Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Eis

Rätselhafte Eisringe auf dem Baikalsee

Warum im Frühjahr kilometergroße dunkle Kreise im Eis erscheinen

Bereich
Eis
Stand
· 8 Min. Lesezeit
Schemazeichnung eines Eisrings: dunkler Ring aus dünnerem Eis um eine helle Mitte auf dem zugefrorenen See
Abb. 1Aufbau eines Eisrings in der Draufsicht. Datengrafik, schematisch
Kurz gesagt

Die Eisringe des Baikalsees sind dunkle Ringe aus dünnerem Eis mit meist 5 bis 7 Kilometer Durchmesser. Sie entstehen über warmen, im Uhrzeigersinn drehenden Wasserwirbeln unter dem Eis: Am Rand des Wirbels strömt das Wasser am schnellsten und schmilzt das Eis von unten. Methan ist nach heutigem Forschungsstand nicht die Ursache.

Was sind die Eisringe auf dem Baikalsee?

Eisringe sind kreisrunde Zonen aus dunklem, dünnerem Eis inmitten der sonst hellen Eisdecke. Der Ring selbst ist dunkel, sein Inneres und seine Umgebung bleiben weiß und dick. Ein typischer Ring misst 5 bis 7 Kilometer im Durchmesser, die dunkle Zone ist einige hundert Meter bis rund einen Kilometer breit. Beim Ring, der im April 2020 im Südbecken erschien, maßen Forscher einen Außendurchmesser von 4,2 Kilometern und eine Ringbreite von 0,9 Kilometern.

Dass die Ringe dunkel erscheinen, liegt an der Eisstruktur: Dünnes, von unten angeschmolzenes und mit Wasser durchtränktes Eis reflektiert weniger Licht als das dicke, oft raue oder schneebedeckte Eis ringsum. Auf Satellitenbildern im sichtbaren Licht zeichnet sich deshalb ein scharfer Kreis ab. Wer auf dem Eis steht, erkennt die Form dagegen kaum, weil sie dafür viel zu groß ist. Spürbar wird der Ring erst dort, wo das Eis dünner, nasser und brüchiger wird.

Ein Ring kann nach wenigen Tagen wieder verschwinden oder wochenlang sichtbar bleiben. In der Kultuk-Bucht im äußersten Südwesten des Sees waren die dokumentierten Ringe meist 15 bis 17 Tage zu sehen. Häufig bricht das Eis zuerst im Inneren des Rings auf, bevor die ganze Eisdecke zerfällt.

Seit wann kennt man die Eisringe?

Bekannt sind die Ringe seit Anfang der 2000er-Jahre, als russische Forscher sie auf Satellitenbildern entdeckten. Weltweit Aufmerksamkeit fanden sie im April 2009, als Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation zwei Ringe fotografierten, einen im Süden des Sees und einen vor der Halbinsel Swjatoi Nos.

Danach begann die systematische Suche in Bildarchiven. Eine französisch-russische Arbeitsgruppe um den Hydrologen Alexei Kouraev von der Universität Toulouse veröffentlichte 2016 ein Inventar der Jahre 1974 bis 2014: Statt der bis dahin bekannten 13 Ringe fanden die Forscher 45 auf dem Baikalsee und erstmals auch vier auf dem benachbarten Chöwsgöl-See in der Mongolei. 2019 kamen neue Ringe aus dem Jahr 2016 und sehr alte aus dem Jahr 1969 hinzu, außerdem ein Ring auf dem Telezker See im russischen Altai. Inzwischen sind knapp 60 Ringe dokumentiert.

Schematischer Schnitt durch einen warmen Wirbel unter dem Eis, der das Eis am Rand von unten abschmilzt
Abb. 2Ein warmer Wirbel unter dem Eis schmilzt am Rand eine dunkle Ringzone. Datengrafik, schematisch

Wie entstehen die Eisringe?

Die Eisringe sind die sichtbare Spur warmer Wasserwirbel unter dem Eis. Messungen mit Temperatur- und Leitfähigkeitssonden, die Forscher durch Bohrlöcher bis in 200 Meter Tiefe hinabließen, zeigten unter den Ringen linsenförmige Wirbel, deren Wasser 1 bis 2 °C wärmer ist als das Wasser der Umgebung. Solche Linsenwirbel sind im Ozean verbreitet, in Seen aber selten. Die Forscher vergleichen sie mit den warmen Mittelmeerwirbeln im Nordatlantik.

