In den Baikalsee münden über 300 Flüsse und Bäche; die klassische Zählung nennt 336 ständige Zuflüsse. Rund die Hälfte des Flusswassers bringt allein die Selenga, die in der Mongolei entspringt und ein Gebiet von rund 445.000 Quadratkilometern entwässert. Mit Abstand folgen die Obere Angara im Norden und der Bargusin am Ostufer.
Wie viele Flüsse münden in den Baikalsee?
Es sind mehr als 300. Die bis heute zitierte Zahl von 336 Flüssen und Bächen geht auf den Geologen Iwan Tscherski im 19. Jahrhundert zurück und erfasst nur Gewässer, die das ganze Jahr Wasser führen. Die Große Sowjetische Enzyklopädie übernahm diesen Wert, eine neuere vollständige Zählung gibt es nicht.
Dass in der Literatur auch Zahlen wie 544 oder 1.123 auftauchen, liegt an der Zählweise. Wer jedes Kerbtal mit einem zeitweise fließenden Bach mitrechnet, kommt auf ein Vielfaches der ständigen Zuflüsse. Umgekehrt gehen russische Fachleute davon aus, dass seit dem 19. Jahrhundert rund 150 kleine Wasserläufe versiegt sein könnten, als Folge menschlicher Eingriffe und des Klimawandels. Die Frage „wie viele“ hat deshalb keine exakte Antwort; sinnvoll ist die Angabe „über 300 ständige Zuflüsse“.
Ungleich verteilt ist auch das Gewässernetz selbst. Am dichtesten ist es an den Hängen, die steil zum See abfallen: Die Westflanke der Bargusinkette erreicht laut dem Umweltbericht des UNDP-GEF-Baikalprojekts 0,92 Kilometer Flusslauf pro Quadratkilometer, der Chamar-Daban im Süden 0,69. In den Steppen der südlichen Mongolei sinkt der Wert unter 0,2. Viele Zuflüsse am Westufer sind daher kurze, steile Gebirgsbäche, während die großen Wassermengen von Osten und Süden aus weiten Einzugsgebieten kommen.
Welche Zuflüsse sind die größten?
Die Selenga ist mit Abstand der wichtigste Zufluss, gefolgt von der Oberen Angara und dem Bargusin. Diese drei Flüsse liefern zusammen rund drei Viertel des Flusswassers, das jedes Jahr in den See gelangt. Alle übrigen Zuflüsse zusammen bringen etwas mehr als ein Fünftel.
| Fluss | Länge | Einzugsgebiet | Mittlerer Abfluss | Anteil am Flusszufluss |
|---|---|---|---|---|
| Selenga | 992–1.024 km | rund 445.000 km² | rund 935 m³/s, rund 29 km³/Jahr | rund 50 % |
| Obere Angara | 438 km | 21.400 km² | 265 m³/s, 8,4 km³/Jahr | rund 15 % |
| Bargusin | 480 km | 21.100 km² | 130 m³/s, 4,1 km³/Jahr | rund 7 % |
| Turka | 272 km | 5.870 km² | rund 50 m³/s, 1,6 km³/Jahr | rund 3 % |
| Sneschnaja | 173 km | 3.020 km² | rund 48 m³/s, rund 1,5 km³/Jahr | rund 2,5 % |
| alle übrigen Zuflüsse | – | – | rund 13 km³/Jahr | rund 22 % |
Die Anteile beziehen sich auf den langjährigen Zufluss aus Flüssen von rund 57,8 Kubikkilometern pro Jahr. Niederschlag auf die Seefläche und Grundwasser kommen hinzu; wie sich daraus die gesamte Bilanz mit Verdunstung und Abfluss ergibt, zeigt die Seite über das Wasser des Baikalsees und seine Wasserbilanz.

Die Obere Angara entspringt am Südhang der Delun-Uran-Kette und mündet zusammen mit der Kitschera in den Angarski Sor, eine flache, durch Sandnehrungen wie die Insel Jarki vom offenen See getrennte Lagune an der Nordspitze. Ihr Delta ist ein Gewirr aus Armen und Seen. Der Bargusin kommt aus dem Bergland zwischen Ikat- und Südmuja-Kette, durchfließt das weite Bargusin-Becken und mündet bei Ust-Bargusin in die gleichnamige Bucht; bei Hochwasser ist er auf rund 250 Kilometern schiffbar. Die Turka erreicht das Ostufer rund 140 Kilometer nordöstlich des Selenga-Deltas.
