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Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Altgläubige (Semejskije) in Transbaikalien

Wie Altgläubige aus Polen-Litauen in die Steppentäler östlich des Baikals kamen

Bereich
Kultur & Geschichte
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· 11 Min. Lesezeit
Hellblau gestrichenes Holzhaus mit bunt bemalten Fensterläden, geschnitztem Giebel, Holzzaun und Sonnenblumen
Abb. 1Bunt bemalte Häuser kennzeichnen die Dörfer der Semejskije. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Semejskije sind Nachfahren russischer Altgläubiger, die unter Katharina II. ab 1765 aus der Gegend um Wetka im damaligen Polen-Litauen nach Transbaikalien umgesiedelt wurden. Ihre Dörfer liegen vor allem südlich von Ulan-Ude in Burjatien. Ihr Kulturraum und ihre mündliche Kultur wurden 2001 von der UNESCO ausgezeichnet und 2008 in die Liste des immateriellen Erbes aufgenommen.

Wer sind die Altgläubigen, und warum spalteten sie sich ab?

Altgläubige sind orthodoxe Christen, die die Kirchenreform des Moskauer Patriarchen Nikon aus den 1650er-Jahren nicht annahmen. Nikon ließ ab 1653 die liturgischen Bücher nach zeitgenössischen griechischen Vorlagen korrigieren und die Riten angleichen: Statt mit zwei Fingern sollten sich die Gläubigen mit drei Fingern bekreuzigen, Gebetstexte und Gesänge wurden verändert, tiefe Verbeugungen bis zum Boden durch Verbeugungen bis zur Hüfte ersetzt. Zar Alexei Michailowitsch unterstützte die Reform. Ein großer Teil der Geistlichen und der Gläubigen sah darin einen Bruch mit dem überlieferten Glauben und hielt an den alten Riten fest.

Die Kirchenspaltung, russisch Raskol, wurde durch die Konzile von 1666 und 1667 besiegelt, die die alten Riten verwarfen. Wer an ihnen festhielt, galt als Raskolnik, als Abtrünniger, und wurde verfolgt. Viele Altgläubige wichen an die Ränder des Reiches oder über die Grenzen aus. Eines der wichtigsten Ziele war das Grenzland Polens und Litauens im Polesje: In Wetka, heute eine Kleinstadt im Gebiet Gomel in Belarus, und im benachbarten Starodub, heute im Gebiet Tschernihiw in der Ukraine, entstanden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts große altgläubige Siedlungen.

Die Siedler stammten aus vielen Teilen Russlands. Archivstudien, die die Ethnologen Larissa Abolina und Roman Fjodorow zusammenfassen, nennen vor allem die Provinzen Tula, Kaluga, Jaroslawl, Uglitsch, Belgorod und Nischni Nowgorod. In den Jahrzehnten an der Grenze nahmen sie Wörter, Bräuche und Bautechniken ihrer belarussischen und ukrainischen Nachbarn auf. Diese Spuren sind bis heute in der Mundart, in Festspeisen und im Hausbau der Semejskije zu erkennen.

Wie kamen die Altgläubigen nach Transbaikalien?

Durch staatliche Umsiedlung, teils unter Zwang, teils mit Versprechen. Schon 1735 ließ die russische Regierung Wetka ein erstes Mal räumen. Unter Katharina II. folgte 1764 ein zweiter Zug: Truppen unter General Maslow umstellten die Siedlungen und führten ihre Bewohner nach Russland zurück. Ein Teil von ihnen wurde nach Sibirien geschickt, wo der Staat Bauern brauchte. In den Jahren zuvor hatten sich die Beziehungen zum chinesischen Qing-Reich verschlechtert, und der Kommandant von Selenginsk, Warfolomei Jakobi, plante, die Grenztruppen in Transbaikalien stark zu vergrößern. Die neuen Regimenter sollten von Ackerbauern in ihrer Nähe versorgt werden.

Wie viele Menschen betroffen waren, lässt sich nur als Spanne angeben. Ein von Nikolai Pokrowski veröffentlichter Bericht aus dem Staatsarchiv alter Akten verzeichnet, dass aus Kaluga in mehreren Gruppen 10.917 Menschen nach Sibirien abgingen. Bis Tobolsk starben oder flohen 2.690 von ihnen. 3.955 kamen mit ihren Familien zu den neu aufgestellten Regimentern von Tomsk und Selenginsk, 2.949, die nicht dienstfähig waren, wurden im Bezirk Selenginsk angesiedelt. Andere Darstellungen nennen für die Räumung von Wetka bis zu 20.000 oder fast 35.000 Menschen; sie beziehen sich auf die Gesamtzahl der Vertriebenen, nicht nur auf die Transbaikalien-Gruppen.

