verstanden, und lebt im Stadtnamen Bratsk an der Angara fort.

Ob die Burjaten als eigenes Volk oder als Teil der Mongolen gelten, hängt vom Staat ab. In Russland werden sie bei der Volkszählung als eigene Nationalität erfasst, in der Mongolei als eine der mongolischen Volksgruppen, in China werden sie zu den Mongolen gezählt. Die Mehrheit der Fachliteratur behandelt sie als eigene Ethnie mit enger Verwandtschaft zu den übrigen mongolischen Völkern.

Innerhalb des Volkes spielt die Herkunft eine große Rolle. Die größten Stammesgruppen sind die Chori, die Echiriten, die Bulagaten und die Chongodoren. Viele Burjaten kennen bis heute ihr Geschlecht und die Ahnenreihe dahinter. Echiriten und Bulagaten nennen den Stamm jasan, „Knochen“, die Chori dagegen esege, „Vater“. Daneben steht die ältere Einteilung in West- und Ostburjaten. Die Westburjaten leben in Cisbaikalien, also westlich des Sees an der Angara, im Gebiet Ust-Orda, im Tunka-Tal und auf Olchon. Die Ostburjaten, vor allem die Chori, leben in Transbaikalien östlich des Sees.

Die beiden Gruppen entwickelten sich unterschiedlich. Die Westburjaten kamen früher mit russischen Siedlern in Kontakt, gingen eher zum Ackerbau über und wurden stärker christlich missioniert, hielten aber am Schamanismus fest. Die Ostburjaten blieben länger Viehnomaden und wandten sich dem Buddhismus zu, der aus der Mongolei kam. Auch die Mundarten unterscheiden sich: Die Burjaten der Insel Olchon sprechen eine Mundart der echiritisch-bulagatischen Gruppe, die Schriftsprache beruht dagegen auf der Mundart der Chori.

Wie kamen die Burjaten unter russische Herrschaft?

Die Burjaten wurden im 17. Jahrhundert schrittweise Untertanen des Moskauer Staates, nachdem Kosakenabteilungen von Westen her an die Angara und an den Baikal vorgedrungen waren. Vorher gehörte das Land um den See zur mongolischen Welt; die Kriege zwischen Oiraten und Chalcha-Mongolen hatten die Stämme in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bereits geschwächt und verschoben.

Russische Berichte über die „Bruderleute“ setzen in den 1620er-Jahren ein. In den 1630er- und 1640er-Jahren entstanden befestigte Stützpunkte, die Ostrogi, von denen aus der Jassak eingetrieben wurde, eine Abgabe in Pelzen. 1643 erreichte eine Gruppe um Kurbat Iwanow den See und die Insel Olchon; Irkutsk entstand 1661, Udinskoje, das heutige Ulan-Ude, 1666. Die Unterwerfung verlief nicht friedlich. Es gab bewaffneten Widerstand, und ganze Gruppen wichen aus: 1658 zog fast die gesamte Bevölkerung, die dem Ostrog Balagansk tributpflichtig war, nach Übergriffen des Kosakenführers Iwan Pochabow in die Mongolei ab.

Festgeschrieben wurde die neue Ordnung durch zwei Grenzverträge mit dem chinesischen Kaiserreich der Qing: den Vertrag von Nertschinsk 1689 und den Vertrag von Kjachta 1727. Sie trennten die Burjaten nördlich der Grenze von den Mongolen im Süden. Russland versuchte in der Folge, auch die religiösen Bindungen über die Grenze hinweg zu kappen, und ließ ausländische Lamas nicht mehr einreisen. Im 18. Jahrhundert stellten Burjaten Kosakenregimenter für die Grenzwache an der Selenga. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten die burjatischen Gemeinschaften eine eigene, von der Kolonialverwaltung beaufsichtigte Selbstverwaltung mit Steppendumas, die Anfang des 20. Jahrhunderts wieder abgeschafft wurde.

Was veränderte das 20. Jahrhundert?