Eine eigene Gruppe bilden die Bergflüsse des Chamar-Daban am Südufer. Die feuchten Nordhänge dieses Gebirges fangen die Wolken ab, die über das Angara-Tal heranziehen, und gelten als niederschlagsreichster Teil des Baikalbeckens. Die meisten Bäche dort haben weniger als 200 Quadratkilometer Einzugsgebiet; größer sind nur Sneschnaja, Chara-Murin und Utulik. Die Sneschnaja ist der wasserreichste von ihnen und führt im Juni und Juli im Mittel rund 120 Kubikmeter pro Sekunde, im März dagegen weniger als 4.
Woher kommt die Selenga?
Die Selenga entsteht im Norden der Mongolei aus dem Zusammenfluss von Ider und Delger-Mörön, die beide rund 450 Kilometer lang sind. Der Ider kommt aus dem Changai-Gebirge, der Delger-Mörön aus dem Bergland Ulaan Taiga im Aimag Chöwsgöl. Ab dem Zusammenfluss misst die Selenga je nach Quelle 992 bis 1.024 Kilometer, davon liegen die letzten rund 409 Kilometer in der russischen Republik Burjatien.
Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 445.000 Quadratkilometer, also etwa vier Fünftel des gesamten Baikal-Einzugsgebiets von rund 560.000 bis 570.000 Quadratkilometern. Zwei Drittel davon liegen in der Mongolei. Dort nimmt die Selenga den Egiin Gol auf, den Abfluss des Chöwsgöl-Sees, der allein rund drei Viertel des Oberflächenwassers der Mongolei speichert, und bei Süchbaatar den Orchon. Zum Orchon-System gehört die Tuul, an der die Hauptstadt Ulaanbaatar liegt. Bis zur russischen Grenze hat die Selenga im Mittel 14 bis 15 Kubikkilometer Wasser im Jahr gesammelt, auf russischem Gebiet kommt noch einmal etwa ebenso viel hinzu.

Auf der russischen Seite ist der Tschikoi der wasserreichste Nebenfluss, daneben münden Chilok, Dschida, Temnik und die Uda. Die Uda trifft in Ulan-Ude auf die Selenga, der einzigen Stadt an ihrem Lauf. Das Tal wechselt zwischen Engstellen von ein bis zwei Kilometern und Becken von 20 bis 25 Kilometern Breite, in denen sich der Fluss in Arme und Inseln aufteilt. Bei Niedrigwasser ist er 100 bis 150 Meter breit und an den Kolken vier bis fünf Meter tief; der Grund besteht überwiegend aus Kies und Sand.
Wie sieht das Selenga-Delta aus?
Die Selenga mündet mit einem fächerförmigen Delta aus Dutzenden Armen, Schilfflächen, Seen und Sandbänken in den See. Es ist das größte Delta im Baikalbecken und schiebt sich in den See vor; an dieser Stelle ist der Baikal mit rund 26 Kilometern am schmalsten. Nach Westen begrenzt die Lagune Sor Tscherkalowo das Delta, nach Nordosten die Bucht Proval.
Die Proval ist eine Spur der Erdbebenzone. Beim Zagan-Beben von 1862 sank ein Stück Steppe von rund 200 Quadratkilometern ab und lag danach bis zu zehn Meter unter Wasser; so entstand die Bucht. Im Delta selbst ist der Abfluss ungleich verteilt: Auf den westlichen Sektor entfallen rund 27 bis 35 Prozent des Wassers, auf den mittleren 20 bis 21 und auf den östlichen 45 bis 52 Prozent. Deshalb wächst das Delta im Nordosten, am Lobanowski-Arm, am schnellsten, in manchen Phasen um mehrere Dutzend Meter im Jahr.
Wie groß das Delta ist, hängt von Wasserstand und Abgrenzung ab. Der UNDP-GEF-Bericht nennt rund 1.120 Quadratkilometer, häufig zitiert werden rund 680; Vogelkundler beziehen ihre Zählungen auf rund 490 Quadratkilometer Deltagebiet. Nach russischen Angaben verlor das Delta nach dem Aufstau der Angara 1956 bis 1959, der den Seespiegel um rund einen Meter anhob, einen großen Teil seiner trockenen Fläche. Das zentrale Delta ist seit 1994 ein Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung nach der Ramsar-Konvention; formal deckt das Ramsar-Gebiet die Fläche des Schutzgebiets Kabanski im mittleren Delta ab. Für Wasser- und Zugvögel ist das Delta der wichtigste Ort am ganzen See, ausführlich auf der Seite über die Vögel am Baikalsee.
