Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Eis

Eishügel (Torossy): türkise Wälle auf dem See

Wie Druck im Eis Schollen aufstellt und warum sie türkis leuchten

Bereich
Eis
Stand
· 7 Min. Lesezeit
Aufgetürmte türkise Eisschollen auf dem zugefrorenen See im Abendlicht, dahinter die Hügel von Olchon
Abb. 1Eishügel vor Olchon im März. Symbolbild
Kurz gesagt

Torossy sind Wälle und Hügel aus aufgetürmten Eisschollen, die entstehen, wenn sich die Eisdecke des Baikalsees bei Temperaturwechseln ausdehnt oder Wind sie gegeneinanderschiebt. Die Schollen stellen sich auf, brechen und frieren neu zusammen. Weil das Eis rein und blasenarm ist, leuchten ihre Kanten im Gegenlicht türkis. Meist sind sie bis wenige Meter hoch.

Was sind die Torossy auf dem Baikalsee?

Torossy sind Aufpressungen von Eis: Schollen und Bruchstücke, die sich unter seitlichem Druck übereinanderschieben, aufrichten und zu Wällen, Rücken oder unregelmäßigen Feldern auftürmen. Das russische Wort торосы bezeichnet solche Eispressungen auf Meeren, Flüssen und Seen. In der Meereiskunde heißt ein längerer, annähernd gerader Wall Presseisrücken. Sein Teil über der Wasserlinie wird Segel genannt, der unter Wasser Kiel.

Auf dem Baikalsee gibt es zwei Herkünfte, die sich im Bild oft vermischen. Ein Teil der Torossy entsteht schon beim Zufrieren. Fegt in dieser Zeit starker Wind über den See, zerbricht das junge Eis, Schollen treiben, prallen aufeinander und frieren in chaotischer Lage zusammen. Solche Pressungsfelder bestehen aus Schollen von wenigen bis einigen zehn Zentimetern Dicke, ihre Hügel sind wenige Zentimeter bis mehrere Meter hoch. Weil die Eisdecke den Rest des Winters über an Ort und Stelle bleibt, prägt dieses Bild der ersten Frostwochen die Oberfläche bis zum Frühjahr.

Der andere Teil entsteht mitten im Winter auf einer schon geschlossenen Eisdecke. Dann wirken die Spannungen in einer viele Kilometer großen, starren Platte, die sich mit jeder Temperaturänderung ein wenig verkürzt oder ausdehnt. Wie und wann die Eisdecke überhaupt entsteht, erklärt die Seite zur Eissaison und Eisdicke.

Wie entstehen die Eishügel mitten im Winter?

Die Eishügel entstehen durch ein Wechselspiel aus Zusammenziehen und Ausdehnen. Kühlt das Eis in einer kalten Nacht stark ab, zieht es sich zusammen und reißt. Die Risse füllen sich mit Wasser, das schnell zu neuem, klarem Eis gefriert. Wird es danach wieder wärmer, dehnt sich die Eisdecke aus. Weil der Platz im Riss nun mit neuem Eis gefüllt ist, entsteht Druck. Die Ränder der Eisfelder pressen aufeinander, brechen auf und schieben sich übereinander. So wachsen an denselben Linien Jahr für Jahr Wälle aus aufgestellten Schollen.

Die großen Risse haben am Baikal einen eigenen Namen: Stanowyje Schtscheli, etwa „Hauptspalten“. Sie zerlegen die Eisdecke in Felder von 10 bis 30 Kilometern Ausdehnung, sind ebenso lang und meist zwei bis drei Meter breit. Nach den Daten des Baikal-Informationsportals Baikal Web World reicht die Breite dieser dauerhaften Risse von 40 Zentimetern bis zu mehreren Metern. Sie öffnen sich jedes Jahr in ungefähr denselben Seeregionen.

