Am Baikalsee treffen die Kultur der mongolischsprachigen Burjaten und die der russischen Siedler aufeinander, die seit 1643 an den See kamen. Schamanismus und tibetischer Buddhismus stehen neben der Orthodoxie und den Altgläubigen. Verbannung, Eisenbahnbau und Forschung prägten die Geschichte; Legenden und Küche erzählen davon bis heute.
Welche Völker und Kulturen prägen den Baikalsee?
Zwei große Kulturen bestimmen das Leben am See: die der Burjaten und die der Russen. Die Burjaten sind ein mongolischsprachiges Volk, das zu beiden Seiten des Sees lebt; bei der russischen Volkszählung 2021 bekannten sich 460.053 Menschen zu dieser Nationalität, knapp zwei Drittel davon in der Republik Burjatien. Die Seite über die Burjaten beschreibt Herkunft, Sprache, Geschichte und Gegenwart des Volkes, ohne es auf Folklore zu verkürzen.
Russische Kosaken erreichten den See 1643. Es folgten Ostrogs, also befestigte Holzsiedlungen, aus denen Städte wie Irkutsk (1661) und Ulan-Ude (1666 als Udinskoje) hervorgingen, dazu Bauern, Händler, Beamte und Verbannte. Eine eigene Gruppe bilden die Semejskije: russische Altgläubige, die unter Katharina II. ab 1765 aus der Gegend um Wetka nach Transbaikalien umgesiedelt wurden. Ihre bunt bemalten Häuser und ihr mehrstimmiger Gesang sind seit 2008 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO verzeichnet; mehr dazu auf der Seite über die Altgläubigen in Transbaikalien.
Kleinere Gruppen ergänzen das Bild. Im Norden leben Ewenken, deren Vorfahren als Jäger und Rentierhalter durch die Taiga zogen; im Ostsajan westlich des Sees leben Sojoten. Die Republik Burjatien am Ost- und Südufer ist heute ein Vielvölkerland, in dem Russen die Mehrheit stellen und Burjaten knapp ein Drittel.

Welche Religionen gibt es am Baikalsee?
Am Baikalsee leben vier religiöse Traditionen nebeneinander: der Schamanismus der Burjaten, der tibetische Buddhismus, die russische Orthodoxie und der Glaube der Altgläubigen. Viele Burjaten verbinden heute schamanische und buddhistische Bräuche, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.
Der Schamanismus am Baikalsee ist die älteste dieser Traditionen. Er verehrt den Himmel, die Geister bestimmter Orte und die Ahnen. Pfosten mit Stoffbändern, burjatisch Serge, und Steinhaufen auf Pässen, Oboo genannt, markieren Orte, an denen Gläubige Gaben hinterlassen. Ein solcher Ort ist der Schamanenfelsen auf Olchon, den die Überlieferung als Sitz des Herrn der Insel ansieht.
Der Buddhismus kam im 17. Jahrhundert aus der Mongolei und Tibet zu den Burjaten östlich des Sees und wurde 1741 vom russischen Staat anerkannt. In den 1930er-Jahren wurden alle Klöster geschlossen, viele Lamas verhaftet oder getötet. Seit 1945 und verstärkt seit 1990 lebt die Lehre wieder auf. Die Seite über den Buddhismus in Burjatien erklärt Lehre, Klöster und Geschichte; das bekannteste Kloster stellt die Seite über den Iwolginski-Datsan vor, Sitz der Traditionellen Buddhistischen Sangha Russlands.
Wie verlief die Geschichte der Region?
Die Geschichte des Baikals reicht von steinzeitlichen Jägern bis zum UNESCO-Welterbe. Menschen leben hier seit mindestens 24.000 Jahren; die Fundstelle Malta bei Irkutsk gehört zu den bekanntesten Siedlungsplätzen der Altsteinzeit in Sibirien. Später lebten turk- und mongolischsprachige Völker am See, aus denen die Burjaten hervorgingen. Die Zeitleiste der Geschichte des Baikalsees ordnet die wichtigsten Daten in Epochen.
