In Burjatien wird der tibetische Buddhismus der Gelug-Schule praktiziert. Er kam im 17. Jahrhundert aus der Mongolei und aus Tibet zu den Burjaten östlich des Baikalsees und wurde 1741 vom russischen Staat anerkannt. In den 1930er-Jahren wurden alle Klöster geschlossen; seit 1945 und verstärkt seit 1990 lebt die Lehre in den Datsanen wieder auf.
Welche Form des Buddhismus ist in Burjatien verbreitet?
Die Burjaten folgen dem tibetischen Buddhismus der Gelug-Schule, die im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert in Tibet entstand. Es ist die nördlichste Ausprägung dieser Tradition. Ihr Gründer Tsongkhapa, burjatisch Zonchobo, wird in den Klöstern neben dem Buddha Shakyamuni verehrt. Die Liturgie wird überwiegend auf Tibetisch gelesen, die heiligen Schriften sind die beiden großen tibetischen Sammlungen, der Kanjur mit 108 und der Tanjur mit 225 Bänden.
In der Lehre, der Philosophie und der Ethik unterscheidet sich der burjatische Buddhismus kaum vom Buddhismus Tibets und der Mongolei. Eigenständig ist er vor allem in den Riten. Die Klöster nahmen ältere Bräuche der Burjaten auf, etwa die Verehrung der Herren von Bergen, Flüssen und Bäumen und den Kult am Oboo, dem Steinhaufen auf Pässen und Gipfeln. Auch Ewenken in Burjatien bekennen sich zum Buddhismus.
Wie kam der Buddhismus zu den Burjaten?
Der Buddhismus erreichte die Burjaten Transbaikaliens zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus der Mongolei. Zuerst verbreitete er sich bei Gruppen, die kurz zuvor aus dem mongolischen Chalcha zugewandert waren, und gegen Ende des 17. Jahrhunderts im ganzen Land östlich des Sees. Russische Kundschafter berichteten schon in dieser Zeit von Filztempeln und Lamas bei den Burjaten. Eine zweite Linie kam direkt aus Tibet: 1694 traf der tibetische Lama Agwan Puntsuk in Transbaikalien ein und wurde Vorsteher des Zongol-Datsans, des ersten burjatischen Klosters.
Mit dem Vertrag von Kjachta 1727 wurde die Grenze zum Qing-Reich festgelegt, und Russland wollte den Einfluss der Lamas aus der Mongolei unterbinden. Eine Anweisung an die Grenzwachen von 1728 verbot, ausländische Lamas in die burjatischen Siedlungen zu lassen. Stattdessen ordnete der Staat die Geistlichkeit im eigenen Land: 1741 wurden in Transbaikalien 150 Lamas aus elf damals noch wandernden Datsanen auf den russischen Staat vereidigt. Dieses Jahr gilt als Beginn der staatlichen Anerkennung des Buddhismus in Russland. 1764 erhielt Damba-Darscha Sajajew den Titel des Pandito Chambo-Lama, des obersten Lamas der Burjaten; 1809 ging der Sitz an den Datsan am Gänsesee über, den Tamtscha- oder Gussinoosjorski-Datsan.
| Jahr | Datsane | Lamas |
|---|---|---|
| 1741 | 11 (wandernd) | 150 vereidigt |
| 1796 | 16 | rund 700 |
| Mitte 19. Jh. | 34 | rund 5.500 |
| 1853 (Statut) | 34 zugelassen | 285 im Stellenplan |
| 1914–1917 | 47–48 | über 10.000 bis rund 16.000 |
| 1921 | 44 tätig | keine gesicherte Zahl |
| um 1940 | 0 | keine zugelassen |
Die Tabelle zeigt, wie stark die Gemeinschaft im 19. Jahrhundert wuchs, obwohl der Staat die Zahl der offiziell zugelassenen Lamas begrenzte. Das Statut von 1853 erkannte 34 Datsane und nur 285 Lamas mit Land und Unterhalt an; tatsächlich lebten an den Klöstern weit mehr Mönche und Schüler. Im späten 19. Jahrhundert drang der Buddhismus auch nach Cisbaikalien westlich des Sees vor, wo er auf den Widerstand von Schamanen und orthodoxen Missionaren stieß.
Was waren die Datsane, und was lehrten sie?
