Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Station 2 von 7

Der Baikalsee im Winter: Eis, Blasen und Eishügel

Wie der tiefste See der Erde zufriert und welche Eisformen er hervorbringt

Stand
· 9 Min. Lesezeit
Weite dunkle Eisfläche mit langen weißen Rissen und Schneeflecken, am Horizont eine verschneite Insel
Abb. 1Anfang März: Das Eis trägt kaum Schnee und wirkt fast schwarz. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Baikalsee friert fast jedes Jahr nahezu vollständig zu: flache Buchten und der Norden zuerst, das Südbecken im Mittel Anfang bis Mitte Januar. Bis Mai, im Norden bis Juni, trägt er eine meist 0,5 bis 1,4 Meter dicke Eisdecke. Weil wenig Schnee liegt, bleibt das Eis oft glasklar und zeigt Risse, Gasblasen, Eishügel und riesige Ringe.

Wie verläuft der Eiswinter auf dem Baikalsee?

Der Baikalsee friert spät zu, meist erst Wochen nachdem der sibirische Frost eingesetzt hat: Flache Buchten tragen ab Ende November oder im Dezember Eis, der Norden ab Ende Dezember, das Südbecken im langjährigen Mittel um den 9. Januar. Bis Mitte Januar ist in den meisten Wintern der ganze See bedeckt. Der Grund für die Verspätung ist die riesige Wassermenge. Bevor sich an der Oberfläche Eis bilden kann, muss der See die im Sommer gespeicherte Wärme abgeben, und Herbststürme durchmischen das Wasser immer wieder bis in große Tiefe.

Weil der See über rund vier Breitengrade von Süd nach Nord reicht, schreitet das Zufrieren von Norden nach Süden voran und kann sich über einen Monat hinziehen. Wie die Eisdecke aussieht, entscheidet das Wetter in diesen Tagen. Gefriert der See bei Windstille, entsteht glattes, durchsichtiges Kristalleis. Bläst dagegen kräftiger Wind, zerbricht das junge Eis wieder, Schollen treiben, schieben sich übereinander und frieren zu einem rauen Feld zusammen. Diese erste Phase prägt die Oberfläche für den Rest des Winters. Danach wächst das Eis nur noch von unten nach, anfangs um einige Zentimeter pro Tag.

Ganz zu friert der Baikal dennoch nicht. Am Ausfluss der Angara bei Listwjanka bleibt das Wasser auf 15 bis 20 Kilometern offen, weil die Strömung keine Eisdecke zulässt. Den genauen Ablauf von Zufrieren, Eiswachstum und Aufbruch je Becken, die Eisdicken und die langjährigen Messreihen beschreibt die Seite zur Eissaison und Eisdicke des Baikalsees.

Lange Eiszapfen und Spritzeis an einer Felsnische am Ufer, davor klares Eis
Abb. 2Spritzeis und Eiszapfen an einem Felsufer. Symbolbild

Welche Eisphänomene kann man auf dem Baikal beobachten?

Der Baikal ist vor allem für vier Erscheinungen bekannt, die auf anderen großen Seen selten in dieser Ausprägung zusammenkommen: durchsichtiges Eis, eingefrorene Gasblasen, aufgetürmte Eishügel und kilometergroße Ringe. Alle vier hängen mit den Besonderheiten des Sees zusammen, mit seinem reinen Wasser, den trockenen, windigen Wintern und der Tiefe des Beckens.

Klareis. Wo das Eis bei ruhigem Wetter gewachsen ist und der Wind den spärlichen Schnee fortgeweht hat, blickt man durch eine meterdicke, nahezu fehlerfreie Platte. Über tiefem Wasser wirkt sie schwarz, über flachem Grund sieht man Steine und Pflanzen. Warum das Eis so durchsichtig wird und wann es weiß oder blau erscheint, erklärt die Seite über das klare Eis des Baikalsees.

Methanblasen. In vielen Bereichen sind weiße, flache Scheiben im Eis eingeschlossen, oft in Stapeln übereinander. Es sind Gasblasen, die vom Seegrund aufsteigen und unter der Eisdecke einfrieren, meist Methan. Wie die Stapel entstehen und woher das Gas kommt, beschreibt die Seite über die Methanblasen im Baikal-Eis.