Das 20. Jahrhundert brachte den Burjaten erstmals eine eigene Republik, zugleich aber tiefe Brüche durch Kollektivierung, religiöse Verfolgung und politische Repression. Nach der Februarrevolution 1917 bildete die burjatische Nationalbewegung eigene Organe. 1921 und 1922 entstanden zwei burjatisch-mongolische Autonome Gebiete, eines in der Fernöstlichen Republik, eines in Sowjetrussland. Am 30. Mai 1923 wurden sie zur Burjat-Mongolischen ASSR mit der Hauptstadt Werchneudinsk vereinigt.

JahrEreignis
1689Vertrag von Nertschinsk
1727Vertrag von Kjachta, Grenze zum Qing-Reich
1923Burjat-Mongolische ASSR
1937Abtrennung der Bezirke Ust-Orda und Aga, Olchon zur Oblast Irkutsk
1937–1938Repression im erfundenen „panmongolischen“ Verfahren
1958Umbenennung in Burjatische ASSR
1992Republik Burjatien
2008Ust-Orda und Aga gehen in der Oblast Irkutsk und der Region Transbaikalien auf

Mit der Kollektivierung ab 1929 wurden viele Viehzüchter in Kolchosen zusammengefasst und sesshaft gemacht. Parallel lief eine antireligiöse Kampagne, die bis Ende der 1930er-Jahre zur Schließung aller buddhistischen Klöster führte. 1937 und 1938 verhaftete der Geheimdienst NKWD zahlreiche Funktionäre, Lehrer, Gelehrte und Geistliche unter dem Vorwurf, einer „konterrevolutionären panmongolischen Organisation“ anzugehören; als deren Kopf wurde der Erste Parteisekretär der Republik, Michei Jerbanow, beschuldigt. Untersuchungen von 1940 und 1956 ergaben, dass es diese Organisation nie gegeben hatte und die Akten durch erzwungene Geständnisse fabriziert worden waren.

Am 26. September 1937 wurde zudem das Gebiet der Republik verkleinert. Die Bezirke um Ust-Orda westlich und um Aga östlich des Sees wurden als eigene burjatische Nationalbezirke den Nachbarregionen zugeschlagen, Olchon und weitere Gebiete mit burjatischer Bevölkerung ganz abgetrennt. 1958 fiel der Zusatz „Mongolisch“ aus dem Namen der Republik, 1992 erhielt sie ihren heutigen Namen. Wie die Republik heute verwaltet wird und welche Landschaften sie umfasst, beschreibt die Seite über die Republik Burjatien.

Wo leben die Burjaten heute?

Die meisten Burjaten leben in Russland, und dort vor allem in der Republik Burjatien, in der knapp zwei Drittel aller russischen Burjaten wohnen. Die übrigen verteilen sich auf die Oblast Irkutsk mit dem früheren Bezirk Ust-Orda und auf die Region Transbaikalien mit dem früheren Bezirk Aga. Außerhalb Russlands sind die Mongolei und der Nordosten Chinas die wichtigsten Siedlungsgebiete.

GebietBurjatenErhebung
Republik Burjatien295.273Zensus Russland 2021
Oblast Irkutsk, davon Bezirk Ust-Orda rund 50.50074.746Zensus Russland 2021
Region Transbaikalien, vor allem Bezirk Aga65.590Zensus Russland 2021
Republik Sacha (Jakutien)6.572Zensus Russland 2021
Russland insgesamt460.053Zensus Russland 2021
Mongolei43.661Zensus Mongolei 2020
China (Hulun Buir, Innere Mongolei)einige Tausend (Schätzung)im Zensus als Mongolen gezählt

In der Republik Burjatien stellen die Burjaten nach dem Zensus 2021 rund 30 Prozent der Bevölkerung, unter den Einwohnern mit Angabe zur Nationalität rund 32,5 Prozent. Gut die Hälfte von ihnen lebt in Städten, vor allem in Ulan-Ude, das allein knapp 134.000 Burjaten zählt. In der Oblast Irkutsk wohnen die Burjaten dagegen zu rund vier Fünfteln auf dem Land. In der Mongolei verteilen sie sich nach dem Zensus 2020 vor allem auf die Provinz Dornod im Osten mit 38,7 Prozent, auf Ulaanbaatar mit 37,5 Prozent und auf die Provinz Chentii mit 12,6 Prozent. Viele mongolische und chinesische Burjaten stammen von Familien ab, die in den Jahren nach 1917 aus Transbaikalien abwanderten.

