Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Eis

Eisgrotten und Eiszapfen an den Felsufern

Wie Sturmgischt die Felsküsten in Eis hüllt und Grotten formt

Bereich
Eis
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Heller Felsen am zugefrorenen See, dessen Fuß dick mit Spritzeis und Eiszapfen überzogen ist, mit einer kleinen Höhle
Abb. 1Spritzeis und Eiszapfen am Fuß einer Felsküste im März. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Eisgrotten und Eiszapfen am Baikal entstehen vor allem im Frühwinter, solange der See noch offen ist: Sturmwellen schleudern Gischt gegen die Felsufer, die dort Schicht um Schicht festfriert. So wachsen dicke Eiskrusten, Zapfen und Vorhänge, die Nischen und kleine Höhlen im Fels umhüllen. Zugänglich werden sie erst, wenn das Eis im Februar und März trägt.

Wie entstehen die Eisgrotten am Baikal?

Die Eisgrotten entstehen aus gefrorener Gischt. Der Baikal friert spät zu, im Süden im Mittel erst um den 9. Januar, lange nachdem die sibirische Kälte eingesetzt hat. Wochenlang liegt also offenes, rund null bis vier Grad kaltes Wasser neben Felsufern, über denen die Luft schon tief unter dem Gefrierpunkt liegt. Jeder Sturm in dieser Zeit wirft Wellen gegen die Klippen, und die aufspritzenden Tropfen gefrieren auf dem kalten Gestein, bevor sie ablaufen können. Baikal Web World beschreibt, wie die kalten Wellen in dieser Phase die Uferfelsen mit Eismustern überziehen.

Mit jedem weiteren Sturm kommt eine neue Schicht hinzu. Die Krusten wachsen von unten nach oben und von außen nach innen, sie verschließen Spalten, überwölben Nischen und hängen als Vorhänge von Felsvorsprüngen. Nach Angaben eines russischen Nachschlagewerks können sich an exponierten Felsen bei schweren Stürmen Eispanzer bis in etwa zehn Meter Höhe bilden. Der russische Fachausdruck für dieses Spritz- und Brandungseis ist Sokui. Er bezeichnet auch die schmalen Eissäume, die sich zu Beginn des Zufrierens an flachen Ufern bilden.

Entscheidend sind Wind und Wellen. Im Herbst und Frühwinter wehen am Baikal einige der stärksten Winde des Jahres. Der Bargusin aus Nordosten gilt als typischer Herbst- und Winterwind und baut entlang der Westküste im Gebiet von Olchon Wellen von 3,5 bis 4 Metern auf. Die Sarma, die bei Olchon besonders heftig weht, erreicht in Böen rund 40 Meter pro Sekunde. Wie diese Winde entstehen und wo sie wehen, erklärt die Seite über die Winde des Baikalsees.

Ufersteine mit dicker, gewellter Kruste aus gefrorener Gischt
Abb. 2Gefrorene Gischt überzieht die Ufersteine im Dezember. Symbolbild

Das Spritzeis sieht anders aus als das klare Eis auf dem See. Weil sich bei jedem Aufprall feine Tröpfchen mit Luft mischen und schnell gefrieren, schließt es viele winzige Bläschen ein. Es ist deshalb weiß bis milchig, porös und körnig und hat meist eine raue Oberfläche.

Woher kommen die Höhlen und Nischen im Fels?

Die Nischen und Höhlen sind meist älter als das Eis: Wellen haben sie über lange Zeit in die Uferfelsen gearbeitet. Wo das Wasser bei Sturm gegen eine Steilwand schlägt, wird das Gestein an der Wasserlinie am stärksten angegriffen. Es entstehen Hohlkehlen, überhängende Dächer und kleine Brandungshöhlen. Auf dem regionalen Naturportal Priroda Baikala ist am Kap Choboi eine solche Brandungsnische dokumentiert.

An der Westküste von Olchon trifft die Brandung zum Teil auf Marmor und Kalkstein. Der Schamanenfelsen bei Chuschir etwa besteht aus Marmor und dolomitisiertem Kalkstein. Seine durchgehende Höhle von rund zwölf Metern Länge ist nach russischen Beschreibungen durch Verwitterung und Auswaschung des Kalksteins entstanden. Solche Felsen sind zerklüftet und reich an Spalten und Vorsprüngen, an denen das Spritzeis besonders gut Halt findet.

Eine Eisgrotte im engeren Sinn entsteht, wenn das Eis eine solche Nische nach außen fast verschließt. Von innen blickt man dann durch einen Vorhang aus Zapfen und Eissäulen auf den zugefrorenen See. Manche Grotten sind nur einen Schritt tief, andere reichen einige Meter in den Fels. Wie groß sie werden, hängt von der Form des Felsens und von der Zahl und Stärke der Stürme vor dem Zufrieren ab.