Eishügel. Wenn sich die Eisdecke bei Temperaturschwankungen ausdehnt oder Wind und Strömung Druck aufbauen, brechen Platten und schieben sich zu Wällen auf. Diese Presseisrücken heißen auf Russisch Torossy, ihre Bruchkanten leuchten im Gegenlicht türkis. Mehr dazu auf der Seite über die Eishügel (Torossy).

Eisringe. Auf Satellitenbildern zeigen sich in manchen Wintern dunkle Ringe mit meist 5 bis 7 Kilometern Durchmesser. Sie bestehen aus dünnerem Eis über einem warmen Wasserwirbel unter der Decke. Fast 60 solcher Ringe sind seit 1969 dokumentiert. Die Forschungsgeschichte und die Erklärung fasst die Seite über die Eisringe auf dem Baikalsee zusammen.

Was geschieht an den Ufern und in den Spalten?

An den Ufern entstehen die bekanntesten Fotomotive des Baikal-Winters: Eiszapfen, Vorhänge und Grotten in den Felsen. Sie bilden sich vor allem im Frühwinter, solange der See noch offen ist. Sturmwellen schlagen gegen die Klippen, die Gischt gefriert schichtweise an Felsen, Bäumen und Ufermauern und baut dicke Krusten, Zapfen und Bögen auf. An flachen Ufern wachsen auf diese Weise Eiswälle, die russisch Sokui heißen. Sie bestehen aus porösem, undurchsichtigem Eis und vergehen im Frühjahr.

Auf der freien Eisfläche reißen jeden Winter große Spalten auf. Ziehen sich die Platten bei starkem Frost zusammen, entstehen Risse, die sich über Hunderte Meter und manchmal über mehrere Dutzend Kilometer ziehen. Die größten, auf Russisch Stanowyje schtscheli genannt, sind 10 bis 30 Kilometer lang, bis zu einige Meter breit und öffnen sich Jahr für Jahr an ähnlichen Stellen. Sie zerlegen die Eisdecke in Felder von 10 bis 30 Kilometern Länge. Offene Risse frieren rasch wieder zu, und das neue Eis darin ist zunächst dünner als die Umgebung.

Breite Spalte mit dunklem offenem Wasser zieht sich durch die zugefrorene Seefläche, an den Rändern aufgestellte Schollen
Abb. 3Eine große Spalte im Eis: Solche Risse öffnen sich jedes Jahr an ähnlichen Stellen. Symbolbild

Das Reißen ist zu hören. In kalten Nächten knallt und donnert das Eis, Augenzeugen vergleichen die Geräusche mit Gewitter oder Kanonenschüssen. Tagsüber, wenn sich das Eis in der Sonne wieder ausdehnt, folgen dumpfe, sirrende und singende Töne, die über weite Strecken tragen. Gefährlich ist das Geräusch selbst nicht, es zeigt aber, dass die Eisdecke in ständiger Bewegung ist.

Seltener sind Eisformen auf offener Fläche, die mit Gas aus dem Seegrund zusammenhängen. Forscher des Limnologischen Instituts in Irkutsk beschreiben ein Feld aus kugeligen Eisbrocken, das die Einheimischen Kolobownik nennen, sowie hohle, zeltartige Eishügel am Ufer, die Sopki, die bis zu 6 Meter hoch werden. In beiden fanden sie erhöhte Methanwerte. Ob aufsteigende Gashydrate die Ursache sind, ist Gegenstand der Forschung.

Wie nutzen Menschen das Eis?

Für die Menschen am See ist das Eis vor allem ein Verkehrsweg. Sobald es dick genug ist, werden Eispisten freigegeben, die Inseln und abgelegene Uferorte mit dem Festland verbinden. Die wichtigste führt im Winter als Fährersatz zur Insel Olchon. Wie diese Eisstraßen eingerichtet werden, welche Regeln gelten und welche Geschichte sie haben, beschreibt die Seite über die Eisstraßen auf dem Baikalsee.