Mit der russischen Herrschaft wurde Sibirien auch zum Ort der Verbannung. Die bekanntesten Verbannten sind die Dekabristen, Offiziere und Adlige, die sich im Dezember 1825 gegen den Zaren erhoben hatten. Nach Jahren der Zwangsarbeit lebten mehrere von ihnen ab den 1840er-Jahren in Irkutsk und prägten das geistige Leben der Stadt; die Seite über die Dekabristen in Irkutsk erzählt davon. Nach den polnischen Aufständen von 1830 und 1863 folgten polnische Verbannte, unter ihnen Naturforscher, die den See wissenschaftlich vermaßen.
Das 20. Jahrhundert brachte den Bürgerkrieg, der 1920 mit der Erschießung des Admirals Koltschak in Irkutsk endete, die Repressionen der 1930er-Jahre gegen Lamas, Bauern und angebliche Nationalisten, den Gulag mit Bahnbau durch Häftlinge und die Industrialisierung mit dem Staudamm an der Angara und dem Zellstoffwerk in Baikalsk. Seit 1996 ist der See Welterbe der UNESCO, seit 1999 gilt ein eigenes Schutzgesetz.
Welche Rolle spielen die Eisenbahnen am See?
Drei Bahnstrecken haben die Region erschlossen und geprägt: die Transsibirische Eisenbahn am Südufer, die Circum-Baikal-Bahn am Südwestufer und die Baikal-Amur-Magistrale im Norden. Ohne sie gäbe es viele Orte am See nicht.
Die Transsib erreichte Irkutsk 1898. Der See war das größte Hindernis der ganzen Strecke: Bis 1905 brachten Eisbrecherfähren die Züge von Port Baikal über das Wasser, im Kriegswinter 1904 lagen sogar Gleise auf dem Eis. Die Seite über die Transsib am Baikalsee beschreibt den Abschnitt entlang des Südufers, der heute rund 200 Kilometer am Wasser verläuft.
Die Uferstrecke zwischen Port Baikal und Kultuk, 1902 bis 1905 gebaut, gilt mit ihren 38 Tunneln, Galerien und Stützmauern als Meisterwerk des Bahnbaus. Seit dem Bau der Bergstrecke über Bolschoi Lug und der Flutung der Angara-Strecke 1956 ist sie eine Sackstrecke; die Seite über die Circum-Baikal-Bahn erzählt Bau, Technik und Gegenwart. Im Norden erreicht die Baikal-Amur-Magistrale bei Sewerobaikalsk den See; ihre ersten Abschnitte bauten ab den 1930er-Jahren Gulag-Häftlinge, die Hauptstrecke entstand 1974 bis 1984.

Wer hat den Baikalsee erforscht?
Die wissenschaftliche Erforschung begann im 18. Jahrhundert mit den Expeditionen der Petersburger Akademie. Johann Gottlieb Georgi beschrieb den See 1772 erstmals ausführlich. Im 19. Jahrhundert legten verbannte polnische Naturforscher wie Benedykt Dybowski die Grundlagen der Baikalbiologie, Jan Czerski kartierte die Geologie des Ufers. Seit 1928 forscht die Akademie dauerhaft am See, seit 1961 das Limnologische Institut in Irkutsk. Die Seite über die Erforschung des Baikalsees stellt Forscher, Expeditionen und Methoden vor.
Welche Legenden und Speisen gehören zum Baikal?
Zum kulturellen Erbe gehören auch Erzählungen und Küche. Burjatische, ewenkische und russische Überlieferungen erklären die Entstehung von Inseln, den Lauf der Angara oder die Herkunft der Burjaten; im 20. Jahrhundert kam die Geschichte vom versunkenen Gold der Weißen Armee hinzu, nach der Waggons mit Goldbarren an der Uferbahn oder auf dem Eis im See versanken. Belegt ist davon wenig, gesucht wurde trotzdem, zuletzt mit Tauchbooten. Die Seiten über Legenden und Mythen des Baikalsees und über das Zarengold trennen Überlieferung und Beleg.
