Das Eis des Baikalsees knackt und donnert, weil sich die viele Kilometer große Eisdecke bei jedem Temperaturwechsel zusammenzieht oder ausdehnt und dabei unter Spannung gerät. Die Spannung entlädt sich in Rissen, die größten reißen auf zehn bis dreißig Kilometern auf. Jeder Bruch versetzt die schwimmende Platte in Schwingung, hörbar als Knall, Grollen oder gleitender Pfeifton.
Welche Geräusche macht das Eis des Baikalsees?
Das Eis des Baikalsees erzeugt eine ganze Reihe von Lauten, von harten Knallen bis zu singenden Tönen. Am auffälligsten sind kurze, scharfe Schläge, die an Gewehr- oder Kanonenschüsse erinnern, und ein lang anhaltendes Grollen, das wie fernes Gewitter über die Fläche rollt. Russische Beschreibungen vergleichen das Aufreißen der großen Spalten seit jeher mit Donnerschlägen und Kanonendonner.
Dazwischen liegen leisere Töne: ein trockenes Knistern, ein Sirren und Singen, das an gezupfte Saiten erinnert, und hohe Pfeiftöne, die rasch nach unten gleiten. In Videos und Reiseberichten werden sie oft als „Laserschüsse“ bezeichnet. Das Irkutsker Informationsportal Baikal Web World zählt diese „Eismusik“ ausdrücklich zu den Eigenheiten des Baikal-Winters.
Alle diese Laute haben dieselbe Quelle: Bewegung und Bruch in der Eisdecke. Sie unterscheiden sich darin, wie groß der Bruch ist, wie weit der Hörer entfernt steht und wie dick das Eis an der betreffenden Stelle ist. Ein Riss in unmittelbarer Nähe klingt hart und trocken. Liegt derselbe Bruch Hunderte Meter oder Kilometer entfernt, kommt er als dumpfes Rollen oder als gleitender Ton an. Die Geräusche selbst schaden niemandem. Sie zeigen aber, dass die Eisdecke auch im strengsten Frost keine ruhende Fläche ist.
Warum reißt die Eisdecke immer wieder auf?
Die Eisdecke reißt, weil sie bei Temperaturwechseln ihre Länge ändert, aber nicht frei ausweichen kann. Eis zieht sich bei Abkühlung zusammen und dehnt sich bei Erwärmung aus. Auf einer Platte, die viele Kilometer misst und an Ufern, Kaps und Inseln festsitzt, summieren sich schon kleine Längenänderungen zu großen Spannungen. Übersteigen sie die Festigkeit des Eises, bricht es. Messungen am Baikaleis zwischen 2005 und 2007 ergaben Scherfestigkeiten von 0,2 bis 1,9 Megapascal, abhängig von der Lufttemperatur und vom Aufbau des Eises.
Die Temperatur greift dabei von oben an. Die Unterseite der Platte liegt im Wasser und bleibt stets bei 0 °C, die Oberseite folgt der Luft, solange kein Schnee sie abschirmt. Kühlt die Luft in einer klaren Nacht stark ab, zieht sich die obere Schicht zusammen, während die untere ihre Länge behält. An der Oberfläche entstehen Zugspannungen, die sich in Rissen entladen. Wird es tagsüber wärmer, dehnt sich die Oberseite wieder aus. Weil inzwischen frisches Eis die geöffneten Fugen gefüllt hat, staut sich nun Druck.
Kouraev und Kollegen beschreiben die Folge für den Baikal in einer Satellitenstudie von 2021 so: Das Zusammenziehen öffnet Rinnen, die rasch als Kristalleis wieder zufrieren, das Ausdehnen führt zu Aufpressungen. Daraus entsteht ein verzweigtes Netz von Rissen, die sich über Hunderte Meter und manchmal über mehrere Dutzend Kilometer ziehen.
Die Temperatur ist nicht die einzige Kraft. Wind schiebt die Eisfelder gegeneinander, Strömungen unter dem Eis ziehen an der Unterseite, Luftdruckwechsel belasten die Platte zusätzlich. Ruzhich, Psakhie und Kollegen aus Irkutsk und Tomsk haben diese Einflüsse mit Präzisionsmessungen an Rissen verfolgt und dabei auch registriert, wie die Eisdecke auf örtliche Erdbeben reagiert.