Das Eis war auch Schauplatz der Geschichte. Im Winter 1920 zog sich ein Teil der geschlagenen Weißen Armee über den zugefrorenen See zurück. Der eisige Wind auf der ungeschützten Fläche kostete viele Menschen das Leben. Heute ist der Winter die Zeit der Eisfischer, die durch gebohrte Löcher angeln, und der Wanderer, Radfahrer und Eisläufer. Weil der Wind große Flächen blank fegt, wird der Baikal mitunter als größte Eisbahn der Welt bezeichnet.

Auch die Wissenschaft nutzt die feste Decke als Arbeitsplattform. Das Neutrinoteleskop Baikal-GVD im Südbecken wird Jahr für Jahr vom Eis aus erweitert: Die Leinen mit den Lichtsensoren werden durch Öffnungen im Eis abgesenkt, die oberen Module hängen in rund 700 Metern, die unteren in rund 1.240 Metern Tiefe. Nach Angaben des Projekts umfasste die Anlage 2026 16 Messgruppen mit einem Volumen von rund 0,8 Kubikkilometern. Auch Strömungs-, Temperatur- und Gasmessungen sind vom Eis aus einfacher als vom schwankenden Schiff.

Was lebt unter dem Eis?

Unter dem Eis geht das Leben weiter, und zwar mehr als in vielen anderen zugefrorenen Seen, weil durch das oft schneefreie Eis viel Licht dringt. An der Unterseite und in der obersten Wasserschicht wachsen im Spätwinter Kieselalgen, allen voran die nur im Baikal heimische Aulacoseira baicalensis. Sie bilden im Frühjahr unter dem Eis Blüten, von denen das ganze Nahrungsnetz des Sees zehrt. Messungen von Jewson und Kollegen zeigten 2009, dass schon eine Schneeauflage von rund zehn Zentimetern fast das gesamte Licht schluckt und das Wachstum der Algen stark bremst.

Der bekannteste Bewohner des Eises ist die Baikalrobbe. Zwischen Mitte Februar und Ende März bringen die Weibchen ihre Jungen in Höhlen aus Schnee auf dem Eis zur Welt, das weiße Fell der Jungtiere tarnt sie dort. Andere Tiere halten mit den Krallen der Vorderflossen Atemlöcher offen, ein einzelnes Tier kann mehrere solcher Löcher unterhalten. Wie die Nerpa durch den Winter kommt und welche Rolle die kürzeren Eiswinter für sie spielen, beschreibt die Seite über die Baikalrobbe (Nerpa).

Wie sicher ist das Eis und wann zeigt es sich am schönsten?

Das Eis des Baikalsees ist nie überall sicher, auch nicht im Hochwinter. Selbst wenn die Decke an einer Stelle über einen Meter misst, können wenige Hundert Meter weiter frisch zugefrorene Spalten, Wasserwirbel unter dem Eis oder offene Stellen über Gasaustritten liegen. Satellitenmessungen zeigen, dass das Eis in einem Eisring deutlich dünner ist als ringsum, und Forscher fanden über aktiven Gasquellen Wasserflächen von mindestens 30 Metern Durchmesser, die auch bei strengem Frost nicht zufrieren. Am Angara-Ausfluss bleibt der See ohnehin offen. Im April wird das Eis zunehmend morsch, auch wenn es noch dick aussieht.

Klareis, Blasen und Eishügel sind meist von Mitte oder Ende Februar bis Ende März am besten zu sehen. Dann ist das Eis überall geschlossen und dick, und die Frühjahrssonne hat die Oberfläche noch nicht angegriffen. Wer den See im Winter nur aus Bildern kennt, findet die Erscheinungen auf den Unterseiten dieser Station genauer beschrieben. Für Reisen nach Russland gilt derzeit eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts. Den aktuellen Stand fasst die Seite zur Reiselage am Baikalsee zusammen.