Die Küche verbindet die Fleisch- und Milchküche der burjatischen Viehzüchter mit der Küche der russischen Siedler und dem Fisch des Sees. Bekanntestes Gericht sind gedämpfte Teigtaschen, burjatisch Buusa, russisch Posy. Der Omul, der berühmteste Fisch des Sees, darf seit dem 1. Oktober 2017 nicht mehr kommerziell gefangen werden. Mehr dazu auf der Seite über die Küche am Baikalsee.
Wie lebt die Kultur der Burjaten heute?
Die burjatische Kultur ist keine Folklore aus der Vergangenheit, sondern Teil des heutigen Alltags in Stadt und Land. In den Dörfern, vor allem in Transbaikalien, spielt die Viehzucht weiter eine Rolle; viele junge Menschen ziehen in die Städte. Ulan-Ude ist das Zentrum des burjatischen Theaters, der Hochschulen, der Wissenschaft und der Medien in burjatischer Sprache.
Zwei Feste verbinden Stadt und Land. Sagaalgan, der „Weiße Monat“, ist das Neujahrsfest nach dem Mondkalender im Winter. Im Sommer finden die Spiele Surcharban statt, mit Bogenschießen, Pferderennen und Ringen. Bei religiösen Festen füllen sich die Datsane, und an verehrten Orten am See treffen sich Familien zu Gebeten und Opfergaben.
Die Sprache steht unter Druck. Bei der Volkszählung 2021 gaben in Russland 306.857 Menschen an, Burjatisch zu sprechen, deutlich weniger, als sich als Burjaten bezeichnen. In der Republik Burjatien ist Burjatisch neben dem Russischen Staatssprache und wird an den meisten Schulen als Fach unterrichtet; die UNESCO führt es als gefährdete Sprache. Die Schrift wechselte im 20. Jahrhundert zweimal: von der altmongolischen Schrift 1931 zum lateinischen und 1939 zum kyrillischen Alphabet.
Auch die russische Siedlerkultur ist sichtbar geblieben, am deutlichsten in den Holzhäusern mit geschnitzten Fensterrahmen in Irkutsk, Listwjanka und den Dörfern am Ufer und in den bunten Häusern der Semejskije südlich von Ulan-Ude. In Irkutsk erinnern die Häuser der Dekabristen Wolkonski und Trubezkoi, heute ein Museum, an die Zeit der Verbannung.
Welche Seiten gehören zu dieser Station?
Die Station „Kultur und Geschichte“ umfasst Seiten zu Völkern und Religionen, zur Geschichte, zu den Bahnen und zu den Orten an den Bahnlinien:
- Völker und Religion: Burjaten, Schamanismus, Buddhismus, Iwolginski-Datsan, Altgläubige (Semejskije).
- Geschichte: Zeitleiste, Dekabristen, Erforschung, Zarengold, Legenden.
- Bahnen: Transsib, Circum-Baikal-Bahn, Baikal-Amur-Magistrale.
- Orte an den Bahnlinien: Port Baikal, Sljudjanka, Sewerobaikalsk und der Norden, Burjatien, Tunka-Tal.
- Alltag: Küche am Baikalsee.
Häufige Fragen zu Kultur und Geschichte am Baikalsee
Seit wann leben Menschen am Baikalsee?
Seit mindestens 24.000 Jahren. Die Fundstelle Malta bei Irkutsk zeigt eine Siedlung der Altsteinzeit; später folgten Jäger- und Fischerkulturen der Jungsteinzeit und turk- und mongolischsprachige Völker, aus denen die Burjaten hervorgingen.
Seit wann gehört der Baikalsee zu Russland?