Wann führt die Selenga am meisten Wasser?
Im Hochsommer. Anders als viele sibirische Flüsse hat die Selenga nur ein schwaches Frühjahrshochwasser durch die Schneeschmelze; die größten Mengen bringen Regenfälle im Juli, August und September. Im Winter ist sie von November bis April zugefroren und führt dann nur einen Bruchteil davon.
| Monat | Mittlerer Abfluss am Pegel Mostowoi |
|---|---|
| Januar | rund 120 m³/s |
| Februar | rund 90 m³/s |
| März | rund 100 m³/s |
| April | rund 550 m³/s |
| Mai | rund 1.480 m³/s |
| Juni | rund 1.450 m³/s |
| Juli | rund 1.880 m³/s |
| August | rund 2.080 m³/s |
| September | rund 1.850 m³/s |
| Oktober | rund 1.110 m³/s |
| November | rund 330 m³/s |
| Dezember | rund 190 m³/s |
| Jahresmittel | rund 935 m³/s |
Die Werte sind Mittel der Jahre 1936 bis 1997 vom Pegel Mostowoi, 127 Kilometer vor der Mündung, aus der Datenbank R-ArcticNET. Der August führt danach im Mittel mehr als das Zwanzigfache des Februars. Den höchsten gemessenen Monatswert erreichte der Fluss im August 1973 mit 4.140 Kubikmetern pro Sekunde an der Spitze des Deltas. Große Überschwemmungen sind seit dem 18. Jahrhundert überliefert, etwa 1830 und 1869; 1830 stand das Wasser im damaligen Werchneudinsk, dem heutigen Ulan-Ude, nach Berichten über vier Meter hoch.
Ebenso wichtig sind lange Trockenphasen. Ornithologen, die den Wasserstand für ihre Vogelzählungen auswerten, beschreiben eine rund 20 Jahre dauernde wasserarme Phase im Selenga-Becken, die sich ab 2014 noch verschärfte. In diesen Jahren sank der Seespiegel im Frühjahr zeitweise unter die seit 2001 vorgeschriebene Untergrenze. Wie der einzige Abfluss den Wasserhaushalt steuert, beschreibt die Seite über die Angara.
Was tragen die Zuflüsse in den See?
Neben Wasser vor allem Schwebstoffe: Die Selenga allein bringt im Jahr rund 2,7 bis 3,6 Millionen Tonnen Sand, Schluff und Ton mit, von denen sich ein großer Teil schon im Delta absetzt. Die Schilfflächen und Seen des Deltas halten damit auch Nährstoffe und Schadstoffe zurück und wirken wie ein natürlicher Filter, bevor das Flusswasser den See erreicht.
Was durchkommt, stammt zum größten Teil aus dem Selenga-Becken. Nach dem staatlichen Baikal-Bericht für 2013, den das UNDP-GEF-Projekt zusammenfasst, kamen 87,6 Prozent der Schwebstoffe und jeweils 78 Prozent der gelösten Mineralstoffe und organischen Stoffe, die über die überwachten Flüsse in den See gelangten, aus der Selenga. In Ulan-Ude leitete die städtische Kläranlage Abwasser ein, das als „unzureichend gereinigt“ eingestuft war; an den Messstellen um die Stadt überschritten acht bis zehn von 17 gemessenen Stoffen die Richtwerte, darunter Eisen, Kupfer, Zink und Mangan.
In der Mongolei gelten die Kläranlagen von Ulaanbaatar, Erdenet und Darchan als größte Quellen, dazu Bergbau und Erzaufbereitung sowie Betriebe, die Wolle und Häute verarbeiten. Auf russischer Seite belasten Altlasten wie die Abraumhalden des Wolfram-Molybdän-Kombinats von Sakamensk an der Dschida, das 1996 ohne Sanierung stillgelegt wurde. Für den See bedeutet das: Wie sauber das Baikalwasser bleibt, entscheidet sich zu einem erheblichen Teil an Flüssen, die weit entfernt in Steppe und Bergland fließen.
Warum sind Staudämme in der Mongolei umstritten?
