Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Der See

Sarma, Bargusin, Kultuk: Die Winde des Baikalsees

Längswinde, Fallwinde und die gefürchtete Sarma über dem Kleinen Meer

Bereich
Der See
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Vom Wind einseitig gebeugte Lärche auf einem Steppenhang über dem See mit Schaumkronen
Abb. 1Vom ständigen Wind geformt: eine Lärche über dem See. Symbolbild
Kurz gesagt

Am Baikalsee wehen eigene, benannte Winde. Längs der Seeachse bläst der Werchowik aus Nordost und der Kultuk aus Südwest, quer dazu stürzen Gornaja und Sarma von den Bergen des Westufers. Die Sarma ist der heftigste: Im Herbst erreicht sie über dem Kleinen Meer 30 bis 40 Meter pro Sekunde. Der Bargusin weht aus dem gleichnamigen Tal.

Warum weht am Baikalsee so viel Wind?

Am Baikal weht so viel Wind, weil dort drei Einflüsse zusammenkommen: die großräumigen Luftströmungen über Sibirien, der hohe Gebirgsrahmen des Sees und der Temperaturunterschied zwischen dem großen, trägen Wasserkörper und dem rasch auskühlenden oder erwärmten Land. Russische Lehrbücher der Baikalkunde erklären die örtlichen Winde aus genau diesem Zusammenspiel.

Der See liegt in einem rund 636 Kilometer langen, schmalen Graben, der von Nordost nach Südwest verläuft. Die Gebirge zu beiden Seiten lenken die Luft in diese Richtung um, sodass Winde, die über dem freien Land aus ganz verschiedenen Richtungen kämen, über dem See meist längs der Achse wehen. Seitlich münden zahlreiche Täler in den Graben. Durch sie fließt kalte Luft von den Hochflächen herab, beschleunigt sich in den engen Tälern wie in einer Düse und stürzt als Fallwind auf das Wasser. Solche Winde ähneln der Bora an der Adria.

Dazu kommt der Wärmehaushalt. Im Sommer ist der See kälter als das Land, im Herbst deutlich wärmer, und diese Gegensätze treiben eigene Luftbewegungen an. Im Hochwinter dagegen liegt über dem Baikal meist das Sibirische Hoch, ein ausgedehntes Kältehoch, unter dem es oft tagelang fast windstill ist. Die Temperaturen und Jahreszeiten im Überblick beschreibt die Seite zu Klima und Jahreszeiten am Baikalsee.

Welche Winde gibt es am Baikalsee?

Die Baikalkunde unterscheidet vier Hauptwinde: zwei Längswinde, Werchowik und Kultuk, und zwei Querwinde, Gornaja und Schelonnik. Die Sarma gilt als besonders heftige Form der Gornaja. Dazu kommen Talwinde, die nach den Tälern benannt sind, aus denen sie wehen, etwa der Bargusin. Über dem ganzen See ist die Gornaja der beständigste Wind, im Süden zusätzlich der Kultuk, im Mittel- und Nordteil der Werchowik.

WindHerkunftHauptgebietTypische StärkeWetter, Jahreszeit
WerchowikNordost, längs der Achseganzer See, vor allem Mitte und WestuferSommer 2–8 m/s, kalte Jahreszeit bis 9 m/sfast immer klar und sonnig; 8 Stunden bis 2,5 Tage
AngaraNord, aus dem Tal der Oberen AngaraNordendewie Werchowikörtlicher Name des Werchowik
BargusinOst bis Nordost, aus dem Bargusin-TalMittelbecken, Bargusin-Bucht bis Olchonmeist unter 20 m/skalter Fallwind, meist kürzer als ein Tag, stärkste im Herbst
KultukSüdwest, im Norden aus SüdSüd- und Mittelbecken, OstuferSommer bis 5–6 m/s, Herbst 8–10 m/sfast immer schlechtes Wetter
GornajaNordwest, quer zum SeeWestufer, ganzer Seestark, böigam längsten von August bis Dezember
SarmaNordwest, aus dem Sarma-TalKleines Meer, Mittelbecken30–40 m/s, Berichte über Böen bis 60 m/sHerbst und Frühwinter, besonders November und Dezember
SchelonnikSüdost, quer zum SeeWestufer (Wellen)Sommer bis 8–10 m/sselten, vor allem im Herbst
Karte des Baikalsees mit Pfeilen für Werchowik, Angara, Bargusin, Kultuk, Gornaja, Sarma und Schelonnik
Abb. 2Die Hauptwinde des Sees und ihre Richtungen. Datengrafik nach Großer Sowjetischer Enzyklopädie und Galasi

Die Werte stammen aus russischen Übersichtswerken und Lexika und beschreiben typische Verhältnisse, keine Rekorde. Wo ein Wind in einen anderen übergeht, wechseln auch die Namen: Der Nordostwind heißt am Nordende, wo er aus dem Tal der Oberen Angara kommt, selbst Angara, und dort, wo er sich mit der Luft aus dem Bargusin-Tal verbindet, Bargusin.

