Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Eis

Wann friert der Baikalsee zu? Eissaison und Eisdicke

Vom ersten Buchteneis im Dezember bis zu den letzten Schollen im Juni

Bereich
Eis
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Kante von jungem grauem Eis an offenem Wasser, aus dem Frostrauch aufsteigt, verschneites Waldufer
Abb. 1Ende Dezember: Über dem offenen Wasser steigt Frostrauch auf. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Baikalsee friert spät und von Norden nach Süden zu: Flache Buchten tragen ab Ende November oder im Dezember Eis, der Norden ab Ende Dezember, das Südbecken im Mittel um den 9. Januar. Die Eisdecke wird meist 0,5 bis 1,4 Meter dick. Sie bricht im Süden Anfang bis Mitte Mai auf, im Norden hält sie bis in den Juni.

Wann friert der Baikalsee zu?

Der Baikalsee friert gestaffelt zu: zuerst die flachen Buchten, dann der Norden, zuletzt das Südbecken, das im langjährigen Mittel um den 9. Januar zufriert. In den meisten Wintern ist der ganze See bis Mitte Januar bedeckt. Die frühesten und spätesten Termine liegen weit auseinander: In der Messreihe von Listwjanka fror das Südbecken frühestens am 14. Dezember (1877) und spätestens am 6. Februar (1959) zu.

Die Reihenfolge folgt der Wassertiefe und der Lage. Flache Buchten wie das Kleine Meer zwischen Olchon und dem Festland, die Tschiwyrkui-Bucht im Nordosten oder die Proval-Bucht am Selenga-Delta haben wenig Wasser, das abkühlen muss, und frieren 10 bis 30 Tage vor dem offenen See zu. Der Norden liegt rund vier Breitengrade weiter nördlich und ist kälter als der Süden. Insgesamt kann das Zufrieren von Nord nach Süd bis zu einen Monat dauern. Eine Irkutsker Untersuchung zur Chemie von Schnee und Eis fand im Winter 2016/17 zwischen Nord- und Südende einen Abstand von sieben bis zehn Tagen.

RegionZufrierenEisfreiEisdauer
Flache Buchten (Kleines Meer, Tschiwyrkui, Proval)ab Ende November / Dezember, 10–30 Tage vor dem offenen Seeje nach Lage unterschiedlichlang
Nordbeckenab Ende DezemberAnfang bis Mitte Juni, Reste bis Ende Junibis rund 6 Monate
MittelbeckenEnde Dezember bis Mitte Januarnach dem Süden, vor dem Nordenzwischen Süd und Nord
SüdbeckenAnfang bis Mitte Januar (Mittel 9. Januar)Anfang bis Mitte Mairund 4–4,5 Monate
Angara-Ausflussfriert nicht zu–15–20 km offen

Die Tabelle fasst typische Werte zusammen, keine festen Termine. Im Einzelfall verschieben Frost, Wind und Schnee die Daten um Wochen. Für das Mittelbecken liegen weniger lange Messreihen vor als für den Süden, dort stützen sich die Angaben vor allem auf Satellitendaten.

Warum friert der Baikal so spät zu?

Der Baikal friert spät zu, weil er im Sommer viel Wärme speichert und sie im Herbst nur langsam abgibt. Während kleine Seen in Sibirien schon im Oktober oder November Eis tragen, ist der Baikal dann noch offen. Erst wenn die gesamte durchmischte Wassersäule unter etwa 4 Grad abgekühlt ist, bleibt kälteres Wasser an der Oberfläche liegen und kann weiter bis zum Gefrierpunkt auskühlen. Vorher sinkt jedes abgekühlte Oberflächenwasser ab, weil Süßwasser bei etwa 4 Grad am dichtesten ist, und wärmeres Wasser steigt nach.

Hinzu kommt der Wind. Die Herbststürme mischen die oberen Wasserschichten immer wieder durch und holen Wärme aus der Tiefe nach oben. Sie zerbrechen außerdem das erste dünne Eis. Wie früh die Eisdecke entsteht, hängt deshalb vor allem von der Lufttemperatur im November und Dezember ab: Für das Südbecken ergab die Auswertung der Jahre 1896 bis 2010 einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Kälte dieser beiden Monate und dem Datum des Zufrierens. Die Temperatur erklärt aber nur gut die Hälfte der Schwankungen, Wind, Strömungen und Schnee den Rest. Das Wetter im Herbst und frühen Winter beschreibt die Seite über das Klima am Baikalsee.

Der Ausfluss der Angara bleibt den ganzen Winter offen. Hier strömt das Wasser so schnell aus dem See ab, dass sich keine geschlossene Decke bilden kann. Die offene Fläche reicht 15 bis 20 Kilometer weit, bei strengem Frost steigt über ihr Dampf auf.