Langfristig wird der Eiswinter im Süden kürzer. An der Station Listwjanka, wo seit 1868 Eisdaten aufgezeichnet werden, friert der See heute im Durchschnitt später zu und taut früher auf als im 19. Jahrhundert, die Eiszeit hat sich bis 2010 um rund 17 Tage verkürzt. Zwischen Mitte der 1990er- und Mitte der 2000er-Jahre zeigten Satellitendaten allerdings auch wieder längere Eiswinter. Der Trend verläuft also nicht gleichmäßig.

Häufige Fragen zum Baikalsee im Winter

Friert der Baikalsee jedes Jahr komplett zu?

Fast vollständig, aber nicht ganz. Am Ausfluss der Angara bleibt das Wasser auf 15 bis 20 Kilometern offen, und über Gasaustritten sowie in frischen Spalten gibt es offene oder dünn überfrorene Stellen. Der Termin des Zufrierens schwankt um mehrere Wochen: Im Süden lag der späteste überlieferte Termin am 6. Februar 1959.

Wie dick wird das Eis auf dem Baikal?

Meist zwischen 0,5 und 1,4 Metern, je nach Region und Winter. Im Kleinen Meer werden bis rund 1,5 Meter gemessen, in Eishügeln türmt sich das Eis auf über 2 Meter. Frisch zugefrorene Spalten können dagegen nur wenige Zentimeter dick sein.

Warum knackt und donnert das Eis so laut?

Eis zieht sich bei Frost zusammen und dehnt sich bei Erwärmung wieder aus. Auf einer Fläche von vielen Tausend Quadratkilometern bauen sich dabei große Spannungen auf, die sich in Rissen entladen. Die Schallwellen laufen weit durch die starre Platte, deshalb klingen die Brüche wie Donner oder Schüsse.

Kann man auf dem Baikalsee Schlittschuh laufen?

Auf blank gefegten Klareisflächen ja, sie gehören zu den größten natürlichen Eisbahnen der Welt. Allerdings wechseln glatte Flächen, Pressrücken und frisch zugefrorene Spalten auf engem Raum. Lange Touren werden deshalb in Gruppen und mit Ortskenntnis unternommen.

Ist es unter dem Eis dunkel und leblos?

Nein. Durch schneefreies Eis fällt genug Licht, damit Kieselalgen an der Eisunterseite und im obersten Wasser wachsen. Fische, Flohkrebse und Baikalrobben sind den ganzen Winter aktiv, und das Wasser bleibt bis in große Tiefe sauerstoffreich.

Quellen: Kouraev et al. (2021): Giant ice rings in southern Baikal, The Cryosphere; NASA Earth Observatory: Ice Melting on Lake Baikal; JINR: Baikal-GVD Telescope. Stand: Oktober 2026.

Alle Seiten dieser Station

  1. Wann friert der Baikalsee zu? Eissaison und Eisdicke

    Vom ersten Buchteneis im Dezember bis zu den letzten Schollen im Juni

  2. Warum ist das Eis des Baikalsees so klar?

    Reines Wasser, strenger Frost und Wind ergeben schwarzes, durchsichtiges Eis

  3. Methanblasen im Baikal-Eis: Wie die weißen Scheiben entstehen

    Gas vom Seegrund, Lage für Lage im wachsenden Eis eingefroren

  4. Eishügel (Torossy): türkise Wälle auf dem See

    Wie Druck im Eis Schollen aufstellt und warum sie türkis leuchten

  5. Rätselhafte Eisringe auf dem Baikalsee

    Warum im Frühjahr kilometergroße dunkle Kreise im Eis erscheinen

  6. Eisstraßen: Mit dem Auto über den zugefrorenen See

    Freigabe, Regeln und Gefahren der Eispiste zur Insel Olchon

  7. Warum das Baikal-Eis knackt und donnert

    Wie Spannung, Risse und Biegewellen die Eisdecke zum Klingen bringen

  8. Eisgrotten und Eiszapfen an den Felsufern

    Wie Sturmgischt die Felsküsten in Eis hüllt und Grotten formt

  9. Leben unter dem Eis: Algen, Krebse und Robben im Winter

    Warum Algen, Krebse, Fische und Robben unter dem Eis aktiv bleiben

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