Ein Wirbel hat die Form einer beidseitig gewölbten Linse. Seine neutrale Mittelschicht liegt in rund 45 bis 50 Meter Tiefe. Darüber wölbt sich eine Kuppel aus etwas wärmerem Wasser nach oben und verdrängt das kalte, gut durchmischte Wasser, das sonst direkt unter dem Eis liegt. Der untere Teil reicht bis in mehr als 200 Meter Tiefe. In der Mittelschicht kann der Wirbel 10 bis 12 Kilometer breit sein, an der Oberfläche entspricht der Ring etwa der Größe der oberen Kuppel.

Der Wirbel dreht sich im Uhrzeigersinn und vollendet etwa alle drei Tage eine Umdrehung. In seiner Mitte ist die Strömung schwach, am Rand dagegen am stärksten. Dort wird besonders viel Wärme an die Unterseite des Eises herangeführt, und das Eis schmilzt schneller. Deshalb entsteht ein Ring und keine runde Fläche, obwohl das Wasser in der Mitte ebenfalls wärmer ist.

Die Wirbel bilden sich schon im Herbst, bevor der See zufriert. Für einen Ring vor dem Kap Nischneje Isgolowje im Jahr 2016 ließ sich der Ursprung auf Wärmebildern nachverfolgen: Im November und Dezember 2015 drückte Wind Wasser aus der Bargusin-Bucht in das mittlere Becken. Im Wasser unter 4 °C ist kälteres Wasser leichter als etwas wärmeres. Zusammen mit der Form der Küste entstand so ein Wirbel, der den ganzen Winter unter dem Eis überdauerte. Eine Konferenzarbeit derselben Gruppe von 2025 beschreibt diesen Ablauf als wiederkehrenden Jahreszyklus. Sie ist allerdings noch kein begutachteter Fachartikel.

Warum ist die Methan-These überholt?

Lange galt aufsteigendes Methan als naheliegende Erklärung, denn am Grund des Baikalsees gibt es Gasquellen und Gashydrate. Wie das Gas im Eis die bekannten weißen Blasenscheiben bildet, beschreibt unsere Seite über die Methanblasen im Baikaleis. Für die großen Ringe reicht dieser Mechanismus nach heutigem Stand jedoch nicht aus.

Auch Forscher des Limnologischen Instituts in Irkutsk um N. G. Granin fanden 2009 im Süden und 2013 im mittleren Becken unter Ringen einen im Uhrzeigersinn drehenden Wirbel. Sie erklärten ihn mit aufsteigendem Tiefenwasser, das mit Gashydraten in Verbindung stehen könnte. Gegen eine Gasquelle als eigentliche Ursache spricht aber, dass Ringe auch über flachen Bereichen auftreten, wo Gashydrate kaum vorkommen können, und auf dem Chöwsgöl-See und dem Telezker See, die flacher sind und keine bekannten Gasaustritte haben. Heute besteht weitgehend Einigkeit, dass die Ringe die Oberflächenspur der Wärme aus Wirbeln sind. Offen ist vor allem, wie die einzelnen Wirbel entstehen.

Wo bilden sich die Eisringe?

Eisringe treten nicht zufällig auf, sondern in wenigen Seeregionen immer wieder. Am häufigsten ist das Kap Nischneje Isgolowje an der Südwestspitze der Halbinsel Swjatoi Nos: Von 57 ausgewerteten Ringen bildeten sich dort etwa 13. Vermutlich hält ein unterseeischer Canyon vor dem Kap die Wirbel fest.

OrtBeckenLage (gerundet)Belegte Ringe
Kap Nischneje Isgolowje (Swjatoi Nos)Mitte, Ostufer53,50 °N, 108,52 °Oetwa 13 von 57, u. a. 2009, 2016, 2018
Kap KrestowskiMitte, Westufer52,65 °N, 106,44 °Omehrfach, zu den häufigen Regionen gezählt
Kultuk-BuchtSüd, äußerster Südwestenetwa 51,7 °N, 104,0 °Ofünf dokumentierte Fälle, u. a. 2000, 2009, 2020
Chöwsgöl-See (Mongolei)eigener Seeaußerhalb der Kartevier Ringe im Inventar 1974–2014
Telezker See (Altai)eigener Seeaußerhalb der Karteein Ring, 2019 beschrieben

Die Ringe der Kultuk-Bucht sind mit durchschnittlich 4,7 Kilometern etwas kleiner als die Ringe im mittleren Becken. In die Bucht mündet das 190 Kilometer lange Tunka-Tal, aus dem der Kultuk-Wind auf den See weht. Welche Rolle der Wind bei der Entstehung der dortigen Wirbel spielt, ist noch nicht geklärt.