Warum klingt das Eis wie ein Laserschuss?
Die gleitenden, hohen Töne entstehen, weil ein Bruch die schwimmende Platte in Schwingung versetzt und diese Schwingung als Biegewelle durch das Eis läuft. Das Eis hebt und senkt sich dabei wie ein Brett, das auf Wasser liegt. Solche Biegewellen haben eine besondere Eigenschaft: Ihre Geschwindigkeit hängt von der Wellenlänge ab, kurze Wellen laufen schneller als lange. Physiker nennen das Dispersion. Kurze Wellen entsprechen hohen Tönen. Wer in einiger Entfernung von einem Riss steht, hört deshalb zuerst die hohen Anteile, dann die tieferen. Aus dem kurzen Knall am Ort des Bruchs wird so ein Ton, der von oben nach unten rutscht.
Ein zweiter Effekt trägt besonders zum singenden Klang bei. Läuft eine Biegewelle genau so schnell, wie sich Schall in der Luft ausbreitet, gibt das Eis seine Schwingung sehr wirksam an die Luft ab, und es entsteht ein fast reiner, gleichbleibender Ton. Geophysiker sprechen von einer luftgekoppelten Biegewelle. Romeyn und Kollegen haben dieses Phänomen 2021 auf Meereis vor Spitzbergen gemessen: Bei 20 bis 80 Zentimeter dickem Eis lag der Ton zwischen rund 240 und 60 Hertz, und zwar umso tiefer, je dicker das Eis war. Dieselbe Erklärung gilt nach den Autoren für die hellen Töne, die Schlittschuhläufer auf dünnem, frisch gefrorenem Seeeis hören. Für eine Aufnahme auf nur rund vier Zentimeter dickem Eis errechneten sie einen Ton von etwa 725 Hertz.
Für den Baikal bedeutet das: Seine Eisdecke ist meist einen halben bis weit über einen Meter dick, die Töne der großen Platte liegen deshalb tiefer als auf den dünnen Flächen aus bekannten Schlittschuhvideos. Die hellsten Pfeiftöne dürften vor allem von frisch zugefrorenen Spalten stammen, in denen das Eis noch dünn ist. Was das Baikaleis so klar und glatt macht, dass es Schwingungen weit trägt, erklärt die Seite zum klaren Eis des Baikalsees.
Welche Arten von Rissen gibt es?
Auf dem Baikal lassen sich nach Entstehung und Aussehen vier Arten von Rissen unterscheiden. Sie gehen oft ineinander über, denn derselbe Riss kann sich in einer Nacht öffnen und Tage später unter Druck zu einem Wall aufgeworfen werden.
| Rissart | Entstehung | Erkennungszeichen |
|---|---|---|
| Schrumpfrisse | Zusammenziehen der Oberfläche bei Frost | feine weiße Linien, die schräg in die Tiefe laufen |
| Offene Rinnen | weites Aufreißen der Platte | offenes Wasser, das rasch überfriert und dann als dunkles Band erscheint |
| Pressungsrisse | Ausdehnung des Eises, Druck durch Wind | aufgestellte und übereinandergeschobene Platten |
| Hauptspalten | großräumige Brüche, die jedes Jahr in ähnlichen Seeteilen wiederkehren | 10–30 km lang, 0,4 m bis mehrere Meter breit |
Die Schrumpfrisse sind die häufigsten. In klarem Eis erscheinen sie als weiße Adern, weil sich in den feinen Spalten Luft und Reif sammeln, an denen das Licht gestreut wird. Öffnet sich ein Riss weiter, steht darin offenes Wasser, das bei Frost schnell zu neuem, klarem Eis gefriert. Diese frischen Nähte sind zunächst deutlich dünner als die Umgebung.

Die Hauptspalten haben am Baikal einen eigenen Namen, становые щели, sinngemäß „Hauptspalten“. Sie zerlegen die Eisdecke in Felder von 10 bis 30 Kilometern Ausdehnung und sind ebenso lang. Für ihre Breite nennt die russische Wikipedia zwei bis drei Meter, Baikal Web World 40 Zentimeter bis mehrere Meter. Sie öffnen sich jedes Jahr in ungefähr denselben Seeregionen, weil Uferform, Inseln und vorherrschende Winde gleich bleiben. Ihr Aufreißen ist mit dem lautesten Knall des Eiswinters verbunden.