Welche Eisformen gibt es an den Felsufern?

An den Felsufern bilden sich vor allem Krusten, Zapfen, Vorhänge und Eisbärte, die sich nach Entstehung und Zeitpunkt unterscheiden. Die meisten entstehen aus Spritzwasser im Frühwinter. Andere wachsen erst im Spätwinter, wenn die Sonne das Eis an den Felsen antaut und Schmelzwasser tropft.

FormEntstehungZeitAussehen
Krusten und Panzer (Sokui)Gischt friert auf Fels und Geröll festSpätherbst bis Zufrierenweiß, porös, oft meterdick
Spritzwasserzapfenablaufendes Spritzwasser gefriert an ÜberhängenSpätherbst bis Zufrierendicht gedrängt, unregelmäßig, milchig
EisvorhängeZapfen wachsen seitlich zu Wänden zusammenSpätherbst bis Zufrierengefaltete, durchscheinende Wände
EisbärteGischt gefriert an Bäumen, Sträuchern und UfermauernSpätherbst bis ZufrierenKrusten und Zapfen an Ästen und Zweigen
TropfzapfenSchmelzwasser tropft von angetautem EisSpätwinterglatter und klarer als Spritzeis
Eisstalagmitenherabfallende Tropfen gefrieren auf dem BodenSpätwinterkleine Säulen und Kegel am Grottenboden

Die Tropfzapfen ähneln den Tropfsteinen einer Kalksteinhöhle nicht zufällig. Short, Baygents und Goldstein haben 2006 berechnet, dass ein Eiszapfen wächst, indem ein dünner Wasserfilm an seiner Oberfläche herabläuft und dabei Wärme an die Luft abgibt. Die Form, die sich daraus ergibt, entspricht der Form natürlicher Zapfen und gleicht in ihrer Grundgestalt der von Tropfsteinen, obwohl diese durch Ablagerung von Kalk wachsen.

Blick aus einer Uferhöhle durch einen Vorhang aus langen Eiszapfen auf den zugefrorenen See
Abb. 3Blick aus einer Uferhöhle durch einen Vorhang aus Eiszapfen. Symbolbild

Wenn das Licht seitlich durch die Zapfen fällt, wirken dünne Zapfen glasig, dicke bläulich oder grünlich. Der Grund ist derselbe wie bei den aufgestellten Schollen auf dem See: Auf einem langen Weg durch dichtes Eis wird der rote Teil des Lichts geschluckt. Mehr dazu steht auf der Seite über die Eishügel des Baikalsees.

Wo findet man Eisgrotten und Eiszapfen am Baikalsee?

Eisgrotten und Eiszapfen finden sich an vielen Felsküsten des Sees, die bekanntesten liegen rund um die Insel Olchon. Die englischsprachige Wikipedia nennt das Kap Choboi an der Nordspitze der Insel, den Felsen der Drei Brüder und Höhlen nördlich von Chuschir sowie die kleinen Inseln Ogoi und Samogoi im Kleinen Meer. Ein russisches Nachschlagewerk hebt besonders mächtige Spritzeiskrusten an den Felsen der Uschkani-Inseln, an den Kaps Kobylja Golowa und Kurminski und an der Nordspitze von Olchon hervor.

Gemeinsam ist diesen Orten, dass steile Felsen unmittelbar ans tiefe Wasser grenzen und offen zum Wind liegen. Das Kap Choboi, dessen Name aus dem Burjatischen kommt und „Reißzahn“ bedeutet, fällt mit schroffen Klippen in den See ab. Es liegt nahe der breitesten Stelle des Baikal. Die Uschkani-Inseln liegen mitten im See und sind Stürmen aus allen Richtungen ausgesetzt. Mehr über Olchon, die Inseln des Kleinen Meeres und die Uschkani-Gruppe steht auf der Seite Inseln im Baikalsee.

Wie viel Eis sich an einer Stelle bildet, ändert sich von Jahr zu Jahr. Ein stürmischer Frühwinter mit spätem Zufrieren lässt mächtige Panzer wachsen, ein ruhiger, rasch zufrierender Winter nur dünne Krusten. Auch die Lage der schönsten Grotten wechselt deshalb, obwohl die Felsen dieselben bleiben.

Wann sind die Eisgrotten zugänglich?

Zugänglich sind die Grotten meist von Februar bis in den März, wenn das Eis vor den Felsen dick genug geworden ist. Gebildet haben sie sich schon Wochen vorher, aber vom Ufer aus sind die meisten nicht zu erreichen, denn die Felsen fallen steil ins Wasser ab. Erst die geschlossene Eisdecke macht den Fuß der Klippen begehbar. Flache Buchten frieren früher zu als der offene See, und im Kleinen Meer wird das Eis besonders dick: Baikal Web World nennt dort bis 1,5 Meter. Wann der See welche Eisdicke erreicht, beschreibt die Seite zur Eissaison und Eisdicke.

