Die Baikal-Riftzone ist ein je nach Abgrenzung rund 1.500 bis über 2.000 Kilometer langer Grabenbruch von der Nordmongolei bis Transbaikalien. In ihr zieht die Erdkruste zwischen Eurasischer Platte und Amurplatte auseinander, nach GPS-Messungen um rund 4 bis 5 Millimeter pro Jahr. Der Baikal füllt ihr tiefstes Becken; die oft genannten 2 Zentimeter jährlich sind nicht belegt.
Was ist die Baikal-Riftzone?
Die Baikal-Riftzone ist eine Kette von Senken in Südsibirien, in denen die Erdkruste auseinandergezogen wird und abgesunkene Krustenstreifen bildet. Fachleute nennen eine solche Zone ein kontinentales Rift. Sie gilt als die größte ihrer Art in Russland und als eine der aktivsten Strukturen Eurasiens: Hier bebt die Erde häufig, der Wärmestrom aus dem Untergrund ist erhöht, und es gibt junge Vulkanfelder und heiße Quellen.
Der Vorgang lässt sich mit drei Begriffen beschreiben. Wird die Kruste gedehnt, reißt sie entlang steiler Bruchflächen auf, der Verwerfungen. Zwischen zwei solchen Brüchen sinkt ein Krustenblock ab; es entsteht ein Graben. Ist er nur an einer Seite von einer großen Verwerfung begrenzt, während die andere Seite sanft abfällt, spricht man von einem Halbgraben. Die Bruchfläche am Grabenrand heißt Randstörung. An ihr ist der Versatz am größten, und an ihr entstehen die steilen Gebirgsflanken, die den Baikal so markant einrahmen.
Dass am Baikal überhaupt ein Rift aufbricht, ist ungewöhnlich, denn die nächste aktive Plattengrenze, an der Platten zusammenstoßen oder abtauchen, liegt Tausende Kilometer entfernt. Die Riftzone folgt dem Südostrand des Sibirischen Kratons, eines uralten und sehr starren Teils der Erdkruste. Östlich davon liegt jüngeres, gefaltetes Gebirgsland, das zur Amurplatte gerechnet wird. Die Grenze zwischen beiden ist eine Schwächezone, die schon vor Hunderten Millionen Jahren angelegt wurde und die das heutige Rift nachzeichnet.
Wie lang ist die Riftzone und welche Becken gehören dazu?
Die Große Russische Enzyklopädie gibt die Länge der Riftzone mit rund 2.000 Kilometern an, andere Darstellungen nennen 1.500 bis 1.600 oder mehr als 2.000 Kilometer. Die Zahlen widersprechen sich nicht, sondern messen Verschiedenes: Je nachdem, ob man nur die großen Becken zählt oder auch kleinere Senken und Bruchzonen an den Enden, wird die Zone kürzer oder länger.
Die Kette beginnt im Südwesten in der Nordmongolei mit dem Becken des Chöwsgöl-Sees, das nahezu nordsüdlich verläuft. Ostwärts folgt das Tunka-Becken, eine rund 190 Kilometer lange Talsenke, durch die der Irkut fließt. Daran schließt das Baikalbecken an, das größte und tiefste Glied, das nach Nordosten umbiegt. Nördlich davon setzt sich die Zone über das Bargusin-Becken und die Senken der Oberen Angara, der Muja und der Tschara fort, bis sie sich im Bergland Transbaikaliens verliert.
| Becken | Lage | Ausdehnung | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Chöwsgöl | Nordmongolei, südwestlich des Baikals | See rund 136 km lang | wassergefüllt, bis rund 262 m tief |
| Tunka | zwischen Tunkinskije Golzy und Chamar-Daban | rund 190 km lang, bis 25 km breit | sechs Teilsenken, junge Vulkane |
| Südbaikal | Südwestende bis Selenga-Delta | tiefste Stelle 1.461 m | Teil des Baikalsees |
| Mittelbaikal | Selenga-Delta bis Olchon und Uschkani-Inseln | tiefste Stelle 1.642 m | tiefster Punkt der Riftzone |
| Nordbaikal | bis Nischneangarsk | tiefste Stelle 904 m | jüngstes der drei Seebecken |
| Bargusin | Ostseite, Tal des Bargusin | rund 200 km lang, bis 35 km breit | breite, mit Flussablagerungen verfüllte Talebene |
| Obere Angara | nordöstlich des Sees | rund 120 km lang, bis 40 km breit | Talebene am Oberlauf der Oberen Angara |
| Muja-Kuanda | Nordtransbaikalien | rund 130 km lang, bis 50 km breit | mit Fluss- und Seesanden verfüllt |
| Tschara | zwischen Kodar und Udokan | rund 125 km lang, bis 35 km breit | Sanddünen der Tscharskije Peski |

Nur zwei dieser Becken sind heute mit großen Seen gefüllt, der Chöwsgöl und der Baikal. Die übrigen sind mit Flussschotter, Seeablagerungen und vulkanischem Material aufgefüllt. Das Tunka-Becken gilt als ehemaliger See ähnlich dem Baikal und dem Chöwsgöl, dessen Boden verlandet ist. Wie sich der Baikal selbst in drei Becken gliedert, zeigt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.