Wie entsteht die Sarma?

Die Sarma entsteht, wenn kalte Luft aus dem Norden über die Hochfläche westlich des Baikals herankommt und über die Primorski-Kette auf den See überläuft. Dabei stürzt sie über einen Höhenunterschied von mehr als 500 Metern hinab und wird in das Tal des Flusses Sarma gelenkt, das sich zum Seeufer hin verengt. Das Tal wirkt wie ein natürlicher Windkanal. An seiner Mündung gegenüber von Olchon erreicht der Wind Orkanstärke.

Die Große Sowjetische Enzyklopädie gibt für die Gornaja und ihre Spielart im Gebiet von Olchon, die Sarma, im Herbst und Frühwinter Geschwindigkeiten von 30 bis 40 Metern pro Sekunde an, das sind rund 110 bis 145 Kilometer pro Stunde. Russische Übersichten berichten von einzelnen Böen bis 60 Metern pro Sekunde; solche Spitzenwerte sind aber nicht durch eine benannte Messung belegt. Am häufigsten weht die Sarma im November mit im Mittel rund 10 Tagen und im Dezember mit rund 13 Tagen, also in den Wochen, bevor der See zufriert. Sie setzt schlagartig ein, bläst in heftigen Stößen mit kurzen Pausen dazwischen und kann mehrere Tage anhalten.

Meist bleibt sie auf das Kleine Meer beschränkt, die Meerenge zwischen Olchon und dem Festland. Ihre Ausläufer können aber bis zum Ostufer reichen. Nach russischen Beschreibungen müssen die Bewohner des Dorfes Sarma an der Talmündung ihre Dächer eigens sichern. In der Geschichte der Schifffahrt hat sie Spuren hinterlassen: Im Oktober 1901 soll ein Dampfer, der Lastkähne schleppte, vor dem Kap Kobylja Golowa auf die Felsen geworfen worden sein; die überlieferten Opferzahlen weichen stark voneinander ab.

Sturm über einer Meerenge mit Schaumstreifen und brechenden Wellen an einer Felsinsel, im Vordergrund niedergedrücktes Steppengras
Abb. 3Herbststurm über einer Meerenge. Symbolbild

Was sind Werchowik, Bargusin und Kultuk?

Der Werchowik ist der Nordostwind, der längs des Sees weht. Er setzt meist ein, wenn sich von Westen eine Warmfront nähert, während über Transbaikalien hoher Luftdruck liegt. Er bringt fast immer sonniges, klares Wetter und hält je nach Jahreszeit 8 bis 15 Stunden oder bis zu zweieinhalb Tage an. Über dem Nordbecken ist er im Sommer meist schwach, über der Seemitte erreicht er rund 8 Meter pro Sekunde und baut im mittleren und südlichen See kräftigen Seegang auf.

Der Bargusin ist nach der Großen Russischen Enzyklopädie ein kalter Ost- oder Nordostwind vom Typ der Bora, der aus dem Tal des Flusses Bargusin vor allem über den mittleren See weht. Er erreicht meist weniger als 20 Meter pro Sekunde, dauert in der Regel weniger als einen Tag und ist im Herbst am stärksten. In der Bargusin-Bucht kann er Wellen von bis zu 4 Metern aufwerfen. Bekannt ist er aus dem Lied „Ruhmreiches Meer, heiliger Baikal“, das auf ein Gedicht von Dmitri Dawydow aus dem Jahr 1848 zurückgeht und in dem der Sänger den Bargusin bittet, die Wellen anzutreiben.

Der Kultuk weht aus der Gegenrichtung, aus Südwest, und ist nach dem Ort Kultuk am Südwestende benannt; er heißt auch Nisowik. Er beginnt im Tal des Irkut, fällt durch das Tal der Kultutschnaja zum See herab und folgt dann der Seeachse nach Nordosten, meist bis etwa zur Bargusin- und Tschiwyrkui-Bucht. Er entsteht, wenn südlich des Sees hoher und im Norden tiefer Luftdruck herrscht, und bringt fast immer trübes, regnerisches Wetter, im Herbst kräftige Stürme am Südufer. Als Vorzeichen gilt Nebel auf den Gipfeln des Chamar-Daban.

Wann sind am Baikal die meisten Stürme und wie hoch werden die Wellen?

Die stürmischste Zeit sind die Monate Oktober bis Dezember. Dann ist der See noch offen und wärmer als die Luft, während Kaltluft aus dem Norden heranströmt. Je nach Uferabschnitt zählt man im Jahr 18 bis 148 Sturmtage, gehäuft im Frühjahr und im Herbst. Am stärksten betroffen ist das Gebiet um Olchon: Dort entfallen in den Monaten Oktober bis Dezember nach russischen Übersichten rund 58 Sturmtage auf 100 Tage.