Zum Temperaturdruck kommt der Wind. Er schiebt einzelne Eisfelder gegeneinander, besonders dort, wo sie an Kaps, Inseln oder flache Ufer stoßen. Auch Strömungen unter dem Eis üben Kräfte aus. An Küsten werden Schollen auf den Strand geschoben, in Buchten stauen sie sich zu dichten Feldern. In den Pressungszonen ist das Eis deutlich dicker als auf der freien Fläche: Baikal Web World nennt dort 40 bis 70 Zentimeter bis über zwei Meter, für die übrige Eisdecke 40 Zentimeter bis 1,2 Meter.

Warum leuchten die Schollen türkis?

Die türkisblaue Farbe ist eine Folge der Reinheit und Dicke des Eises. Eis absorbiert einen kleinen Teil des roten Lichts. Bei dünnem Eis fällt das nicht auf, doch je länger der Weg des Lichts durch dichtes, blasenarmes Eis ist, desto stärker fehlt der rote Anteil, und es bleibt ein blaugrüner Farbton. Dasselbe lässt Gletschereis blau erscheinen, wenn es dicht und frei von Luftblasen ist.

An den Torossy kommt eine besondere Geometrie hinzu. Die Schollen stehen schräg oder senkrecht, oft eine Handbreit bis einen halben Meter dick. Fällt tiefstehendes Sonnenlicht seitlich hinein, läuft es durch die Länge der Scholle und tritt an der Bruchkante gebündelt aus. Diese Kanten leuchten deshalb kräftiger als die waagrechte Eisfläche. Wo das Eis viele Risse oder eingeschlossene Luft enthält, streut es das Licht in alle Richtungen und wirkt weiß.

Dass das Baikaleis überhaupt so klar ist, liegt am mineralarmen Wasser, an ruhigen Frostnächten beim Zufrieren und an der dünnen Schneedecke, die der Wind vom Eis fegt. Ausführlich behandelt das die Seite zum Klareis des Baikalsees.

Ein Rücken aus schräg aufgestellten Eisschollen mit türkisen Bruchkanten und Schneeverwehungen
Abb. 2Ein Presseisrücken: Die Schollen sind 30 bis 50 Zentimeter dick. Symbolbild

Welche Eisformen gibt es außer den Torossy?

Neben den Pressungen kennt man am Baikal einige weitere Eisformen, die eigene Namen tragen. Die folgende Übersicht nennt nur Begriffe, die in Fachquellen oder Nachschlagewerken für den Baikal beschrieben sind.

NameRussischWas es ist
Torossyторосыaufgetürmte Schollen und Wälle durch seitlichen Druck
Hauptspaltenстановые щелиDauerrisse, 10–30 km lang, die die Eisdecke in Felder teilen
Sopkiсопкиkegelförmige, innen hohle Eishügel bis rund 6 m Höhe, zur Seeseite offen
SokuiсокуйSpritz- und Brandungseis an Ufern und Felsen
KolobownikколобовникFelder aus gerundeten Schollen mit aufgebogenen Rändern, festgefroren in glattem Eis

Die Sopki beschrieben Mitarbeiter der Baikal-Station des heutigen Limnologischen Instituts in den 1940er-Jahren als eine Form, die vom Baikal bekannt ist. Sie stehen einzeln oder in kleinen Ketten und erinnern an Zelte. Der Sokui entsteht, wenn im Herbst Wellen gegen Felsen schlagen und das Spritzwasser gefriert. Bei schweren Stürmen können sich nach russischen Nachschlagewerken an exponierten Felsen Eiskrusten bis in zehn Meter Höhe bilden. Bekannt sind solche Eisgewänder an den Felsen der Uschkani-Inseln, an Kaps wie Kobylja Golowa und an der Nordspitze von Olchon. Dort und an anderen Steilufern bilden sich im Winter auch Eisgrotten und Vorhänge aus Eiszapfen, die vom Eis aus zugänglich werden.

Wo und wann sieht man die Eishügel?