Ein Datsan ist mehr als ein Tempel: ein Klosterkomplex mit mehreren Tempeln, den Dugans, mit Wohnhäusern der Lamas und mit Schulen, die nach tibetischem Vorbild als Fakultäten organisiert waren. Für viele Burjaten war der Datsan zugleich Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens, Ort der Feste und Anlaufstelle für Heilung und Rat.
Im 19. Jahrhundert bauten die Klöster eine eigene Gelehrsamkeit auf. 1861 eröffnete am Tamtscha-Datsan eine philosophische Schule, die Zanid, die den Lehrplänen Tibets und der Mongolei entsprach und die Burjaten von ausländischen Lehrern unabhängiger machte. 1869 begann am Zugol-Datsan das Studium der tibetischen Medizin, 1878 entstand am Aginski-Datsan eine Schule für die Lehre des Kalachakra, zu der Astronomie und Kalenderkunde gehören. 29 Datsane besaßen Druckereien, die mit Holztafeln Texte auf Tibetisch und Mongolisch druckten; bekannt sind heute rund 1.200 solcher Ausgaben. Wie groß der Anteil der Klöster an der Heilkunde war, zeigt eine Zahl aus der Sowjetzeit: In den 1920er-Jahren arbeiteten an 44 Datsanen 440 Lama-Ärzte, zehn Jahre später waren es 64.
Aus dieser Schule kamen auch Gelehrte, die über Burjatien hinaus wirkten. Der 1853 geborene Agwan Dorschijew studierte in Tibet, wurde Lehrer und Vertrauter des 13. Dalai Lama und gründete in Sankt Petersburg einen buddhistischen Tempel.
Was geschah mit den Klöstern in der Sowjetzeit?
Die buddhistische Gemeinschaft Burjatiens wurde zwischen Mitte der 1920er- und Ende der 1930er-Jahre zerschlagen. Zunächst hatte eine Reformbewegung unter den Lamas versucht, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren. Seit 1925 galt in Burjatien die Trennung von Kirche und Staat, 1926 wurde das Eigentum der Datsane verstaatlicht, die religiösen Schulen wurden geschlossen. Mit der Kollektivierung verloren die Klöster 1929 ihr Land, und die Steuern für Lamas stiegen von 35 bis 50 Rubel im Jahr 1929 auf 700 bis 2.000 Rubel Anfang 1930. Im Januar und Februar 1930 lief ein eigener „antireligiöser Monat“. Allein im Bezirk Tunka sank die Zahl der Lamas von 446 auf 18.
In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre folgten Verhaftungen und Erschießungen. Bis November 1938 wurden nach einer Angabe mehr als 1.800, nach anderen Angaben mehr als 15.000 Angehörige der buddhistischen Geistlichkeit verhaftet; eine gesicherte Zahl gibt es nicht. Der Tamtscha-Datsan wurde am 13. Januar 1938 geschlossen und diente danach als Gefängnis. Gebäude wurden abgerissen, Bildwerke zerstört oder in Museen gebracht. Von rund 35.000 Bänden der Klosterbibliotheken blieben etwa 1.700 erhalten. Agwan Dorschijew wurde im November 1937 verhaftet und starb in einem Irkutsker Gefängniskrankenhaus. Um 1940 gab es in Burjatien kein geöffnetes Gotteshaus mehr.

Wie wurde der Buddhismus nach 1945 neu aufgebaut?
Der Neubeginn kam am Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Staat den Religionsgemeinschaften wieder begrenzten Raum ließ. Im Juni 1944 riefen frühere Mitglieder der buddhistischen Leitung um den Lama Chaidap Galsanow die Gläubigen zur Unterstützung der Armee auf; Lamas spendeten während des Krieges rund eine halbe Million Rubel. Im Mai 1945 genehmigte die Regierung der Republik einen Tempel im Tal der Iwolga, im Dezember 1945 fand dort der erste Gottesdienst statt. Daraus entstand der Iwolginski-Datsan, 1946 wurde auch der Aginski-Datsan in Transbaikalien wieder geöffnet. Eine Versammlung von Lamas und Laien beschloss 1946 ein Statut der buddhistischen Geistlichkeit in der UdSSR mit acht Abschnitten und 29 Artikeln, das die Tätigkeit auf Gottesdienste beschränkte.