Wo sich die Platte wieder ausdehnt, schieben sich die Ränder der Risse aufeinander. Die Platten stellen sich schräg, brechen und frieren in ihrer neuen Lage fest. Aus solchen Pressungsrissen wachsen die türkis leuchtenden Wälle, die auf der Seite über die Eishügel des Baikalsees beschrieben sind. Auch das Zusammenpressen ist zu hören, meist als Knirschen, Ächzen und dumpfes Krachen.

Wann ist das Eis besonders laut?
Am lautesten ist das Eis, wenn sich die Temperatur schnell ändert: in klaren, sehr kalten Nächten, wenn die Oberfläche stark auskühlt, und an sonnigen Tagen, wenn sie sich wieder erwärmt. Die Messungen von Ruzhich und Kollegen zeigten, dass die schwache seismische Unruhe im Eis einem Tagesgang folgt, also zu bestimmten Tageszeiten regelmäßig zu- und abnimmt.
Im Hochwinter und Spätwinter, etwa von Februar bis März, kommen günstige Bedingungen zusammen. Die Eisdecke ist geschlossen und dick, auf großen Flächen liegt kaum Schnee, und die Sonne steht höher, während die Nächte noch frostig sind. Gegen Ende des Eiswinters werden die Unterschiede zwischen Tag und Nacht groß. Japanische Forscher maßen Anfang April 2019 am Eis nahe Listwjanka innerhalb von fünf Tagen Lufttemperaturen zwischen −6,9 und +14,2 °C, mit Tagesschwankungen von 10 bis knapp 18 Grad. Einen Überblick über alle Erscheinungen des Eiswinters gibt die Seite Der Baikalsee im Winter.
Schnee dämpft das Geschehen. Eine geschlossene Schneedecke isoliert das Eis gegen die Luft: Bei Messungen des Limnologischen Instituts im Winter 2014 bei Bolschije Koty erwärmte sich die Eisoberfläche nach einem starken Schneefall, weil der Schnee sie von der kalten Luft abschirmte. Wo Schnee liegt, schwankt die Temperatur im Eis weniger, und es dürfte entsprechend seltener reißen. Die blank gefegten, klaren Flächen des Baikal sind dagegen jedem Wetterwechsel unmittelbar ausgesetzt.
Wie gefährlich sind Risse und Spalten?
Gefährlich sind nicht die Geräusche, sondern die Stellen, an denen das Eis gerissen ist. Eine Spalte, die sich in der Nacht geöffnet hat, ist am Morgen oft schon wieder geschlossen, aber nur mit einer Schicht, die viel dünner ist als die Umgebung. In klarem Eis erkennt man solche Nähte als dunkle Bänder. Liegt Schnee darauf, sind sie kaum zu sehen. Gerade frisch verschneite Flächen verdecken also, wo die Decke geschwächt ist.
An den Hauptspalten kann offenes Wasser über mehrere Meter Breite stehen, an Pressungsrissen ist das Eis zerbrochen und von Rinnen begleitet. Für Fahrzeuge sind Risse der wichtigste Grund für Sperrungen. Vor der Freigabe einer offiziellen Eispiste füllen Straßenarbeiter Risse auf und legen Umfahrungen an, bei neuen Rissen wird die Strecke geschlossen. Am 20. Februar 2026 brach nahe der Nordspitze von Olchon ein Kleinbus durch das Eis, acht Menschen starben. Die offizielle Piste war zu diesem Zeitpunkt nicht geöffnet, weil neue Risse entdeckt worden waren. Wie Eispisten eingerichtet und überwacht werden, beschreibt die Seite zu den Eisstraßen auf dem Baikalsee.
Auch zu Fuß, mit Schlittschuhen oder Fahrrad sind die frischen Nähte das größte Risiko, denn wer schnell unterwegs ist, erkennt sie spät. Dass eine Fläche tagelang geknallt hat, sagt nichts darüber, wo sie heute trägt. Verlässlich sind nur aktuelle Ortskenntnis und Messungen der Eisdicke.
Was erforscht die Wissenschaft am reißenden Eis?