Im Laufe des März verändern sich die Grotten. Die höher stehende Sonne taut die Zapfen an sonnigen Stellen an, Schmelzwasser tropft und gefriert nachts wieder, sodass neue, klarere Zapfen und kleine Eisstalagmiten entstehen. Ab April zerfallen die Eisgebilde zusehends, und mit dem Aufbrechen der Eisdecke im Mai, im Norden bis Juni, verschwinden die letzten Reste.

Worauf muss man an den Eisgrotten achten?

An den Felsufern ist das Eis oft unsicherer als auf der freien Fläche, auch wenn es dort dicker aussieht. Wo die Eisdecke an den Fels stößt, wird sie durch Temperaturschwankungen und Wind gegen das Ufer gedrückt und bricht auf. Am Fuß der Klippen finden sich deshalb häufig Risse, aufgeworfene Platten und Stellen, an denen Wasser auf dem Eis steht. Um Kaps und Inseln können zudem Strömungen das Eis von unten ausdünnen. Messungen des Limnologischen Instituts zeigten 2014 im Südbecken, dass das Eis über einer stärkeren Strömung schon im Februar aufhörte zu wachsen, während es 13 Kilometer weiter noch bis Mitte März zunahm.

Im Spätwinter kommt eine zweite Gefahr hinzu: Angetaute Zapfen und Eisplatten lösen sich von den Felsen und fallen herab. Das Eis in den Grotten und davor ist zudem spiegelglatt. Wer hineinklettert, riskiert Stürze auf hartes Eis und Verletzungen an scharfen Kanten. Die Anfahrt über das Eis ist ein eigenes Risiko. Am 20. Februar 2026 brach ein Kleinbus nahe der Nordspitze von Olchon, wo auch die Eisformen des Kap Choboi liegen, durch das Eis. Acht Menschen kamen ums Leben.

Die Felsufer Olchons sind außerdem Teil eines Schutzgebiets. Der Pribaikalski-Nationalpark wurde am 13. Februar 1986 gegründet und umfasst auf rund 417.000 Hektar einen schmalen Streifen der Westküste von Kultuk bis zum Kap Kotscherikowski sowie die Insel Olchon. Anders als in einem strengen Naturreservat dürfen dort Menschen wohnen und Erholung suchen, unter der Bedingung, dass der Natur kein Schaden entsteht. Wer Zapfen abschlägt oder Eisvorhänge zerbricht, zerstört in Minuten, was Stürme in Wochen aufgebaut haben, und nimmt sie allen nachfolgenden Besuchern.

Häufige Fragen zu Eisgrotten und Eiszapfen

Warum sind die Eiskrusten an den Felsen weiß und nicht klar?

Spritzeis gefriert aus fein verteilten Tröpfchen, die viel Luft mitbringen und sehr schnell erstarren. Die eingeschlossenen Bläschen streuen das Licht, deshalb wirkt das Eis weiß und porös. Klar wird Eis nur, wenn Wasser langsam und gleichmäßig gefriert, wie bei Tropfzapfen im Spätwinter.

Gibt es jeden Winter Eisgrotten?

Ja, aber nicht überall gleich groß. Wie mächtig die Krusten werden, hängt davon ab, wie viele Stürme vor dem Zufrieren über den See ziehen. In einem ruhigen Frühwinter bleiben die Gebilde klein.

Darf man Eiszapfen abbrechen?

Davon ist abzuraten. Die bekannten Grotten an Olchon liegen im Pribaikalski-Nationalpark, dessen Nutzung der Natur nicht schaden soll, und was die Sturmgischt aufgebaut hat, wächst nach dem Zufrieren nicht mehr nach. Außerdem können beim Abschlagen größere Stücke nachbrechen.

Wie lange halten die Eisgebilde?

Meist bis in den April. Ab März tauen sie an sonnigen Tagen an, im April zerfallen sie zunehmend. Mit dem Eisaufbruch im Mai, im Norden des Sees bis Juni, sind auch die letzten Reste verschwunden.

Kann man die Eisgrotten auch vom Ufer aus sehen?

Meist nur aus der Ferne. Viele Grotten liegen am Fuß steiler Klippen, die man an Land nur von oben überblickt. Ihr Inneres ist in der Regel allein vom Eis aus zu erreichen.

Quellen: Baikal Web World: Ice Conditions; Baikal Web World: Winds and Waves of Baikal; Aslamov et al. (2021): Autonomous System for Lake Ice Monitoring, Sensors 21; Short, Baygents, Goldstein (2006): A free-boundary theory for the shape of the ideal dripping icicle, Physics of Fluids 18; Priroda Baikala: Kap Choboi; Wikipedia (russisch): Сокуй (лёд), Ольхон, Хобой, Прибайкальский национальный парк; Wikipedia (englisch): Lake Baikal. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

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