Bis zum Ende der Sowjetunion blieben diese beiden Datsane die einzigen zugelassenen Klöster. Die Wende kam Ende der 1980er-Jahre. 1990 nahmen der Tamtscha-Datsan und der Zugol-Datsan den Betrieb wieder auf, 1991 waren in Burjatien zwölf Datsane tätig, und am Iwolginski-Datsan eröffnete eine buddhistische Hochschule. Zu Beginn der 2000er-Jahre unterstanden der Traditionellen Buddhistischen Sangha Russlands 26 Datsane. Daneben bestehen kleinere buddhistische Gemeinschaften, die sich von ihr gelöst haben. In der Hauptstadt Ulan-Ude liegen weitere Klöster, darunter ein Datsan für Nonnen und der neuere Datsan Rinpoche Bagscha auf einem Hügel über der Stadt.
Wie sieht die religiöse Praxis aus?
Zur täglichen Praxis der Laien gehört die Umrundung von Tempeln und Stupas im Uhrzeigersinn. Dabei drehen viele Gläubige die Gebetsmühlen, hölzerne oder metallene Zylinder mit eingelegten Gebeten, die an den Wegen um die Tempel stehen. Lamas werden um Gebete für Familie und Verstorbene gebeten, um astrologischen Rat für Hochzeiten, Reisen oder den Hausbau und um Behandlung nach der tibetischen Medizin.

Im Jahreslauf feiern die Datsane sechs große Gottesdienste, die Churale: Sagaalgan, das Neujahrsfest; Duinchor, das Fest des Kalachakra; die Feier von Geburt, Erleuchtung und Tod des Buddha; das Maidari-Fest zu Ehren des künftigen Buddha Maitreya, bei dem seine Figur in einem Umzug um das Kloster geführt wird; das Fest des Herabstiegs des Buddha aus dem Himmel und Zula, den Gedenktag Tsongkhapas. Zu einigen Festen führen Lamas den Tsam auf, einen Maskentanz.
Der Buddhismus prägt Burjatien heute stärker als in jeder Zeit seit den 1930er-Jahren, steht aber nicht allein. Viele Familien besuchen den Datsan und halten zugleich Bräuche des älteren Glaubens; Sagaalgan wird in beiden Traditionen gefeiert. Wie dieses Nebeneinander aussieht, beschreibt die Seite über den Schamanismus der Burjaten. Die Rolle des Glaubens im Selbstverständnis des Volkes behandelt die Seite über die Burjaten.
Häufige Fragen zum Buddhismus in Burjatien
Seit wann ist der Buddhismus in Russland anerkannt?
Als Datum gilt 1741. In diesem Jahr wurden unter Zarin Elisabeth 150 Lamas aus elf Datsanen in Transbaikalien vereidigt und damit vom Staat anerkannt. 1991 feierten die Buddhisten Burjatiens das 250-jährige Jubiläum dieser Anerkennung.
Wie viele Datsane gibt es heute?
Zu Beginn der 2000er-Jahre unterstanden der Traditionellen Buddhistischen Sangha Russlands 26 Datsane in Burjatien, der Region Transbaikalien und der Oblast Irkutsk. Hinzu kommen Tempel anderer buddhistischer Gemeinschaften. Vor 1917 waren es je nach Zählung 44 bis 48.
Welche Rolle spielt der Dalai Lama für die Burjaten?
Der Dalai Lama ist für die Gelug-Schule die höchste geistliche Autorität. Burjatische Lamas studierten seit dem 19. Jahrhundert in Tibet, und Agwan Dorschijew war ein enger Vertrauter des 13. Dalai Lama. Die burjatische Sangha ist organisatorisch aber selbstständig.
Was ist eine Gebetsmühle?
Eine Gebetsmühle ist ein drehbarer Zylinder, in dem Papierrollen mit Gebeten und Mantras liegen. Nach buddhistischer Vorstellung wirkt jede Umdrehung wie das Sprechen der Gebete. Sie stehen in Reihen an den Wegen um die Tempel.
Quellen: Schitenew 2011: Buddhismus in Russland – Meilensteine der Geschichte, Westnik Wolschskogo uniwersiteta; Sandanowa, Palamartschuk 2016: Der Kampf gegen den Lamaismus in Ostsibirien in den 1930er-Jahren; Dorschijew 2017: Verfolgung der buddhistischen Geistlichkeit zu Beginn der Kollektivierung, Manuskript; Abajewa 2019: Geistliche und Laien beim Wiederaufbau der Klöster nach dem Krieg, Wlast; Schukowskaja 2012: Buddhistische Kultur an den Rändern des Russischen Reiches, Oriental Studies; ergänzend Wikipedia (ru): Буддизм в Бурятии, Гусиноозёрский дацан, Агинский дацан. Stand: Oktober 2026.