Wie ist der Baikalgraben gebaut?
Der Baikalgraben ist asymmetrisch. Am Nordwestrand verläuft eine große Randstörung, an der die Scholle unter dem See am tiefsten abgesunken ist, während die Südost- und Ostseite flacher ansteigt. Deshalb fallen die Westufer an vielen Stellen als Steilhänge ins Wasser, und die größten Tiefen liegen nicht in der Seemitte, sondern näher am Westufer.
Im Mittelbecken heißen die wichtigsten Brüche am Westrand Primorski- und Morskoi-Störung. Die Primorski-Störung ist alt und war schon im Erdaltertum angelegt; im jüngeren Erdzeitalter, dem Känozoikum, lebte sie als Dehnungsbruch wieder auf. Als größte Verwerfung des Mittelbeckens gilt die Morskoi-Störung unter dem Seeboden, nach einer Deutung übernimmt aber zunehmend die Primorski-Störung die Hauptbewegung. Zwischen Olchon und den Uschkani-Inseln zieht sich der Akademikerrücken quer durch den See, ein untermeerischer Höhenzug aus gekippten Krustenblöcken, der das Mittel- vom Nordbecken trennt. Im Norden besteht der Graben aus kleineren Halbgräben, deren Schollen einseitig gekippt sind.

Die Wassertiefe zeigt nur den oberen Teil der Struktur. Seismische Messungen des U.S. Geological Survey und russischer Institute ergaben, dass sich die mächtigsten Ablagerungen in einer nur 15 bis 20 Kilometer breiten Rinne sammeln. Dort sind die Sedimente über 7 Kilometer dick, nach der Großen Russischen Enzyklopädie bis 7,5 Kilometer. Der Felsboden des Grabens liegt damit vermutlich 8 bis 9 Kilometer tief, was den Baikal zu einem der tiefsten aktiven Rifts der Erde macht. Unter dem Nordbecken sind die Sedimente mit 4 bis 5 Kilometern deutlich dünner, ein Hinweis darauf, dass es jünger ist. Wie tief das Wasser selbst ist und wie man es gemessen hat, beschreibt die Seite zur Tiefe des Baikalsees.
Die Erdkruste unter dem Rift ist mit rund 32 bis 34 Kilometern etwas dünner als in der Umgebung. Unter dem Sibirischen Kraton reicht die feste Gesteinshülle, die Lithosphäre, über 100 Kilometer tief, östlich und südlich des Rifts nur 70 bis 80 Kilometer. Ob unter dem Graben heißes Mantelmaterial aufsteigt, ist umstritten; die Messungen zeigen eher eine mäßig ausgedünnte als eine stark aufgeheizte Lithosphäre.
Wie schnell wird der Baikalsee breiter?
Der Baikal wird jedes Jahr um einige Millimeter breiter, nicht um Zentimeter. Ein französisch-russisches Team maß von 1994 bis 1997 mit GPS-Stationen beiderseits des Sees eine Öffnung von 4,5 Millimetern pro Jahr, mit einer Unsicherheit von gut einem Millimeter. Eine Auswertung der Messungen bis 2002 bestätigte rund 4 Millimeter, eine weitere Studie 4 bis 5 Millimeter in nordwest-südöstlicher Richtung.
Die Messungen zeigen außerdem, dass sich das Rift nicht nur öffnet, sondern dass Krustenblöcke auch seitlich aneinander vorbeigleiten. Entlang der Tunka-Störung im Südwesten verschieben sich die Blöcke nach den GPS-Daten um rund 2 Millimeter pro Jahr gegeneinander, und zwar linksseitig. Über geologische Zeiträume summiert sich die Bewegung: Für die gesamte Dehnung des Systems werden rund 7 Kilometer angegeben, für den senkrechten Versatz rund 12 Kilometer.