Wie wächst das Eis auf dem Baikalsee?

Das Eis wächst in zwei Phasen: Zuerst entsteht beim Zufrieren eine dünne, oft unruhige Decke, danach wächst sie den ganzen Winter von unten nach. Am Tag des Zufrierens ist das Eis 5 bis 20 Zentimeter dick. In ruhigen Frostnächten entsteht glattes, durchsichtiges Kristalleis. Bei Wind bilden sich zunächst dünne, biegsame Eishäute, runde Pfannkucheneis-Schollen und treibende Platten, die sich übereinander schieben und zu einem rauen Feld zusammenfrieren. Diese erste Oberfläche bleibt bis zum Frühjahr sichtbar.

Sobald der See geschlossen ist, wächst das Eis an der Unterseite weiter, indem das darunterliegende Wasser seine Wärme durch die Eisplatte an die kalte Luft abgibt. Anfangs kommen 1 bis 5 Zentimeter pro Tag hinzu. Je dicker die Platte wird, desto besser isoliert sie und desto langsamer wächst sie. Schnee bremst das Wachstum zusätzlich, weil er wie eine Decke wirkt. Auf dem Baikal liegt allerdings wenig Schnee, weil die Winter trocken sind und der Wind ihn an die Ufer weht. Das erklärt, warum das Eis hier besonders dick und klar werden kann. Warum es so durchsichtig ist, beschreibt die Seite über das Klareis am Baikal.

Auch im Hochwinter ist die Decke nicht ruhig. Zieht sie sich bei strengem Frost zusammen, reißen lange Spalten auf, die rasch wieder zufrieren, aber zunächst dünneres Eis tragen. Dehnt sie sich bei Erwärmung aus, staut sich der Druck in Presseisrücken. Diese werden meist einige Meter hoch, an großen Spannungsrissen werden sogar Aufpressungen von 10 bis 12 Metern angegeben.

Wie dick wird das Eis und wie viel trägt es?

Am Ende des Winters ist das Eis auf dem offenen See meist 0,5 bis 1,4 Meter dick, örtlich auch mehr. Im Kleinen Meer werden bis rund 1,5 Meter gemessen, in Presseisrücken türmt es sich auf über 2 Meter. Für das von unten gewachsene Kristalleis nennen Kouraev und Kollegen in einer Satellitenstudie von 2021 Dicken von bis zu 100 bis 120 Zentimetern. Die Höchstwerte sind in den letzten Jahrzehnten gesunken: Zwischen 1950 und 2010 nahm die maximale Eisdicke in Listwjanka im Mittel um 2,4 Zentimeter pro Jahrzehnt ab, in der warmen Phase von 1970 bis 1995 sogar um 8,8 Zentimeter.

Ältere Richtwerte aus Irkutsk zeigen, wie lange das Eis im Mittel welche Lasten trägt: Für Pkw galt eine Mindestdicke von 30 Zentimetern, die rund 85 Tage im Jahr erreicht war. Lasten bis 15 Tonnen erforderten 50 Zentimeter, die an etwa 70 Tagen vorlagen, schwerere Fahrzeuge 70 Zentimeter, die nur rund 45 Tage gegeben waren. Solche Werte sind Mittelwerte für ungestörtes Eis, keine Freigabe. Über offizielle Eispisten und ihre Gewichtsgrenzen entscheiden jedes Jahr die Behörden. Wie das abläuft, beschreibt die Seite über die Eisstraßen auf dem Baikalsee.

Gefährlich sind vor allem die Stellen, an denen die Dicke plötzlich abnimmt: frisch zugefrorene Spalten, offene Rinnen an Pressrücken, Eisringe über warmen Wasserwirbeln und Wasserlöcher über Gasquellen. Sie sind unter Schnee oft nicht zu erkennen.

Wie bricht das Eis im Frühjahr auf?

Das Eis vergeht von Süden nach Norden: Im Südbecken öffnen sich im Mittel Anfang Mai die ersten großen Wasserflächen, Mitte Mai ist er meist eisfrei, im Norden hält sich das Eis bis Anfang oder Mitte Juni, letzte Reste mitunter bis Ende Juni. Der früheste überlieferte Aufbruch im Süden war am 17. April 1923, der späteste am 26. Mai 1879. Ein Satellitenbild der NASA vom 4. Mai 2012 zeigt das typische Bild: Im Süden treiben Schollen zwischen offenen Flächen, der ganze Norden ist noch weiß.