Für die Ansiedlung richtete die Verwaltung 1766 in Selenginsk ein eigenes Kontor für Ackerbau und Ansiedlung ein. Der Historiker Firs Bolonew, selbst aus dem Semejskije-Dorf Bolschoi Kunalei, fand im Nationalarchiv Burjatiens die Beichtlisten der Kirche von Tarbagatai. Darin steht für 1765 erstmals der Vermerk „Neuangesiedelte aus Polen mit ihren Familien“. Die Hauptgruppen kamen nach seinen Funden 1767, die letzte Gruppe 1795.

Ort (1765)MännerFrauenzusammen
Sloboda Tarbagatai5057107
Kuitun205192397
Kunalei100105205
Desjatnikowo353166
Burnaschewo222749
Summe412412824

Die Zahlen stammen aus den Beichtlisten von 1765, die Bolonew ausgezählt hat; die offiziellen Meldungen der Verwaltung weichen in einzelnen Dörfern davon ab. Den Namen erhielten die Neuankömmlinge von den Alteingesessenen: Anders als die einzeln verbannten Sträflinge kamen sie „semjami“, mit ganzen Familien und ihrem Hausrat. Anfangs hießen sie auch „Poljaki“, die Polen, weil sie aus Polen kamen.

Dorfstraße mit Holzhäusern und Zäunen in einem Steppental im Herbst
Abb. 2Eine Dorfstraße in Transbaikalien. Symbolbild

Wo liegen die Dörfer der Semejskije, und wovon lebten sie?

Die meisten Semejskije-Dörfer liegen in den Steppen- und Waldsteppentälern südlich und südöstlich von Ulan-Ude, im Einzugsgebiet der Selenga, des größten Zuflusses des Baikalsees. Zu den Kerngebieten zählen die heutigen Bezirke Tarbagatai, Muchorschibir und Bitschura in der Republik Burjatien, dazu Teile weiterer Bezirke und in der Region Transbaikalien die Bezirke Krasny Tschikoi, Petrowsk-Sabaikalski und Uljoty. Später gründeten Semejskije auch Dörfer am Amur.

Tarbagatai, das bekannteste dieser Dörfer, liegt am Kuitunka-Bach, einem Zufluss der Selenga, rund 40 Kilometer Luftlinie südlich von Ulan-Ude. Der Ort bestand schon vor der Ankunft der Altgläubigen; sein Name ist mongolisch-burjatisch und bedeutet „Ort, an dem es Murmeltiere gibt“. Weil die Familien viele Kinder hatten, wuchsen die Dörfer schnell. Viele bestehen aus einer einzigen, mehrere Kilometer langen Straße mit schmalen, tiefen Grundstücken.

Die Siedler brachten eine entwickelte Ackerbaukultur mit. Sie bauten Roggen, Weizen, Gerste, Buchweizen, Hafer, Kartoffeln, Gemüse und Hanf an, das Vieh spielte eine Nebenrolle. Im 19. Jahrhundert galt der Bezirk Werchneudinsk, zu dem ihre Dörfer gehörten, als der landwirtschaftlich am weitesten entwickelte in Transbaikalien. Mit dem Goldbergbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten viele Semejskije zusätzlich auf den Goldfeldern. Schon der Naturforscher Peter Simon Pallas beschrieb ihre Dörfer 1772. Durch ihre Siedlungen zogen 1830 auch die verbannten Offiziere, die auf der Seite über die Dekabristen in Irkutsk und Transbaikalien vorgestellt werden; einer von ihnen, Andrei Rosen, hielt in seinen Erinnerungen den Wohlstand und die Ordnung der Dörfer fest.

Woran erkennt man ein Haus der Semejskije?

An der kräftigen Farbe, den bemalten Toren und Fensterläden und an der Anlage des Hofes. Abolina und Fjodorow haben bei Feldforschungen von 2014 bis 2016 in den Bezirken Tarbagatai und Muchorschibir sowie im Bezirk Krasny Tschikoi die Höfe untersucht. Ein traditionelles Anwesen hatte einen vorderen Hof mit Wohnhaus, kleiner Winterhütte, Speichern, Keller und oft der Badestube, dahinter einen Viehhof mit Ställen und Scheunen, dann den Gemüsegarten. In Bolschoi Kunalei standen alle Gebäude an einer, meist der westlichen Grundstücksgrenze; an der Grenze zum Nachbarn durfte nicht gebaut werden.