Karte der Siedlungsgebiete der Burjaten in Russland, der Mongolei und China mit Bevölkerungszahlen
Abb. 2Wo Burjaten heute leben. Datengrafik nach Natural Earth und Zensusangaben

Die Zahl der Burjaten in Russland hat sich im 20. Jahrhundert fast verdoppelt, ist zuletzt aber kaum noch gewachsen. Die Volkszählung von 1897 verzeichnete rund 289.000 Menschen mit burjatischer Muttersprache. Die sowjetischen Zählungen ergaben 237.501 Burjaten im Jahr 1926 und nur 224.719 im Jahr 1939, danach stieg die Zahl auf 421.380 im Jahr 1989. In Russland wurden 2002 rund 445.000, 2010 rund 461.000 und 2021 rund 460.000 Burjaten gezählt.

Wie lebten die Burjaten, und wie leben sie heute?

Grundlage der traditionellen Wirtschaft war die Viehzucht mit fünf Tierarten: Rinder, Schafe, Ziegen, Kamele und Pferde. Jagd und Fischfang ergänzten sie, am See auch der Fang des Omuls. Aus Milch, Fleisch, Häuten, Wolle und Sehnen entstanden Nahrung, Kleidung, Filz und Geräte. Burjatische Schmiede waren für Eisenarbeiten mit Silbereinlagen bekannt, die in Russland als „bratskaja rabota“, „Bruderarbeit“, gehandelt wurden. Im 18. und 19. Jahrhundert breitete sich der Ackerbau aus, zuerst bei den Westburjaten.

Gewohnt wurde in der Jurte. Neben der zerlegbaren Filzjurte gab es feste Holzjurten, sechs- oder achteckige Blockbauten ohne Fenster mit einer Öffnung im Dach für Rauch und Licht. Die Tür zeigte nach Süden, die westliche Hälfte galt als Bereich der Männer, die östliche als Bereich der Frauen, gegenüber dem Eingang standen Bilder und Figuren der Götter. Vor der Jurte stand der Serge, ein Pfosten zum Anbinden der Pferde, der zugleich religiöse Bedeutung hatte. Seit dem 19. Jahrhundert bauten wohlhabende Familien zunehmend Blockhäuser nach dem Vorbild russischer Siedler.

Achteckiges Blockhaus mit flachem achteckigem Dach und Holztür in der Steppe
Abb. 3Das achteckige Holzhaus übertrug die Form der Jurte in die Blockbauweise. Symbolbild

Heute leben die Burjaten so unterschiedlich wie andere Bürger Russlands. In den Dörfern, besonders in Transbaikalien, spielt die Viehzucht weiterhin eine Rolle, viele junge Menschen ziehen aber in die Städte. Ulan-Ude ist das Zentrum des burjatischen Theaters, der Hochschulen, der Wissenschaft und der Medien in burjatischer Sprache. Zwei Feste verbinden Stadt und Land. Sagaalgan, der „Weiße Monat“, ist das Neujahrsfest nach dem Mondkalender im Winter. Im Sommer finden die Spiele Surcharban statt, auch Naadan genannt, mit den „drei Spielen der Männer“: Bogenschießen, Pferderennen und Ringen.

Welchen Glauben haben die Burjaten?

Die Burjaten folgen überwiegend dem Buddhismus, dem Schamanismus oder beidem zugleich. Der ältere Glaube ist der Schamanismus, den die Gläubigen selbst als böö mürgel bezeichnen. Er verehrt den Himmel, die Geister der Orte und die Ahnen und ist westlich des Sees bis heute stärker verwurzelt. Was ihn ausmacht und welche Orte am See als heilig gelten, beschreibt die Seite über den Schamanismus am Baikalsee.

Der tibetische Buddhismus der Gelug-Schule kam im 17. Jahrhundert aus der Mongolei zu den Burjaten östlich des Sees und wurde dort im 18. und 19. Jahrhundert zur prägenden Religion, mit eigenen Klöstern, Schulen und Druckereien. Seine Geschichte, die Zerstörung der Klöster in den 1930er-Jahren und die Wiederbelebung seit 1990 behandelt die Seite über den Buddhismus in Burjatien. Das Christentum kam mit den russischen Siedlern; die Eparchie Irkutsk betrieb seit 1727 Mission, die vor allem bei den Westburjaten Erfolg hatte. In vielen Familien stehen die Traditionen nebeneinander.