Torossy gibt es fast überall auf dem See, am bekanntesten sind sie im Kleinen Meer und rund um die Insel Olchon. Reiseberichte beschreiben bei Chuschir hellblaue, über zwei Meter hohe Blöcke vor dunklerem Eis und rund um Kap Choboi an der Nordspitze der Insel ein Feld aus mehreren Meter hohen Schollen. Wie groß und hoch die Pressungen in einem Winter werden, hängt vom Wetter beim Zufrieren und von den Temperatursprüngen ab, es schwankt von Jahr zu Jahr. Mehr über Olchon und die übrigen Inseln steht auf der Seite Inseln im Baikalsee.

Am deutlichsten sind die Torossy im Februar und März, wenn das Eis seine volle Dicke erreicht hat und nur wenig Schnee liegt. Gegen Ende der Eiszeit verändern sie sich schnell: Im März 2026 musste die Eisstraße nach Olchon nach Behördenangaben schließen, weil sich das Eis verschlechtert hatte und sich auf dem Kleinen Meer bereits neue Pressungen gebildet hatten. Einen Überblick über alle Erscheinungen des Eiswinters bietet die Seite Der Baikalsee im Winter.

Wie gefährlich sind die Pressungszonen?

Pressungszonen gehören zu den riskantesten Stellen auf dem Eis. Neben den Wällen verlaufen oft frische Risse, in denen offenes Wasser steht oder nur eine dünne, frisch gefrorene Schicht liegt. Die Blöcke selbst sind glatt, können kippen oder unter dem Gewicht eines Menschen nachgeben. Wer hinaufklettert, riskiert Stürze auf hartes Eis und Verletzungen an scharfen Kanten.

Für Fahrzeuge sind Torossy praktisch unpassierbar. Mannschaften, die eine offizielle Eispiste anlegen, ebnen die Wälle ein und füllen Risse auf. Abseits solcher Pisten müssen Fahrer Pressungsfelder umfahren, und gerade an ihren Rändern kann das Eis nachgeben. Ein ebenes, klares Eisfeld ist im Übrigen kein Beweis, dass das Eis trägt.

Häufige Fragen zu den Eishügeln

Wie hoch können die Torossy am Baikal werden?

Meist erreichen die Wälle eine Höhe von einigen Dezimetern bis wenigen Metern. Für die Pressungen an großen Rissen nennt Baikal Web World Höhen bis 10 bis 12 Meter. Hohle Eiskegel, die Sopki, erreichen nach Beobachtungen der 1940er-Jahre bis rund 6 Meter.

Liegen die Eishügel jedes Jahr an derselben Stelle?

Nicht exakt, aber in ähnlichen Regionen. Die großen Risse öffnen sich jedes Jahr in ungefähr denselben Seeteilen, weil Uferform, Inseln und Windrichtungen gleich bleiben. Die einzelnen Wälle entstehen dagegen jeden Winter neu.

Ist das Eis an den Torossy dicker?

Ja, in den Pressungszonen ist das Eis durch übereinandergeschobene Schollen oft dicker als zwei Meter. Tragfähiger macht das die Umgebung aber nicht: Direkt daneben können offene oder frisch gefrorene Risse liegen.

Woraus besteht ein Toross?

Aus Bruchstücken der Eisdecke, die beim Zusammenschieben zerbrechen und neu verfrieren. Zwischen den Schollen bleiben Hohlräume, in denen sich Schnee, Luft oder Wasser sammeln. Deshalb wirken manche Teile eines Walls weiß und andere klar oder türkis.

Warum knallt das Eis auf dem Baikal so laut?

Die Geräusche entstehen, wenn sich die Eisdecke bei Temperaturwechseln zusammenzieht und reißt oder Spannungen sich ruckartig lösen. Russische Beschreibungen vergleichen den Klang mit Donner oder Kanonenschüssen. Besonders häufig sind die Geräusche bei raschen Temperaturwechseln.

Quellen: Kouraev et al. (2021), The Cryosphere 15 (Abschnitt Eisdecke); Baikal Web World: Ice Conditions; NSIDC: Glacier Quick Facts; Wikipedia (russisch): Байкал, Сокуй, Колобовник; Russian Life (2011); TourDom (23.03.2026). Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

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