Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Der See

Wie alt ist der Baikalsee und wie ist er entstanden?

Wie ein Grabenbruch den ältesten See der Erde geschaffen hat

Bereich
Der See
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Steile, kahle Bruchstufe einer Bergkette mit Geröllhalden, die direkt zum Kiesstrand und See abfällt
Abb. 1Die Primorski-Kette am Westufer: Der steile Gebirgsrand folgt einer Verwerfung des Riftgrabens. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Baikalsee ist nach heutigem Forschungsstand 25 bis 30 Millionen Jahre alt und damit der älteste See der Erde. Er liegt in einem Grabenbruch, in dem die Erdkruste zwischen der Eurasischen und der Amurplatte auseinanderdriftet, heute um rund 4 Millimeter pro Jahr. Sein Alter erschließen Forscher aus Seismik, Bohrkernen und den Stammbäumen endemischer Arten.

Wie alt ist der Baikalsee?

Der Baikalsee ist nach den meisten Fachquellen 25 bis 30 Millionen Jahre alt. Einige Lexika nennen vorsichtiger „mehr als 25 Millionen Jahre“ oder 20 bis 25 Millionen Jahre. Damit ist er der älteste bestehende See der Erde; der Tanganjikasee in Ostafrika, oft als zweitältester See genannt, ist in seinem ältesten Teil etwa 9 bis 12 Millionen Jahre alt.

Eine einzige Zahl vereinfacht allerdings. Der See ist nicht auf einmal entstanden, und seine Becken sind unterschiedlich alt. Eine Untersuchung des U.S. Geological Survey aus dem Jahr 2003 schätzte aus Sedimentationsraten, dass die Grabenbildung im Mittelbecken vor etwa 25 Millionen Jahren begann, im Nordbecken erst vor rund 11 Millionen Jahren. Die Autoren bezeichneten diese Werte ausdrücklich als vorläufig. Einzelne russische Geologen setzen den Beginn noch früher an und sehen Vorläuferbecken bis in die späte Kreidezeit vor rund 70 Millionen Jahren. Das ist eine Minderheitenposition, zeigt aber, dass das Alter des Baikals eine offene Forschungsfrage ist und keine feste Zahl.

Gemeint ist bei allen Angaben das Alter des Beckens, in dem sich seither ohne Unterbrechung Wasser sammelt. Die Gestalt des Sees hat sich in dieser Zeit stark verändert: Aus anfangs flacheren, teils getrennten Senken wurde erst nach und nach der tiefe, zusammenhängende See von heute.

Woher weiß man, wie alt der Baikalsee ist?

Das Alter ergibt sich nicht aus einer einzelnen Messung, sondern aus drei unabhängigen Hinweisen, die sich gegenseitig stützen: der Mächtigkeit der Sedimente, datierten Bohrkernen und der Stammesgeschichte der Tiere, die nur hier leben.

Der erste Hinweis ist das Sedimentpaket. Mit seismischen Messungen, bei denen Schallwellen vom Schiff aus in den Untergrund geschickt werden, haben russische und amerikanische Teams die Schichten unter dem Seeboden kartiert. Sie sind über 7 Kilometer mächtig. Aus Radiokarbon-Datierungen weiß man, wie schnell sich in der Nacheiszeit Schlamm ablagert: auf Unterwasserrücken weniger als 0,03 Millimeter pro Jahr, auf den Beckenböden über 0,3 Millimeter. Rechnet man diese Raten zurück und berücksichtigt, dass ältere Schichten zusammengepresst sind, kommt man für das Mittelbecken auf etwa 25 Millionen Jahre.