Für Geophysiker ist die Eisdecke des Baikal ein natürliches Labor, in dem sich Vorgänge der Erdkruste im Kleinen beobachten lassen. Ruzhich und Kollegen registrierten mit der seismischen Station Baikal-12 ein Eisbeben der Magnitude 0,3 bis 0,8. Seine Energie von 10.000 bis 100.000 Joule war vergleichbar mit einem mittleren Gebirgsschlag in einem Bergwerk oder einem sehr schwachen Erdbeben. Die Forscher folgerten, dass sich das Baikaleis unter natürlichen Bedingungen ähnlich verformt wie Gestein in der Lithosphäre, und nutzten es als Modell für tektonische Prozesse. Eine weitere Arbeit derselben Gruppe untersuchte am Eis, wie sich Blöcke unter Druck über- und untereinanderschieben, ein Vorgang, der an das Abtauchen von Erdplatten erinnert.
Auch anderswo werden Seeeisflächen seismisch überwacht, etwa der zugefrorene St. Moritzersee in den Schweizer Alpen, wo Forscher über zwei Winter Eisbeben und das Wachstum der Eisdecke aufzeichneten. Romeyn und Kollegen schlagen vor, die Töne gerissenen Eises mit einfachen Mikrofonen am Ufer aufzunehmen und daraus die Eisdicke zu bestimmen. Die natürlichen Risse wären dann die Schallquelle.
Biologen interessieren sich für die Risse aus einem anderen Grund. Toda und Kollegen beobachteten 2019 nahe dem Ausfluss der Angara Kolonien des Dinoflagellaten Gymnodinium baicalense, die an den Wänden von Eisrissen und in Hohlräumen zwischen den Eiskristallen wuchsen. Die Rissflanken bieten den Algen eine Grenzfläche zwischen Eis und Wasser, auf der sie sich ansiedeln können, und erhalten mehr Licht als die Unterseite der dicken Platte.
Häufige Fragen zu den Eisgeräuschen
Ist das Knallen des Eises gefährlich?
Das Geräusch selbst ist harmlos, es zeigt nur, dass sich irgendwo Spannung im Eis gelöst hat. Gefährlich sind die Folgen: frisch geöffnete und dünn überfrorene Spalten. Wo diese liegen, verrät der Klang nicht.
Reißen die großen Spalten jedes Jahr an denselben Stellen?
Ungefähr ja. Die Hauptspalten öffnen sich Jahr für Jahr in ähnlichen Seeregionen, weil Uferform, Inseln und Windrichtungen gleich bleiben. Ihr genauer Verlauf ändert sich aber von Winter zu Winter.
Hört man das Eis auch vom Ufer aus?
Ja, die Töne tragen über weite Strecken, besonders in stillen, klaren Nächten. Forscher halten es sogar für möglich, die Eisdicke mit Mikrofonen am Ufer zu bestimmen, indem sie die Töne natürlicher Risse auswerten.
Klingt dünnes Eis anders als dickes?
Ja. Je dünner das Eis, desto höher der Ton, den es beim Reißen oder Betreten abgibt. Erfahrene Schlittschuhläufer schätzen auf frisch gefrorenen Seen die Eisdicke nach dem Klang. Auf dem dicken Baikaleis liegen die Töne der großen Platte tiefer.
Warum friert eine offene Spalte so schnell wieder zu?
Das Wasser in der Spalte hat bereits 0 °C, und die Luft darüber ist im Winter oft sehr kalt. Eine dünne Wasserschicht gibt ihre Wärme rasch ab und gefriert innerhalb kurzer Zeit. Die neue Eisschicht wächst danach von unten weiter, bleibt aber lange dünner als die Umgebung.
Quellen: Kouraev et al. (2021): Giant ice rings in southern Baikal, The Cryosphere 15; Romeyn et al. (2021): Sea ice thickness from air-coupled flexural waves, The Cryosphere 15; Ruzhich et al. (2009): Deformation and seismic effects in the ice cover of Lake Baikal, Russian Geology and Geophysics 50; Aslamov et al. (2021): Autonomous System for Lake Ice Monitoring, Sensors 21; Toda et al. (2023), Communications Biology 6; Baikal Web World: Ice Conditions; Psakhie et al. (2009), Tectonophysics 465; Schmelzbach et al. (2022), EGU General Assembly; Wikipedia (russisch): Байкал. Stand: Oktober 2026.