Das Wohnhaus bestand im 20. Jahrhundert meist aus zwei Stuben: der Winterstube zur Straße und der Sommerstube zum Hof, verbunden durch einen Flur. In manchen Dörfern des Bezirks Krasny Tschikoi kehrten die Häuser der Straße die fensterlose Längsseite zu; Fenster zur Straße wurden dort erst in den 1970er-Jahren üblich. Die Forscher halten es für möglich, dass diese Abgeschlossenheit auf die lange Verfolgung zurückgeht.

Holzfensterläden mit gemalten Blumenornamenten in Rot, Gelb und Grün auf blauem Grund
Abb. 3Blumenmalerei auf Fensterläden. Symbolbild

Berühmt sind die Farben. Tore und Fensterläden waren reich verziert, Fenster, Türen und Sockelleisten mit Ölfarbe gestrichen, Wände, Decken und Zwischenwände im Inneren mit großen, stilisierten Blumen bemalt. Das russische Kulturportal beschreibt Tore, auf denen fantastische Blüten und Pfauen prangen, und sieht darin eine Verbindung von nordrussischer Schnitzerei, ukrainischer Malerei und Einflüssen aus der burjatischen Umgebung. In sowjetischer Zeit wurde es üblich, die ganzen Häuser außen in kräftigen Farben zu streichen, am häufigsten in einem Rotorange, das die Bewohner „scharkoi“ nennen, „heiß“. Die Häuser wurden zweimal im Jahr auch außen gewaschen, zum Fest Mariä Schutz und Fürbitte im Herbst und ab Mariä Verkündigung im Frühjahr.

Was macht Gesang, Sprache und Tracht der Semejskije aus?

Vor allem der mehrstimmige Gesang. Die UNESCO hebt in ihrer Beschreibung die Chöre hervor, die bei Familienfesten und öffentlichen Feiern traditionelle Lieder singen, und den gedehnten, getragenen Gesangsstil, der in der liturgischen Musik des russischen Mittelalters wurzelt. In den Gottesdiensten bewahrten die Altgläubigen den Snamenny-Gesang, eine einstimmige Kirchenmusik, die mit eigenen Notenzeichen, den „Haken“, aufgeschrieben wird. Im weltlichen Lied dagegen gilt Mehrstimmigkeit als selbstverständlich: Ein Lied der Semejskije allein zu singen, ist nach Darstellung von Kennern kaum denkbar, es braucht mindestens zwei Stimmen.

Die Lieder reichen von Hochzeits- und Rekrutenliedern über Reigen bis zu geistlichen Versen und Totenklagen. Erste musikalische Studien legten Pawel Rowinski 1873 und Nikolai Protassow 1926 vor. Heute gibt es in fast jedem größeren Dorf einen Volkschor oder ein Folkloreensemble; der Chor von Bolschoi Kunalei besteht seit 1927.

Die Mundart der Semejskije ist nach UNESCO-Angaben ein südrussischer Dialekt mit Lehnwörtern aus dem Belarussischen, dem Ukrainischen und dem Burjatischen. Abolina und Fjodorow fanden noch 2014 Wendungen, in denen weibliche oder sächliche Wörter nach belarussischem Muster männlich gebraucht werden. Die Frauentracht besteht aus einem geraden Sarafan aus sechs Bahnen, der Kitschka als Kopfbedeckung verheirateter Frauen, einem Stirnband aus Perlen und Bernsteinketten, in leuchtenden Stoffen. Manche Teile übernahmen die Semejskije erst in Sibirien von den alteingesessenen Russen und von den Burjaten.

Woran glauben die Semejskije, und wie leben sie heute?

Die Semejskije sind Altgläubige, doch innerhalb des Altgläubigentums verschiedener Richtungen. Im Zarenreich überwogen die Beglopopowzy, die Priester aus der Staatskirche aufnahmen, die zu ihnen übertraten; an zweiter Stelle standen priesterlose Gemeinschaften. Insgesamt werden rund 30 Richtungen genannt, oft nebeneinander im selben Dorf. Heute gehört die große Mehrheit der Russischen Altorthodoxen Kirche an, die aus der priesterlichen Richtung hervorging; daneben bestehen kleinere Gemeinden anderer Richtungen. Alkohol und Tabak sind nach den Regeln aller Altgläubigen verboten, und Ehen mit Andersgläubigen waren lange ausgeschlossen. Bis zu vier Generationen lebten auf einem Hof. Mit den Burjaten trieb man Handel mit Vieh, Pelzhandschuhen und Stiefeln; das Verhältnis zu den Burjaten als Nachbarn war vor allem wirtschaftlich, in Einzelfällen holten Familien sogar Lamas als Heiler.