Der zweite Hinweis stammt aus Bohrungen. Im internationalen Baikal Drilling Project wurde ab 1993 vom Wintereis aus gebohrt, auf dem die Bohrtechnik stand. Die längste Bohrung, BDP-98, setzte 1998 auf dem Akademikerrücken in 333 Metern Wassertiefe an und förderte einen durchgehenden Kern von 600 Metern Länge. Sein unterer Teil wird auf rund 10 Millionen Jahre datiert, andere Auswertungen kommen auf 8,4 bis über 11 Millionen Jahre. Der Kern reicht damit nur durch einen Teil der Ablagerungen; die tiefsten und ältesten Schichten des Grabens hat noch keine Bohrung erreicht.

Der dritte Hinweis sind die Endemiten. Viele Tiergruppen des Baikals haben sich hier in großen Artenschwärmen aufgefächert, was viel Zeit braucht. Bei den Muschelkrebsen der Familie Candonidae datieren molekulare Stammbäume die Hauptaufspaltung auf etwa 12 bis 5 Millionen Jahre, die Flohkrebse sind nach genetischen Daten in mindestens zwei getrennten Wellen eingewandert. Solche Datierungen sind unsicher, passen aber zu einem See, der über viele Millionen Jahre bestand.

Die Bohrkerne sind zugleich ein Klimaarchiv. In Warmzeiten blühen im See Kieselalgen, deren Schalen sich als heller, siliziumreicher Schlamm absetzen; in Kaltzeiten, wenn der See lange zugefroren ist und Gletscher an den Ufern Gesteinsmehl liefern, fehlen sie fast ganz. Der Wechsel dieser Schichten zeichnet seit gut 2,5 Millionen Jahren die Abfolge der Eiszeiten nach, in tieferen Lagen das wärmere Klima des Miozäns. Weil die Kontinentalgletscher den See nie überfahren haben, ist dieses Archiv nicht ausgeräumt worden. Für das Innere Asiens gibt es kaum eine vergleichbar lange, lückenlose Klimareihe.

Schräg gestellte Gesteinsschichten mit hellen Marmorbändern an einem Felsufer
Abb. 2Schräg gestellte metamorphe Gesteine am Ufer. Symbolbild

Warum werden die meisten Seen nicht so alt?

Die meisten Seen der Erde sind jung, weil sie sich mit der Zeit selbst auffüllen. Flüsse schwemmen Sand und Schlamm ein, abgestorbene Pflanzen und Algen sinken zu Boden, vom Ufer her wächst Verlandungsvegetation in den See. Viele Seen verlanden so innerhalb von Jahrtausenden bis Zehntausenden von Jahren. Die meisten Seen Mitteleuropas, Skandinaviens und Nordamerikas sind zudem erst nach der letzten Eiszeit entstanden, als die Gletscher abschmolzen, und damit kaum älter als 10.000 bis 20.000 Jahre.

Älter als eine Million Jahre sind weltweit nur rund zwanzig Seen. Die meisten liegen in tektonischen Senken, deren Boden sich weiter absenkt und so die Auffüllung ausgleicht. Der Baikal ist der extreme Fall: Sein Becken sinkt bis heute schneller ab, als es sich füllt, deshalb ist er trotz Millionen Jahren Sedimentation noch 1.642 Meter tief. Die Geschichte dieser Tiefenmessung erzählt die Seite über die Tiefe des Baikalsees. Welche anderen alten Grabenseen es gibt, etwa den Tanganjika- und den Malawisee, zeigt der Vergleich der tiefsten Seen der Welt.

Wie ist der Baikalsee entstanden?

Der Baikalsee ist entstanden, weil die Erdkruste in Südsibirien auseinandergezogen wird und in der Mitte ein langer Krustenstreifen absinkt. Solche Strukturen heißen Grabenbruch oder Rift. Die Baikal-Riftzone zieht sich über mehr als 1.500 Kilometer von der Mongolei bis in den Norden Transbaikaliens und besteht aus einer Kette von Becken, deren tiefstes der Baikal füllt.