Zerbrochene, teils geschmolzene Eisplatten treiben im Frühjahr auf dunklem Wasser
Abb. 2Eisaufbruch im Mai. Symbolbild

Der Zerfall beginnt lange vor dem Aufbruch. Ab März und April dringt immer mehr Sonnenlicht in das Eis, erwärmt es von innen und löst die Grenzen zwischen den senkrecht gewachsenen Eiskristallen. Die Platte zerfällt dann in fingerdicke, senkrechte Stäbe, sogenanntes Kerzeneis, das bei Berührung klirrend auseinanderbricht. Solches Eis kann noch dick aussehen und trotzdem kaum etwas tragen. Gleichzeitig verdunstet Schnee an der Oberfläche, und Schmelzwasser sammelt sich in Senken.

Ist die Decke gebrochen, treiben Schollen je nach Wind 10 bis 20 Tage über den See, im Süden bis zu 30 Tage. Starker Wind kann sie an einzelnen Ufern zu hohen Wällen aufschieben, während andere Abschnitte schon frei sind. Mit dem Ende der Eiszeit beginnt die Frühjahrsdurchmischung, bei der sich das Wasser auf rund 4 Grad einpendelt.

Wird der Eiswinter am Baikal kürzer?

Ja, über lange Zeiträume ist die Eiszeit im Süden kürzer geworden, aber nicht gleichmäßig. Die Station Listwjanka zeichnet Zufrieren und Aufbruch seit 1868 auf, eine der längsten Eisreihen der Welt. Zwischen 1868 und 2010 verschob sich dort das Zufrieren um rund 10 Tage je Jahrhundert nach hinten, der Aufbruch um rund 7 Tage nach vorn, die Eisperiode wurde insgesamt um rund 17 Tage kürzer. Brach das Eis in den 1870er-Jahren um den 10. Mai auf, so geschieht das heute oft schon Ende April.

Der Wandel verlief in Schüben. Den größten Teil der Verschiebung beim Aufbruch gab es zwischen 1869 und 1920. In der Warmphase von 1970 bis 1995 fror der See rund 10 Tage später zu, taute 15 Tage früher auf, und die Eiszeit verkürzte sich um 25 Tage. Von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre zeigten Uferstationen und Satelliten dagegen wieder früheres Zufrieren, späteren Aufbruch und längere Eiswinter, vor allem im Mittel- und Nordbecken. Forscher führen das auf natürliche Schwankungen der Luftströmungen über der Nordhalbkugel zurück, die den Erwärmungstrend überlagern.

Setzt sich die Erwärmung fort, dürfte sich der langfristige Trend zu kürzeren und dünneren Eisdecken fortsetzen. Für das Ökosystem ist das bedeutsam: Die Kieselalgen unter dem Eis und die Baikalrobbe, die ihre Jungen auf dem Eis zur Welt bringt, sind auf eine stabile, ausreichend lange Eiszeit angewiesen. Einen Überblick über alle Eiserscheinungen des Winters gibt die Seite zum Baikalsee im Winter.

Häufige Fragen zu Eissaison und Eisdicke

Ist der Baikalsee im Dezember schon zugefroren?

Meist nur teilweise. Im Dezember tragen flache Buchten und Teile des Nordens Eis, der offene See im Süden ist in der Regel noch eisfrei. Geschlossen ist die Decke in den meisten Wintern erst Mitte Januar.

Wann ist das Eis am dicksten?

Gegen Ende des Winters, meist im März. Bis dahin wächst das Eis an der Unterseite nach, danach überwiegt die Schmelze durch die stärkere Sonne. Die größte Dicke erreichen geschützte Buchten und das Kleine Meer.

Wie schnell wächst das Eis pro Tag?

Nach dem Zufrieren kommen rund 1 bis 5 Zentimeter pro Tag hinzu. Das Wachstum hängt von der Lufttemperatur ab und verlangsamt sich, je dicker die Platte wird, weil das Eis selbst isoliert. Eine Schneedecke bremst es zusätzlich.

Warum ist das Eis im April gefährlich, obwohl es noch dick ist?

Im Frühjahr dringt Sonnenlicht in das Eis ein und löst die Verbindungen zwischen den Kristallen. Die Platte behält zunächst ihre Dicke, verliert aber stark an Festigkeit und kann plötzlich nachgeben. Dazu kommen Schmelzwasser und sich öffnende Spalten.

Welcher Teil des Sees bleibt am längsten vereist?

Der Norden. Dort hält sich das Eis meist bis Anfang oder Mitte Juni, letzte Reste können bis Ende Juni treiben. Im Süden ist der See dann schon seit Wochen offen.

Quellen: UNDP-GEF Baikal-Projekt, Ökologischer Atlas des Baikal-Einzugsgebiets: Eisregime; NASA Earth Observatory: Ice Melting on Lake Baikal; Kouraev et al. (2021), The Cryosphere. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

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