Die Sowjetzeit traf die Dörfer schwer. In der Kollektivierung ab 1929 wurden viele Familien als Kulaken enteignet und deportiert. Im Frühjahr 1930 kam es im Gebiet um Bitschura und Maleta zu einem bewaffneten Bauernaufstand gegen die Zwangskollektivierung, der niedergeschlagen wurde. In den 1930er- und 1940er-Jahren wurden in Transbaikalien rund 80 altgläubige Kirchen und Kapellen geschlossen, in den 1960er-Jahren viele frühere Kirchengebäude abgerissen. Anfang der 1970er-Jahre gab es in Transbaikalien keine offiziell registrierte altgläubige Gemeinde mehr; geöffnet war nur noch die Kirche im Dorf Nowy Sagan.

Seit 1990 leben Gemeinden, Chöre und Feste wieder auf. In Tarbagatai gibt es ein Museum der altgläubigen Kultur, und als Schutzmaßnahme nennt die UNESCO ein Kulturzentrum der Semejskije im selben Dorf. Das Ethnographische Museum der Völker Transbaikaliens in Ulan-Ude zeigt in seinem Freigelände Höfe, eine Kapelle und eine Kirche der Semejskije. Die UNESCO schätzt die Gemeinschaft auf rund 200.000 Menschen. Bei der Volkszählung 2010 trugen in Burjatien dagegen nur 26 Personen „Semejskije“ als Nationalität ein; die übrigen nannten sich Russen. Die UNESCO weist zugleich darauf hin, dass der soziale Wandel die Kultur vereinheitlicht und die Zahl der praktizierenden Altgläubigen, die als Träger der Überlieferung gelten, stetig zurückgeht.

Häufige Fragen zu den Semejskije

Was bedeutet der Name Semejskije?

Er leitet sich vom russischen Wort für Familie ab. Die Alteingesessenen nannten die Neuankömmlinge so, weil sie im 18. Jahrhundert mit ganzen Familien und ihrem Hausrat kamen, nicht als einzelne Verbannte. Selbst bezeichnen sich viele Semejskije bis heute so, auch wenn sie im Pass als Russen geführt werden.

Sind die Semejskije ein eigenes Volk?

In der Fachliteratur gelten sie als ethnographische Gruppe der Russen mit eigener Religion, Mundart und Kultur. Bei der Volkszählung 2010 wurden sie den Russen zugerechnet. Im Alltag unterscheiden sie sich deutlich von den übrigen Russen der Region, die sie „Sibirjaki“ nennen.

Wer sind die „Sibirjaki“ aus Sicht der Semejskije?

So nennen die Semejskije die orthodoxen Russen, deren Vorfahren sich schon im 17. und 18. Jahrhundert in Transbaikalien niederließen. In gemischten Dörfern hatten beide Gruppen oft getrennte Friedhöfe, und Ehen zwischen ihnen waren lange verpönt. Im Bauen und Wirtschaften haben sich die Gruppen im Lauf der Zeit angenähert.

Wo wird die Kultur der Semejskije gesammelt und erforscht?

Sammlungen gibt es im Museum der altgläubigen Kultur in Tarbagatai und im Ethnographischen Museum der Völker Transbaikaliens in Ulan-Ude, das einen eigenen Semejskije-Komplex mit versetzten Höfen und Kirchen hat. Geforscht wird vor allem an Instituten der Akademie der Wissenschaften in Ulan-Ude und Nowosibirsk.

Sind alle Altgläubigen in Sibirien Semejskije?

Nein. Die Bezeichnung gilt für die Nachfahren der im 18. Jahrhundert nach Transbaikalien umgesiedelten Altgläubigen aus Polen-Litauen. Andere Altgläubigengruppen in Sibirien, etwa die Kerschaki im Altai und in Westsibirien, haben eine eigene Geschichte und Tradition.

Quellen: UNESCO: Cultural space and oral culture of the Semeiskie; Bolonew (2008): Neue Materialien zur Geschichte der Ansiedlung der Semejskije; Abolina und Fjodorow (2015): Traditionelle Kultur der Semejskije Transbaikaliens; Abolina und Fjodorow (2017): Der Hof der Semejskije, Vestnik der Universität Tomsk; Kultura.rf (archiviert): Kulturraum und Gesang der Semejskije. Weitere: Wikipedia (russisch): Semejskije, Wetka, Maletinski-Aufstand, Tarbagatai. Stand: Oktober 2026.

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