Die in deutschsprachigen Texten verbreitete Angabe, der Graben weite sich um 2 Zentimeter pro Jahr, ist durch Messungen nicht belegt. Sie liegt rund viermal über den GPS-Werten. Wie viel 4 Millimeter sind, zeigt ein Vergleich: Über ein Menschenleben von 80 Jahren rücken die Ufer etwa 30 Zentimeter auseinander. Die Werte mit ihren Spannen sind auch unter Alter und Entstehung des Baikalsees eingeordnet.
Warum reißt die Erdkruste am Baikal auf?
Warum die Kruste gerade hier aufreißt, ist nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden drei Antriebe, die sich nicht ausschließen. Nach der ersten Erklärung ist der Baikal eine Fernwirkung der Kollision Indiens mit Asien: Der Zusammenstoß presst Asien zusammen und schiebt Krustenblöcke nach Osten, sodass am starren Rand des Sibirischen Kratons Dehnung entsteht. Forscher sprechen dann von passivem Rifting. Nach den GPS-Messungen wird ein Teil der Bewegung, die aus der Kollision stammt, tatsächlich weit im Norden aufgefangen.
Die zweite Erklärung, unter russischen Forschern besonders verbreitet, nimmt an, dass heißes Mantelmaterial unter dem Rift aufsteigt, die Kruste anhebt und auseinanderdrückt, also aktives Rifting. Dafür spricht der erhöhte Wärmefluss, dagegen spricht, dass das Baikalrift nach geophysikalischen Messungen kälter ist als andere kontinentale Rifts. Als dritter Faktor gelten Kräfte, die von der Subduktion der Pazifischen Platte im fernen Osten ausgehen.
Eine viel zitierte Synthese von 2006 kommt zu einem gemischten Bild. Danach hat sich der Charakter des Rifts in seiner rund 30 Millionen Jahre langen Geschichte verändert: In der frühen Phase im Oligozän herrschten wohl seitliche Verschiebungen vor, die flache Becken schufen. Die eigentlichen Grabenbecken entstanden überwiegend später, im späten Miozän oder Pliozän, als sich die Bewegungen in Asien neu ordneten, etwa mit dem raschen Aufstieg des tibetischen Hochlands. Form und Asymmetrie des Rifts werden dabei stark vom Rand des Kratons bestimmt.
Welche Erdbeben und Vulkane gibt es in der Riftzone?
Die Riftzone ist eines der erdbebenreichsten Gebiete Russlands. Starke Beben können eine Intensität von 10 bis 11 Stufen auf der zwölfteiligen Skala erreichen. Instrumentell überwacht wird die Region seit 1901, als in Irkutsk die erste seismische Station eröffnet wurde; heute betreibt die Baikal-Filiale des Geophysikalischen Dienstes der Russischen Akademie der Wissenschaften ein Stationsnetz in der Region, dessen Stationen allerdings teils mehr als 100 Kilometer auseinanderliegen.
| Jahr | Beben | Magnitude | Folgen |
|---|---|---|---|
| 1862 | Zagan-Beben, Selenga-Delta | rund 7,5 | Zagan-Steppe sinkt ab, Proval-Bucht entsteht |
| 1957 | Muja-Beben, Nordtransbaikalien | 7,6 | Bergstürze, Spalten, neuer See im Namarakit-Tal |
| 2008 | Beben im Südbecken bei Baikalsk | 6,1–6,3 | in ganz Ostsibirien spürbar, kaum Schäden |
Das bekannteste Ereignis ist das Zagan-Beben im Januar 1862. Dabei sackte nördlich des Selenga-Deltas eine Uferebene von rund 200 bis 260 Quadratkilometern um mehrere Meter ab und lief voll Wasser. Mehr als tausend Menschen in fünf burjatischen Siedlungen verloren ihr Land. Beim Muja-Beben 1957 hob sich der Udokan-Rücken um 1 bis 1,5 Meter, das benachbarte Namarakit-Becken sank um 5 bis 6 Meter ab; es entstanden Spalten mit einer Gesamtlänge von rund 30 Kilometern.