Westlich des Grabens liegt die Sibirische Tafel, ein uralter, stabiler Block der Eurasischen Platte. Östlich davon beginnt das Bergland, das zur Amurplatte gerechnet wird. Die Grenze zwischen beiden folgt alten Schwächezonen der Kruste, die schon vor Hunderten Millionen Jahren angelegt wurden. Der Graben ist asymmetrisch: An seinem Westrand verläuft der Hauptbruch, an dem der Boden am tiefsten abgesunken ist, weshalb die Westufer steil sind und die Ostufer sanfter ansteigen. Im Norden bilden sich sogenannte Halbgräben, bei denen eine Scholle einseitig gekippt ist.

Welche Kraft den Graben aufreißt, ist umstritten. Eine Erklärung sieht die Ursache weit im Süden: Die Kollision Indiens mit Asien presst Asien zusammen und schiebt Krustenblöcke seitlich weg; der Baikal wäre dann eine ferne Folge dieser Kollision. Eine zweite, besonders unter russischen Forschern verbreitete Erklärung nimmt an, dass heißes Material aus dem Erdmantel unter dem Graben aufsteigt, die Kruste anhebt und auseinanderdrückt. Diskutiert wird außerdem ein Einfluss der Subduktion der Pazifischen Platte im Osten. Möglich ist auch, dass mehrere Ursachen zusammenwirken. Vulkane gibt es am See selbst nicht, wohl aber heiße Quellen an Land und am Seeboden sowie junge Vulkanfelder in einigen Hundert Kilometern Entfernung.

In welchen Phasen hat sich das Becken entwickelt?

Die klassische Gliederung unterscheidet zwei Hauptphasen. In der ersten, seit dem Oligozän vor rund 30 bis 25 Millionen Jahren, dehnte sich die Kruste langsam. Es bildeten sich flache Senken mit Seen und Sümpfen; ihre Ablagerungen, in der Fachliteratur als „Protorift“-Einheit bezeichnet, sind Flachwassersedimente, die heute gefaltet und verworfen sind.

Im Pliozän beschleunigte sich das Geschehen. Nach den meisten Datierungen setzte das schnelle Rifting vor etwa 7 bis 5 Millionen Jahren ein, manche Autoren nennen das frühe Pliozän. Der Graben vertiefte sich rasch, die umliegenden Gebirge wurden herausgehoben, und aus den flachen Becken wurde ein tiefer See. Etwa in dieser Zeit hob sich auch der Akademikerrücken, der heute Nord- und Mittelbecken trennt; seither ist er vom Schutt der großen Flüsse weitgehend abgeschirmt, weshalb sich seine ruhig abgelagerten Schichten so gut für Bohrungen eignen. Seismische Profile zeigen außerdem, dass Mittel- und Südbecken in den letzten rund 650.000 Jahren besonders schnell abgesunken sind, schneller, als Sedimente nachkamen.

Das Zwei-Phasen-Modell ist nicht unumstritten. Neuere Arbeiten schlagen drei Phasen vor oder verschieben die Grenzen. Einig ist sich die Forschung darin, dass der heutige tiefe Baikal das Ergebnis einer späten, schnellen Absenkung auf einem viel älteren Fundament ist.

Bewegt sich der Baikalgraben heute noch?

Ja. GPS-Messungen von 1994 bis 1997 ergaben, dass sich die beiden Grabenschultern um rund 4,5 Millimeter pro Jahr voneinander entfernen, mit einer Unsicherheit von gut einem Millimeter; spätere Auswertungen bestätigen 4 bis 5 Millimeter. Die in vielen Texten genannte Aufweitung um 2 Zentimeter pro Jahr ist durch Messungen nicht belegt und rund viermal zu hoch. Die im Atlas verwendeten Werte mit ihren Spannen stehen gesammelt unter Zahlen und Fakten zum Baikalsee.