Russische Kosaken erreichten den See 1643. In den folgenden Jahrzehnten entstanden befestigte Siedlungen wie Irkutsk (1661) und Udinskoje, das heutige Ulan-Ude (1666). Die Grenzverträge mit China von Nertschinsk (1689) und Kjachta (1727) sicherten die russische Herrschaft.
Sind die Burjaten Buddhisten oder Schamanisten?
Beides kommt vor, oft auch zusammen. Westlich des Sees blieb der Schamanismus stärker verbreitet, östlich setzte sich seit dem 17. Jahrhundert der tibetische Buddhismus durch. Viele Burjaten verbinden heute Bräuche beider Traditionen; daneben gibt es orthodoxe und nichtreligiöse Burjaten.
Warum wurden Menschen an den Baikal verbannt?
Sibirien diente dem Zarenreich über zwei Jahrhunderte als Ort der Verbannung und Zwangsarbeit, fern der Hauptstädte. Bekannt sind die Dekabristen nach 1825 und polnische Aufständische nach 1830 und 1863. In der Sowjetzeit setzte sich das im Gulag fort, dessen Häftlinge auch Bahnen bauten.
Welche Bahnstrecke führt am Baikalsee entlang?
Am Südufer fährt die Transsibirische Eisenbahn rund 200 Kilometer am Wasser entlang. Am Südwestufer liegt die alte Circum-Baikal-Bahn von Port Baikal nach Kultuk, heute eine Nebenstrecke. Am Nordende berührt die Baikal-Amur-Magistrale den See bei Sewerobaikalsk.
Quellen: Rosstat: Volkszählung 2020/21, Band 5, Tabelle 1 (Nationalitäten, Webarchiv); UNESCO: Cultural space and oral culture of the Semeiskie; Limnologisches Institut SB RAN: About the Institute; Krugobaikalka: Nachschlagewerk zur Circum-Baikal-Bahn; weitere Quellen auf den verlinkten Fachseiten. Stand: Oktober 2026.
Alle Seiten dieser Station
Die Burjaten: Volk am Baikalsee
Mongolischsprachiges Volk zu beiden Seiten des Baikalsees
Schamanismus am Baikalsee: heilige Orte und Rituale
Böö mürgel, der älteste Glaube am See, und seine heiligen Orte
Buddhismus in Burjatien: Klöster und Lehre
Tibetischer Buddhismus östlich des Baikalsees, von 1741 bis heute
Iwolginski-Datsan: Zentrum des Buddhismus in Russland
Buddhistisches Kloster im Iwolga-Tal, gegründet 1945
Altgläubige (Semejskije) in Transbaikalien
Wie Altgläubige aus Polen-Litauen in die Steppentäler östlich des Baikals kamen
Die Dekabristen in Irkutsk
Vom Aufstand 1825 über die Zwangsarbeit bis zu den Häusern an der Angara
Transsib am Baikalsee: die Strecke entlang des Südufers
Vom Eisbrecher zur Bergstrecke: die Transsibirische Eisenbahn am Südende des Sees
Circum-Baikal-Bahn: Tunnel, Brücken und Geschichte
Die Uferbahn am Südwestende des Sees, vom Hauptstück der Transsib zur Nebenbahn
Baikal-Amur-Magistrale (BAM)
Die zweite Bahn durch Sibirien, vom Gulag-Projekt zur Jahrhundertbaustelle
Die Erforschung des Baikalsees: von Georgi bis heute
Von den Akademie-Expeditionen bis zum Limnologischen Institut in Irkutsk
Legenden und Mythen des Baikalsees
Überlieferungen der Burjaten und Russen und was hinter modernen Mythen steckt
Das Zarengold im Baikalsee: Mythos und Suche
Was über die Goldreserve von 1918 bis 1920 belegt ist und was nicht
Küche am Baikalsee: Omul, Posy und Buusy
Steppenviehzucht, Siedlerküche und Fisch vom See auf einem Tisch
Geschichte des Baikalsees: Zeitleiste von der Besiedlung bis heute
Von der Altsteinzeit über Kosakenforts und Bahnbau bis zum Welterbe