Wie gefährlich sind Eisringe für den Verkehr auf dem Eis?

Für alle, die mit Fahrzeugen über den See fahren, sind Eisringe eine echte Gefahr, weil das Eis dort dünner ist als ringsum. Über einem Wirbel vor Nischneje Isgolowje maßen Forscher im März 2018 nur 60 bis 70 Zentimeter Eis, während voll ausgebildetes Baikaleis 100 bis 120 Zentimeter erreicht. Im Ring selbst ist das Eis noch dünner. Wie dick das Eis im Laufe des Winters regulär wird, erklärt die Seite zur Eissaison und Eisdicke.

Im Frühjahr 2016 brach ein Kleinbus am Rand eines Rings im mittleren Becken ein und sank. Fahrer und Insassen wurden gerettet. Wenige Tage später blieb ein zweiter Kleinbus am Ostrand desselben Rings stecken. Viele Fahrer queren den See auf der direkten Linie zwischen Kap Nischneje Isgolowje und Kap Choboi an der Nordspitze von Olchon und damit genau durch eine der ringreichsten Zonen. Die Forscher raten zu einer weiter südlich verlaufenden Route. Wie offizielle Eisstraßen angelegt und überwacht werden, beschreibt die Seite über die Eisstraßen auf dem Baikalsee.

Weil die Wirbel schon im Herbst entstehen und monatelang bestehen, lassen sich Ringe zum Teil vorhersagen. Im Februar 2016 entdeckten Forscher bei Messungen unter dem Eis einen Wirbel, im März erschien an derselben Stelle ein Ring. Ein Wirbel, der 2017 gefunden wurde, wanderte dagegen bis März rund 6 Kilometer weiter, und es bildete sich kein Ring. Wärmebilder von Satelliten können warme Bereiche schon vor dem Sichtbarwerden des Rings zeigen: Im März 2018 war die Eisoberfläche über dem Wirbel vor Nischneje Isgolowje um mehr als 2 °C wärmer als die Umgebung.

Häufige Fragen zu den Eisringen

Kann man einen Eisring vom Eis aus erkennen?

Kaum. Mit 5 bis 7 Kilometern Durchmesser ist ein Ring viel zu groß, um ihn vom Boden aus als Kreis zu sehen. Erkennbar ist er von oben, aus Flugzeugen oder auf Satellitenbildern. Auf dem Eis fällt allenfalls auf, dass es dunkler, nasser und dünner wird.

Gibt es Eisringe auch auf anderen Seen?

Ja. Ringe wurden auf dem Chöwsgöl-See in der Mongolei und auf dem Telezker See im Altai nachgewiesen. Beide Seen sind flacher als der Baikal und haben keine bekannten Gasaustritte, was die Wirbel-Erklärung stützt.

Wer erforscht die Eisringe?

Die meisten Studien stammen von einer Arbeitsgruppe um Alexei Kouraev (Universität Toulouse) mit russischen und mongolischen Partnern, darunter Forscher des Limnologischen Instituts in Irkutsk. Sie kombinieren Satellitendaten mit Messungen durch Bohrlöcher im Eis. Granin und Kollegen vom Limnologischen Institut haben eigene Messreihen veröffentlicht.

Haben die Eisringe etwas mit Ufos oder Explosionen zu tun?

Nein. Solche Deutungen kursieren in Boulevardmedien und Foren, sind aber nicht belegt. Die Ringe entstehen langsam über Tage und Wochen, ihre Wirbel sind vor dem Erscheinen messbar, und ihre Lage wiederholt sich an bestimmten Küstenabschnitten.

Wie lange bleibt ein Eisring sichtbar?

Das reicht von ein bis zwei Tagen bis zu mehreren Wochen. In der Kultuk-Bucht blieben dokumentierte Ringe meist 15 bis 17 Tage sichtbar, einer im Jahr 2009 etwa eine Woche länger. Mit dem Eisaufbruch im Frühjahr verschwindet jeder Ring.

Quellen: NASA Earth Observatory: Baikal’s Giant Ice Rings; Kouraev et al. (2021), The Cryosphere 15; Kouraev et al., EGU-Konferenzbeitrag 2025; Kouraev et al. (2016 und 2019), Limnology and Oceanography 61 und 64. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

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