Die Bewegung äußert sich in Erdbeben. Die Riftzone ist seismisch sehr aktiv, stärkere Beben treten alle paar Jahre auf. Das stärkste historisch belegte ist das Zagan-Beben vom 12. Januar 1862 mit einer Magnitude von rund 7,5. Dabei sackte nördlich des Selenga-Deltas die Zagan-Steppe, eine Uferebene von rund 200 bis 260 Quadratkilometern, um mehrere Meter ab und wurde vom See überflutet. So entstand die Proval-Bucht, deren Name sich von einem russischen Wort für Einbruch ableitet. Instrumentell überwacht wird die Erdbebentätigkeit seit 1901, als in Irkutsk die erste seismische Station der Region eröffnet wurde.

Wird aus dem Baikalsee einmal ein Ozean?

Möglich ist das, vorhersagen lässt es sich nicht. Der U.S. Geological Survey beschreibt den Baikalgraben als heutiges Beispiel für das erste Kapitel eines Vorgangs, an dessen Ende sich Kontinente trennen und ein Ozean wie der Atlantik entsteht. Viele Riftzonen der Erdgeschichte sind aber in diesem frühen Stadium stehen geblieben, ohne je zu einem Ozean zu werden.

Ein Gedankenexperiment zeigt die Zeiträume: Bei 4 Millimetern pro Jahr würde der Graben in einer Million Jahre um 4 Kilometer breiter, in 25 Millionen Jahren um 100 Kilometer. Ob die Dehnung so lange anhält, sich beschleunigt oder zum Stillstand kommt, hängt von Kräften ab, die selbst noch nicht verstanden sind. Aussagen wie „der Baikal wird zum Meer“ sind deshalb Spekulation. Sicher ist nur, dass der See auf absehbare Zeit weiter existieren wird, weil sein Becken nicht verlandet.

Häufige Fragen zum Alter und zur Entstehung des Baikalsees

Ist der Baikalsee ein Vulkansee?

Nein. Er liegt in einem tektonischen Graben, nicht in einem Krater. Vulkanfelder gibt es in der weiteren Umgebung, etwa auf dem Udokan-Plateau rund 400 Kilometer nordöstlich, und heiße Quellen am Ufer, aber keinen Vulkan am See selbst.

War der Baikal schon immer ein einziger großer See?

Nein. Am Anfang standen flachere, teils getrennte Senken mit Seen und Sümpfen. Der tiefe, zusammenhängende See mit drei Becken entstand erst durch die schnelle Absenkung der letzten Millionen Jahre; das Nordbecken ist deutlich jünger als das Mittelbecken.

Wie schnell entfernen sich die Ufer voneinander?

Um rund 4 bis 5 Millimeter pro Jahr, gemessen mit GPS. Das ist etwa so viel, wie ein Fingernagel in sechs Wochen wächst. Über die Lebensdauer eines Menschen summiert sich das auf rund 30 Zentimeter.

Kann man das Alter mit einer Bohrung direkt messen?

Bisher nicht. Die längste Bohrung reichte 600 Meter in den Seeboden und erfasste rund 10 Millionen Jahre. Die darunter liegenden, älteren Schichten des über 7 Kilometer dicken Sedimentpakets sind technisch kaum zu erreichen.

Warum hat die Eiszeit den Baikal nicht ausgeräumt?

Weil die großen Eisschilde Nordeuropas und Nordamerikas Südsibirien nicht erreichten. Gletscher gab es nur in den Gebirgen rund um den See. Sein Becken und seine Sedimente blieben deshalb erhalten, anders als bei den meisten Seen der Nordhalbkugel.

Quellen: U.S. Geological Survey: Lake Baikal – A Touchstone for Global Change and Rift Studies; Colman et al. 2003: Quaternary sedimentation and subsidence history of Lake Baikal; Antipin et al. 2001: The new BDP-98 600-m drill core from Lake Baikal. Weitere: Calais et al. 1998 (GPS), Karanovic und Sitnikova 2017, Doklady-Studie zur Proval-Bucht, Wikipedia. Stand: Oktober 2026.

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