Vulkane gibt es am Baikal selbst nicht. In der weiteren Riftzone sind jedoch mindestens fünf junge Vulkangebiete bekannt: das Oka-Plateau im Ostsajan, das Dschida-Gebiet, das Tunka-Becken mit dem Tscherski-Vulkan, das Witim-Plateau und das Udokan-Plateau rund 400 Kilometer nordöstlich der Nordspitze des Sees. Dort finden sich Lavaströme und gut erhaltene Schlackenkegel. Häufiger als Vulkane sind heiße Quellen, an Land wie am Seeboden. Beim Bau des Seweromuisker Tunnels der Baikal-Amur-Magistrale drang durch die Bruchzonen heißes Wasser in die Stollen und erschwerte die Arbeiten erheblich.
Was unterscheidet das Baikalrift vom Ostafrikanischen Graben?
Beide sind Beispiele für Rifts, die mitten in einem Kontinent aufbrechen, unterscheiden sich aber deutlich. Der Ostafrikanische Graben ist länger und wird von starkem Vulkanismus begleitet, mit großen Vulkanen am Grabenrand und im Graben selbst. Am Baikal liegt der Vulkanismus abseits des Sees und ist vergleichsweise schwach. Auch der Untergrund unterscheidet sich: Nach geophysikalischen Messungen ist das Baikalrift kälter, seine Lithosphäre ist weniger stark ausgedünnt.
Gemeinsam ist beiden, dass sich in ihren Gräben sehr tiefe und sehr alte Seen gebildet haben. Der Tanganjikasee in Ostafrika ist nach dem Baikal der zweittiefste See der Erde; den Vergleich zeigt die Seite über die tiefsten Seen der Welt. Ob aus einem der beiden Rifts einmal ein Ozean wird, lässt sich nicht vorhersagen. Viele Rifts der Erdgeschichte sind in diesem frühen Stadium stehen geblieben. Bei 4 Millimetern pro Jahr bräuchte der Baikalgraben 25 Millionen Jahre, um sich um 100 Kilometer zu weiten, sofern die Dehnung überhaupt so lange anhält.
Häufige Fragen zur Baikal-Riftzone
Liegt der Baikalsee auf einer Plattengrenze?
Ja, nach gängiger Deutung auf der Grenze zwischen der Eurasischen Platte im Westen und der Amurplatte im Osten. Einige Geodäten bezweifeln allerdings, dass die Amurplatte ein eigenständiger starrer Block ist. Unstrittig ist, dass sich die beiden Seiten des Sees messbar voneinander entfernen.
Spürt man am Baikal oft Erdbeben?
Schwache Beben, die nur Messgeräte erfassen, sind häufig. Stärkere, deutlich spürbare Beben treten in der Region alle paar Jahre auf, zerstörerische im Abstand von Jahrzehnten. Das Beben von 2008 im Südbecken war in ganz Ostsibirien zu spüren, richtete aber kaum Schäden an.
Gehört der Chöwsgöl-See zur selben Riftzone?
Ja. Der Chöwsgöl in der Nordmongolei liegt im südwestlichsten Becken der Riftzone und ist nach dem Baikal ihr zweiter großer See. Er ist rund 136 Kilometer lang und bis rund 262 Meter tief, also viel kleiner und flacher.
Woher kommt die Zahl von 2 Zentimetern pro Jahr?
Ihre Herkunft ist unklar; sie findet sich in mehreren Lexika und Webseiten, aber ohne Messbeleg. Alle bekannten GPS-Messungen seit 1994 ergeben 4 bis 5 Millimeter pro Jahr. Die Angabe ist deshalb als überholt beziehungsweise unbelegt anzusehen.
Gibt es am Seeboden heiße Quellen?
Ja. Neben den Thermalquellen an Land, etwa am Nordufer und in der Tschiwyrkui-Bucht, treten auch am Seeboden warme Wässer aus. Sie folgen den Bruchzonen des Rifts und sind ein Zeichen für den erhöhten Wärmestrom im Untergrund.
Quellen: Große Russische Enzyklopädie, Bd. 2 (2005): Baikalskaja riftowaja sistema (W. J. Chain, archiviert); U.S. Geological Survey: Lake Baikal – A Touchstone for Global Change and Rift Studies; Petit und Déverchère (2006): Structure and evolution of the Baikal rift: A synthesis, G³; Calais et al. (2003): GPS measurements of crustal deformation in the Baikal-Mongolia area (1994–2002), JGR. Weitere: Calais et al. 1998 (GRL 25), Tiberi et al. 2003 (JGR), Vergnolle et al. 2003 (GJI), Wikipedia (deutsch, englisch, russisch): Baikalrift, Tunka-Becken, Zagan- und Muja-Beben. Stand: Oktober 2026.