Wird Burjatisch noch gesprochen?

Ja, aber von immer weniger Menschen im Alltag. Bei der Volkszählung 2021 gaben in Russland 306.857 Menschen an, Burjatisch zu sprechen, darunter 290.378 Burjaten. Das sind knapp zwei Drittel der Burjaten, die eine Angabe zu ihren Sprachkenntnissen machten. Als Muttersprache nannten 392.979 Menschen das Burjatische, also mehr, als es tatsächlich sprechen. Die Zahl zeigt, dass die Sprache für viele zur Herkunft gehört, auch wenn im Alltag Russisch überwiegt.

Die Schrift hat mehrfach gewechselt. Bis in die 1930er-Jahre schrieben die Burjaten in der altmongolischen Schrift; 1905 entwarf der buddhistische Gelehrte Agwan Dorschijew eine eigene Variante, die sich nicht durchsetzte. Im Januar 1931 wurde offiziell ein lateinisches Alphabet eingeführt, 1939 folgte die kyrillische Schrift mit den drei Zusatzbuchstaben Ү, Ө und Һ. Grundlage der Schriftsprache ist seit einer Sprachkonferenz in Ulan-Ude 1936 die Mundart der Chori.

In der Republik Burjatien ist Burjatisch neben dem Russischen Staatssprache. Unterricht in burjatischer Sprache als Hauptsprache gibt es nicht, Burjatisch wird als Fach gelehrt; Anfang 2020 boten nach Angaben der Republik 448 von 472 Schulen diesen Unterricht an. 2019 beschloss Burjatien eine Strategie zur Förderung der Sprache bis 2030. Die UNESCO führt Burjatisch als gefährdete Sprache.

Häufige Fragen zu den Burjaten

Sind die Burjaten Mongolen?

Sie gehören zu den mongolischen Völkern und sprechen eine mongolische Sprache. In Russland gelten sie als eigene Nationalität, in der Mongolei als mongolische Volksgruppe; die Fachliteratur behandelt sie überwiegend als eigenständige, eng verwandte Ethnie.

Wie viele Burjaten gibt es weltweit?

Gezählt sind 460.053 in Russland (2021) und 43.661 in der Mongolei (2020). In China werden Burjaten nicht gesondert erfasst; Schätzungen gehen von einigen Tausend aus. Gesamtangaben von 550.000 und mehr beruhen auf Schätzungen, die verwandte Gruppen wie die Bargu einschließen.

Was ist Sagaalgan?

Sagaalgan, der „Weiße Monat“, ist das burjatische und mongolische Neujahrsfest nach dem Mondkalender. Es fällt meist in den Februar und wird in Familien, in buddhistischen Klöstern und auch von Anhängern des Schamanismus begangen.

Leben auf der Insel Olchon Burjaten?

Ja. Die Bewohner der Insel sind überwiegend Burjaten und Russen. Für die Burjaten ist Olchon einer der wichtigsten heiligen Orte am See; die Insel gehört seit 1937 nicht mehr zur Republik Burjatien, sondern zur Oblast Irkutsk.

Was bedeutet der Name Bratsk?

Der Name der Stadt an der Angara geht auf die russische Bezeichnung „bratskije ljudi“ für die Burjaten im 17. Jahrhundert zurück. Ein dort errichteter Ostrog wurde nach ihnen benannt, später übertrug sich der Name auf die Stadt.

Quellen: Rosstat: Volkszählung 2021, Band 5, Tabelle 1 – Nationalitäten nach Regionen (Archivkopie); Rosstat: Volkszählung 2021, Band 5, Tabelle 5 – Sprachkenntnisse (Archivkopie); National Statistics Office of Mongolia: 2020 Population and Housing Census, National Report; Tregubova 2017: Burjaten in subethnischer Dimension, Nowyje issledowanija Tuwy; Zyschipow 2017: Repressionen in Burjatien, fabrizierte NKWD-Akten der 1930er-Jahre; ergänzend Wikipedia (ru): Буряты und Бурятский язык. Stand: Oktober 2026.

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