Weil sie den größten Zufluss des Baikals regulieren würden. Die Mongolei plant seit Jahren Wasserkraftwerke und Wasserüberleitungen im Selenga-Becken, vor allem das Schuren-Kraftwerk an der Selenga selbst, ein Kraftwerk am Egiin Gol und einen Orchon-Wasserkomplex, der Wasser in die Gobi leiten soll. Russische Umweltverbände und Fachleute kritisieren die Pläne seit Langem.
Das Welterbekomitee der UNESCO äußert sich seit 2013 besorgt über die möglichen gemeinsamen Folgen dieser Projekte. 2016 verlangte es Umweltprüfungen für jedes Vorhaben, eine Abschätzung der Summenwirkung und eine mit Russland abgestimmte strategische Umweltprüfung. Im Januar 2024 teilte die Mongolei mit, Schuren und den Orchon-Komplex aufgegeben zu haben, und das Komitee ließ die Forderung nach der Summenprüfung fallen. Nach Angaben der Umweltorganisation Rivers without Boundaries tauchen beide Projekte seit 2025 jedoch wieder in mongolischen Klima- und Entwicklungsplänen auf. Auf der Sitzung im Juli 2026 vertagte das Komitee seine Entscheidung zum Baikal bis nach einer Beobachtungsmission, die für August 2026 angesetzt war.
Kritiker befürchten, dass Dämme den natürlichen Abfluss verändern und damit das Delta und die Laichgebiete endemischer Fische beeinträchtigen. Die Selenga ist das wichtigste Laichgewässer des Omul, des bekanntesten Fischs des Baikalsees, und auch der gefährdete Baikal-Stör steigt zum Laichen in sie auf.
Häufige Fragen zur Selenga und den Zuflüssen
Warum hat der Baikal über 300 Zuflüsse, aber nur einen Abfluss?
Der See liegt in einem tektonischen Graben, der ringsum von Gebirgen eingerahmt ist. Von deren Hängen fließen zahlreiche Bäche und Flüsse hinab, eine Lücke im Gebirgsrahmen gibt es aber nur im Südwesten, wo die Angara den See verlässt. Das gesamte Wasser fließt daher über die Angara und den Jenissei zum Nordpolarmeer.
Friert die Selenga im Winter zu?
Ja, in der Regel von November bis April. Von Dezember bis März sinkt ihr Abfluss auf rund 90 bis 190 Kubikmeter pro Sekunde, weniger als ein Zehntel der Sommerwerte. Auch viele mittelgroße Zuflüsse frieren zu; an einigen Oberläufen kommt der Abfluss im Winter ganz zum Erliegen.
Ist die Selenga schiffbar?
Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts verkehrten auf der Selenga Fracht- und Ausflugsschiffe vom Baikal bis zur mongolischen Stadt Süchbaatar. Heute spielt die Schifffahrt kaum noch eine Rolle. In Ulan-Ude baute bis 2016 eine Werft Luftkissenboote, Barkassen und Schlepper.
Wie groß ist das Einzugsgebiet des Baikalsees insgesamt?
Rund 560.000 bis 570.000 Quadratkilometer, mehr als anderthalbmal die Fläche Deutschlands. Etwa vier Fünftel davon entfallen auf das Becken der Selenga. Ein großer Teil des Gebiets liegt in der Mongolei, der russische Teil vor allem in Burjatien, daneben in der Region Transbaikalien und in der Oblast Irkutsk.
Woher stammt der Name Selenga?
Die Herkunft ist nicht sicher geklärt. Eine Deutung führt ihn auf eine burjatische Wurzel „sel“ für Überschwemmung oder See zurück, eine andere auf das ewenkische „sele“ für Eisen. Mongolisch heißt der Fluss Selenge mörön.
Quellen: UNDP-GEF Baikal Project: State of the Environment Report, Kap. 2.1 Oberflächen- und Grundwasser; UNDP-GEF Baikal Project: State of the Environment Report, Kap. 4.2 Gewässerbelastung; R-ArcticNET: Selenga am Pegel Mostowoi, Monatsmittel 1936–1997; Große Sowjetische Enzyklopädie, Artikel „Baikal“; Rivers without Boundaries: Bericht zur 48. Sitzung des Welterbekomitees (Juli 2026); Fefelow, Anissimow, Powarinzew (2019): Wasser- und Watvögel im Selenga-Delta; Wikipedia (russisch): Селенга, Дельта Селенги, Снежная (ergänzend). Stand: Oktober 2026.