Die Wellen erreichen auf dem Baikal meist 1 bis 3 Meter, bei Stürmen 4 bis 5 Meter und mehr. Weil der See lang und tief ist, kann sich bei Längswinden über große Strecken Seegang aufbauen. Gefährlicher für kleine Boote sind aber die Querwinde. Sarma und Gornaja kommen ohne lange Vorwarnung, werfen in kurzer Zeit steile, kurze Wellen auf und drücken Boote vom Westufer weg auf das offene Wasser. Seltener ist der Schelonnik aus Südost, der am Westufer starken Wellengang verursacht, selbst aber oft über dem See abflaut.

Neben diesen großen Winden gibt es im Sommer eine regelmäßige Brise. Tagsüber weht der Wind vom kühlen See auf das wärmere Land, abends und nachts strömt Luft aus den Tälern auf den See hinaus und erreicht dabei 8 bis 10 Meter pro Sekunde. Diese Talwinde tragen die Namen der Täler, aus denen sie kommen.

Was bewirken die Winde im Wasser und auf dem Eis?

Im Sommer verschieben die Winde das Wasser. Sie treiben die warme Oberflächenschicht an das gegenüberliegende Ufer, während an dem Ufer, von dem der Wind kommt, kaltes Tiefenwasser aufsteigt. Deshalb kann die Wassertemperatur am selben Strand von einem Tag zum anderen um mehrere Grad fallen. Wo die flachen, windgeschützten Buchten liegen, die sich besonders erwärmen, zeigt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.

Im Herbst bestimmen die Stürme mit, wann der See zufriert, denn bewegtes Wasser verliert zwar viel Wärme, lässt aber keine geschlossene Eisdecke zu. Ist das Eis da, fegt der Wind häufig den Schnee fort, sodass große Flächen blanken, klaren Eises frei liegen und Schneefahnen über den See treiben. Wind und Temperaturschwankungen schieben die Eisschollen gegeneinander und türmen sie zu Pressrücken auf; diese Eiswälle beschreibt die Seite über die Eishügel (Torossy) am Baikal.

Für die Menschen an den Ufern waren die Winde seit jeher bestimmend. Fischer und Schiffer im Kleinen Meer suchten bei Sarma Schutz in Buchten im Windschatten von Olchon und der kleinen Inseln vor dem Westufer, die auf der Seite über die Inseln im Baikalsee beschrieben sind. Siedlungen in den Talmündungen sind dem Fallwind besonders ausgesetzt, und auch der Schiffsverkehr auf dem See richtet sich bis heute nach dem Wind.

Häufige Fragen zu den Winden am Baikal

Welcher Wind ist am Baikalsee am gefährlichsten?

Die Sarma, weil sie plötzlich einsetzt und Orkanstärke erreicht. Für kleine Boote auf dem Kleinen Meer und im Mittelbecken ist sie im Herbst die größte Gefahr. Auch die Gornaja an anderen Abschnitten des Westufers kommt oft ohne Vorwarnung.

Woher hat der Kultuk seinen Namen?

Vom Ort und der Bucht Kultuk am Südwestende des Sees, über die der Wind aus den Bergen auf den Baikal herabkommt. In der Gegend heißt er auch Nisowik, weil er vom unteren Ende des Sees her weht.

Warum ist der Bargusin in einem Lied verewigt?

Das Lied „Ruhmreiches Meer, heiliger Baikal“ erzählt von einem entflohenen Sträfling, der in einem Omul-Fass über den See treibt und den Bargusin bittet, ihn voranzutreiben. Es geht auf ein Gedicht von Dmitri Dawydow von 1848 zurück und gilt als inoffizielle Hymne der Oblast Irkutsk.

Ist es am Baikal im Winter windig?

Im Hochwinter meist nicht. Unter dem Sibirischen Hoch ist es oft tagelang ruhig und klar. Windreich sind dagegen der späte Herbst vor dem Zufrieren und das Frühjahr.

Weht der Werchowik bei schönem Wetter?

Ja, der Nordostwind wird fast immer von sonnigem, klarem Wetter begleitet. Der Kultuk aus Südwest gilt dagegen als Schlechtwetterwind. Wechselt der Wind von Kultuk auf Werchowik, klart es deshalb oft auf.

Quellen: Große Sowjetische Enzyklopädie, 3. Aufl.: Baikal (Winde, Wellenhöhe); Große Russische Enzyklopädie, Bd. 3 (2005): Bargusin (Wind), archiviert; UNDP-GEF Baikal Project: State of the Environment Report, 1.4 Climatic conditions. Weitere: Wikipedia (russisch): Wetry osera Baikal (nach Galasi 1989 und Berkin et al. 2009), Sarma, Bargusin, Kultuk (Wind), Slawnoje more – swjaschtschenny Baikal. Stand: Oktober 2026.

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